Wolf

Über Mythen und Märchen: „Rotkäppchen ist nicht aus der Luft gegriffen“

Zwei Wölfe im Wildpark Knüll (Symbolbild).
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Zwei Wölfe im Wildpark Knüll.

Der Wolf war in Nordhessen fast 200 Jahre lang ausgerottet. Nun kehrt das Raubtier zurück. Wir beleuchten in einer Serie verschiedene Aspekte des Themas. Heute: die Historie.

Der Wolf ist umrankt von Legenden, Mythen und Märchen. Einer, der sich viel damit auseinandergesetzt hat, ist Dieter Sellemann. Der 67-Jährige bietet im Tierpark Sababurg spezielle Führungen an.

In Nordhessen wurden die Wölfe vor gut 200 Jahren ausgerottet. Das hatte laut Sellemann vor allem zwei Gründe: Zum einen gingen die Landesfürsten gerne jagen und wollten dafür Wälder haben, die reich an Wild sind. Dabei war das Raubtier ein Konkurrent.

Das Wolfsgehege ist sein Revier: Dieter Sellemann organisiert im Tierpark Sababurg spezielle Führungen zum Thema.

Ganz unmittelbare Auswirkungen hatte das von den Germanen verehrte, aber von der Kirche verteufelte Tier für die gemeine Landbevölkerung. „Wenn heute ein Wolf ein paar Schafe reißt, muss deswegen niemand hungern. Früher war das aber so“, sagt Sellemann. Damals sei es üblich gewesen, dass eine Familie zum Beispiel eine Ziege (für Milch und Käse) und ein Schwein besaß, das zu Beginn des Winters geschlachtet wurde. „Wenn sich dieses Schwein dann ein Wolf geholt hatte, musste die Familie hungern. Ein Angriff auf die Nutztiere war also lebensbedrohlich“, sagt Sellemann.

Wer für die Feldarbeit Pferde oder Rinder hatte, gehörte schon zu den Reicheren. Weidetiere, die nur von Zäunen geschützt waren, gab es nicht. Die kleinen Kinder hüteten Enten und Gänse, die älteren Jungen passten als Hütejungen auf Rinder und Schafe auf.

Wölfe griffen oft nach Kriegen an

Besonders häufig griffen Wölfe laut Sellemann immer dann Weidetiere an, wenn Kriege zu Ende gingen. „Ein Großteil der Felder war dann nicht bestellt – aber es waren viele Waffen im Umlauf. Die Landbevölkerung beschaffte sich ihre Nahrung dann beim Jagen im Wald.“ Dadurch seien die Wildbestände oft auf ein Minimum zusammengeschrumpft, sodass die Wölfe vermehrt auf Weidetiere als Nahrung angewiesen waren.

In Friedenszeiten allerdings durften die einfachen Leute keine Waffen tragen. So behalfen sie sich mit anderen Mitteln. Darunter waren zum Beispiel Wolfsgruben und Wolfsgärten – Zweiteres findet man bis heute in vielen Ortschaften Nordhessens als Straßennamen. Dabei wurden die Raubtiere mit Ludern (in der Jägersprache ein totes Tier, das zum Anlocken verwendet wird), aber gelegentlich auch lebendigen Schafen oder Ziegen geködert. Wenn sie in der Falle saßen, wurden sie mit langen Stangen getötet.

Wolfsangeln wurden zur Jagd genutzt

Eine andere Methode waren Wolfsangeln: Das sind zwei mit Widerhaken bestückte Eisen, die an Bäumen aufgehängt wurden, dazwischen mit einem Stück Fleisch als Köder versehen. Wenn der Wolf danach schnappte, blieb er zwischen den Eisenangeln hängen und starb qualvoll. Wolfsangeln zieren bis heute zahlreiche Stadtwappen.

Die Jagd auf die Raubtiere blieb aber nicht nur der einfachen Bevölkerung überlassen. So lobten Landesfürsten immer wieder großzügige Prämien für Jäger aus, die teils extra für die Wolfsjagd angestellt wurden, so Sellemann. „Die Weidetierhaltung nur mit Zäunen wurde in unserer Gegend erst möglich, als es keine Wölfe mehr gab. Vorher ging es nur mit menschlicher Behütung, die heutzutage nicht mehr finanzierbar ist“, sagt Sellemann.

