Familien in Hersfeld-Rotenburg stark belastet

Corona-Krise: Auch im Landkreis mehr Kinder in Gefahr

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Corona belastet fast jeden in der Familie.

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in ihren Familien durch Gewalt, Missbrauch oder Vernachlässigung gefährdet sind, steigt auch im Kreis Hersfeld-Rotenburg. Die Corona-Krise wirkt sich auch hier aus.

Hersfeld-Rotenburg - Darüber informierten der stellvertretende Leiter des Jugendamts, Dirk Langheld, und Mareike Zielke, die Leiterin des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD) auf Anfrage unserer Zeitung.

Im Jahr 2019 erreichten das Jugendamt, so sagt Zielke, durchschnittlich 16 Meldungen über eine mögliche Kindeswohlgefährdung im Monat. Im vergangenen Jahr, das bereits durch die Corona-Pandemie geprägt war, waren es durchschnittlich 20 Meldungen und in diesem Jahr sind es 25 pro Monat.

In den meisten Fällen ist es die Polizei, die das Jugendamt informiert, wenn sie zu Fällen häuslicher Gewalt gerufen wurde und dort feststellte, dass Kinder in der Familie leben. Auch hier stiegen die Zahlen deutlich an. 2019 gab es 46 solcher Einsätze, im Jahr 2020 waren es 73 und in diesem Jahr bis Anfang Mai bereits 42.

Insgesamt, so Mareike Zielke, gingen im Jahr 2020 269 Hinweise auf mögliche Kindeswohlgefährdungen beim Allgemeinen Sozialen Dienst ein, von denen sich ein Großteil allerdings nicht bestätigte. „In 35 Fällen haben wir eine Gefährdung festgestellt“, sagt Zielke.

Ein Hinweis, dass ein Kind gefährdet sein könnte, löst beim ASD umgehend intensive Aktivität aus. In der Regel sind mehrere Besuche bei der Familie nötig, um herauszufinden, ob es dort Probleme gibt, oder nicht. Diese Besuche finden auch in Zeiten von Corona statt, sogar wenn eine Familie unter Quarantäne steht. „Das Kindeswohl geht auf jeden Fall vor“, betont Langheld. Das Jugendamt sei immer erreichbar und im engen Kontakt mit den Familien.

Pandemie verschärft die Probleme

Wenn Eltern und Kinder den ganzen Tag aufeinander hocken, wenn der Schulunterricht per Videokonferenz oder über Arbeitsblätter erfolgt, wenn dazu finanzielle Probleme kommen oder auch noch eine Sucht – Alkohol, Drogen oder Spiel- und Mediensucht bei Eltern und/oder Kindern, dann bleiben Konflikte in Familien nicht aus. „Die Pandemie hat die oft vorher schon vorhandenen Probleme in Familien verschärft“, hat Dirk Langheld, der stellvertretende Leiter des Jugendamtes im Kreis Hersfeld-Rotenburg festgestellt.

Während es früher vor allem Schulen und Kitas waren, die das Jugendamt auf Probleme, die in Gewalt und Missbrauch eskalieren, aufmerksam gemacht haben, kämen die Hinweise jetzt vor allem von außen, von Nachbarn, Bekannten, aus Schule oder Kita oder von der Polizei, erläutert Dirk Langheld. Am häufigsten werde das Jugendamt von der Polizei auf Konflikte in Familien aufmerksam gemacht (in 27 Prozent der Fälle). Es meldeten sich aber zurzeit vermehrt Menschen aus dem Umfeld der Familien (14 Prozent) oder auch anonyme Hinweisgeber (neun Prozent). Elf Prozent der Hinweise kämen aus Schulen und Kitas, acht Prozent von einem Elternteil, meist bei getrennt lebenden Paaren, und vier Prozent aus dem Gesundheitswesen.

„Diese Hinweise sind für uns eine wichtige Unterstützung“, betont Dirk Langheld. Er wirbt darum lieber einmal zu oft anzurufen, als ein Kind möglicherweise weiter Gewalt und Missbrauch auszusetzen. Dass es immer wieder auch Hinweise gibt, mit denen jemand angeschwärzt werden soll, ist den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Jugendamtes bewusst. „Unser Job ist es, zu gucken, ob ein Kind gefährdet ist, nicht ob jemand einen anderen anschwärzt“, betont Langheld. Diesbezüglich werde nicht ermittelt.

Ein Hinweis habe nicht unbedingt zur Folge, dass die Kinder sofort in Obhut genommen würden, macht Mareike Zielke deutlich. Vielmehr verschaffe sich der Allgemeine Soziale Dienst, der zu solchen Anlässen immer mit zwei Personen zu den Familien fährt, erst einmal ein detailliertes Bild von der Situation, meist in mehreren Besuchen und Gesprächen.

Ziel sei es, so Zielke, der Familie zu helfen, ihre Probleme selbst zu lösen, damit Kinder und Eltern weiter zusammenleben könnten. Dazu gebe es eine Fülle von Maßnahmen, die in enger Abstimmung zwischen Eltern und Kindern ergriffen werden könnten: Da werden Schutzpläne abgesprochen (und kontrolliert), Hilfen zur Erziehung vereinbart, Familienhebammen eingeschaltet, ambulante Hilfen in Erwägung gezogen, wie zum Beispiel der Besuch von Tagesgruppen oder der Notbetreuung in Schule oder Kita, um ein wenig Abstand und damit Entspannung zwischen Eltern und Kind zu schaffen.

269 Hinweise auf eine mögliche Gefährdung von Kindern seien im vergangenen Jahr beim Jugendamt eingegangen, berichtet Zielke, in 35 Fällen sei eine Gefährdung festgestellt worden. Elf Kinder musste das Jugendamt in Obhut nehmen und erst einmal aus der Familie holen, um sie zu schützen. Auch hier sei das Ziel, den Kontakt zu halten und Kinder wieder zurück in ihre Familien zu bringen, betont Zielke. In zehn Fällen habe das Familiengericht eingeschaltet werden müssen, weil es unterschiedliche Vorstellungen über das weitere Vorgehen zwischen Jugendamt und Eltern gab. In fünf Fällen seien Hilfen zur Erziehung vereinbart worden, für neun Familien wurde ein Schutzplan erstellt und von Mitarbeitern des Jugendamtes überprüft und weiter betreut.

„Wir sind froh, dass wir hier im Kreis Hersfeld-Rotenburg immer noch gut Kontakte zu den Familien bekommen und dicht dran sind“, sagt Mareike Zielke. Viele Familien seien zudem offen dafür, Hilfe anzunehmen. Gerade die Kinder seien dann enorm stolz, wenn sie merkten, dass auch die Eltern an sich arbeiteten.

Hintergrund

Das Kindeswohl umfasst das körperliche, geistige und seelische Wohl eines Kindes. Eltern und Erziehungsberechtigte sind verpflichtet, dafür zu sorgen, dass es ihren Kindern gut geht. So haben Kinder zum Beispiel ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Wenn das Wohl eines Kindes gefährdet ist, darf der Staat in das Erziehungsrecht der Eltern eingreifen. Die Gefährdung kann sich zum Beispiel durch Vernachlässigung, Gewalt oder Missbrauch zeigen.  

Von Christine Zacharias

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