Wölfe in Ostpreußen nie ganz verdrängt

Es sei aber nicht korrekt, wenn man davon spreche, dass der Vorfahre des Hundes seit 200 Jahren in Deutschland ausgerottet sei. „Auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik war die Kulturlandschaft mit Feldern, Weidetierhaltung und Forstwirtschaft schon sehr früh sehr ausgeprägt. In Ostpreußen, das bis 1945 zu Deutschland gehört hat, gab es aber viel mehr Rückzugsräume für den Wolf.“ Dort habe es immer wieder große Probleme mit dem Raubtier gegeben, dessen Beute nicht nur Schafe und Ziegen waren, sondern in großer Zahl auch Pferde und Rinder, so Sellemann. Er bezieht sich auf das Buch „Wildbahn und Jagd Altpreußens“ des Historikers Friedrich Mager. Auch auf das Gebiet der damaligen DDR und sogar bis in die Bundesrepublik drangen nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder einzelne Tiere vor, die stets sofort bejagt wurden. Seinen hohen Schutzstatus genießt der Wolf erst seit Anfang der 90er-Jahre.

Rotkäppchen nicht aus der Luft gegriffen

Jahrhundertelang wurden Wölfe auch als Menschenfresser gesehen – nicht grundlos, wie Dieter Sellemann sagt: „Rotkäppchen ist nicht aus der Luft gegriffen.“ In den Jahren 1810 und 1811 seien bei Viersen am Niederrhein insgesamt elf Hütejungen von einem Wolf oder einem Wolfspaar getötet worden. 1812 erschien die erste Auflage der „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. Sellemann bezieht sich auf den Blogger Friedrich Noltenius, der die Internetseite wolfszone.de betreibt.

Der in Sachsen lebende ehrenamtliche Wildtierbeauftragte hat diesen Fall bereits 2013 als Teil einer zweimonatigen Recherche veröffentlicht und dafür zahlreiche Originalquellen ausgewertet – vor allem Kirchenbücher. „Der Beitrag wurde damals viel diskutiert. Inhaltlich widersprochen hat aber bis heute niemand“, sagt Noltenius auf Anfrage. Der Naturschutzbund Nabu, der sich für den Schutz des Raubtieres einsetzt, nutzt in seiner Öffentlichkeitsarbeit häufig den Slogan „Rotkäppchen lügt“. Auf Nachfrage unserer Zeitung nennt Inge Till, Vorsitzende der hessischen Landesarbeitsgruppe Wolf, den Hannoveraner Historiker Utz Anhalt als Ansprechpartner für geschichtliche Fragen.

„Wolf als Menschenfresser" erst ab Dreißigjährigem Krieg

Anhalt sagt: „Ich habe von den Berichten aus Viersen gehört, kenne aber die Original-Dokumente nicht. Es ist durchaus möglich, dass sich das so zugetragen hat.“ Er betont aber, dass man mit historischen Überlieferungen stets vorsichtig sein müsse – ob tatsächlich das Raubtier der Übeltäter gewesen sei, sei nur in den seltensten Fällen zweifelsfrei festzustellen. Anhalt hat dazu selbst geforscht und zahlreiche Quellen ausgewertet, allerdings nur bis in die frühe Neuzeit. Im Mittelalter habe das Raubtier zwar in der Bevölkerung auch schon ein sehr negatives Image gehabt, aber nur als Schädling, der Nutztiere angreift.

„Das Bild des Wolfes als Menschenfresser gibt es erst seit dem Dreißigjährigen Krieg“, sagt der Historiker. Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass Wölfe in Kriegen als Aasfresser auf die Schlachtfelder kamen. Der Dreißigjährige Krieg war mit Millionen Toten ein besonders verlustreicher. Bären und Wölfe kehrten dabei in Gegenden zurück, die sie längst verlassen hatten, so Anhalt. „Die Bibel beschreibt sie als Teil der Apokalypse“, erklärt er. In der Folge seien immer mehr Todesfälle Wölfen zugeschrieben worden, was einer genauen Überprüfung aber nur selten standhalte.

Wölfe töteten Kinder in Spanien

„Wenn damals jemand im Wald Pilze oder Weidenruten sammelte oder Harz von Bäumen abkratzte, war er häufig allein und konnte nicht mit dem Handy Hilfe rufen. Es konnte auch vorkommen, dass sich jemand mit einer Axt verletzte oder von Räuberbanden entführt wurde.“ Heutzutage würden Wolfsangriffe auf Nutztiere mit DNA-Analysen nachgewiesen – auch das war früher nicht möglich. Man müsse bei vermeintlichen Wolfsangriffen auch berücksichtigen, dass in Kriegen und wirtschaftlich schlechten Zeiten die Hofhunde oft von den Bauern freigelassen wurden. „Das waren Tiere, die ohne Weiteres Menschen angreifen konnten“, sagt der Experte.

Tatsächlich zweifelsfrei belegte Wolfsangriffe auf Menschen kämen überwiegend im Zusammenhang mit Tollwut vor. Historische Übergriffe auf Hütejungen seien meist geschehen, weil die Jungen zwischen dem Raubtier und seiner Beute standen. „Gesunde Wölfe, die Menschen als Beute begreifen, sind extrem selten.“ Das sei zum Beispiel in einer Region Spaniens in den 60er- und 70er-Jahren vorgekommen, wo Wölfe mehrere Kinder töteten.

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