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Immer mehr fallen durch: Negativquote bei Fahrprüfungen im Kreis steigt seit Jahren an

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Von: Carolin Eberth

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Nervös vor der Führerscheinprüfung, so geht es vielen Fahranfängern von Oliver Paul (Bild) in Bad Hersfeld. Die Gründe dafür, dass immer mehr Schüler dabei auch durchfallen, seien ganz unterschiedlich. archi
Nervös vor der Führerscheinprüfung, so geht es vielen Fahranfängern von Oliver Paul (Bild) in Bad Hersfeld. Die Gründe dafür, dass immer mehr Schüler dabei auch durchfallen, seien ganz unterschiedlich. © laura böhnert/NH

 Die Quoten nicht bestandener Führerscheinprüfungen in Hessen und Waldhessen steigen seit Jahren an, wie die jüngsten Zahlen des Tüv Hessen belegen.

„Der Landkreis Hersfeld-Rotenburg wird von unserer Niederlassung Kassel betreut. Entsprechend gehen die Ergebnisse dort mit ein. Die Niederlassung Kassel hat 2022 mit 33,1 Prozent leider die in Hessen höchste Nichtbestehensquote in der praktischen Fahrprüfung, bezogen auf alle Fahrerlaubnisklassen“, sagt Uwe Herrmann vom Tüv Hessen.

Der hessische Durchschnitt der praktischen Prüfung liegt bei 26,1 Prozent, der bundesweite bei 29,7 Prozent. Die Theorie haben 31,9 Prozent der Prüflinge in Hessen nicht bestanden, in ganz Deutschland waren es 36,7 Prozent. Steigende Verkehrszahlen und damit ein dichterer und anspruchsvollerer Verkehr seien laut Herrmann nur einer von vielen Gründen, die für die hohen Durchfallerquoten ausschlaggebend seien.

Dass auch im Landkreis Hersfeld-Rotenburg immer mehr Prüflinge durchfallen, bestätigen Fahrschulleiter Aribert Kirch aus Alheim, der auch Vorstandsvorsitzender der Fahrlehrervereinigung Hessen ist, und Fahrschulleiter Oliver Paul aus Bad Hersfeld. Die Durchfallgründe seien vielfältig, sagen die Fahrlehrer. Zum einen würde es an der abnehmenden Belastbarkeit der Prüflinge liegen. „Immer mehr Eltern versuchen, ihren Kindern jegliche Unannehmlichkeiten abzunehmen, was in der Prüfung dann eben nicht mehr möglich ist“, sagt Aribert Kirch. Außerdem gingen die Jugendlichen heutzutage viel nervöser und ängstlicher in die Prüfungen. „Dazu kommt, dass die jungen Leute heute nur noch das Handy in der Hand halten“, sagt Oliver Paul. Früher hätten die Kinder auf dem Rücksitz den Straßenverkehr beobachtet, heute seien sie nur noch auf elektronische Geräte fixiert. Die Verkehrserziehung liege dann ausschließlich bei den Fahrlehrern und die Konzentration der Prüflinge leide ebenfalls darunter. Beide Fahrlehrer nennen als weiteren Grund die fehlenden Sprachkenntnisse bei Menschen mit Migrationshintergrund.

Hessens Prüflinge besser als der Durchschnitt

Im Vergleich mit den anderen Bundesländern steht Hessen noch ganz gut da: Negativer Spitzenreiter ist Hamburg, wo die Durchfallerquote bei den praktischen Fahrprüfungen bei 45 Prozent liegt (Theorie: 32 Prozent). In Niedersachsen lag die Praxis-Quote bei 30,3 Prozent, Thüringen: 35,1 Prozent und Bayern: 26 Prozent. Negative Spitzenreiter bei den Durchfallerquoten in der Theorie sind Sachsen-Anhalt (43,7 Prozent) und Berlin (43,1 Prozent).

Gründe fürs Durchfallen

Fahrschüler, die vor Wut nach einer nicht bestandenen Prüfung eine Autoscheibe einschlagen und Prüflinge, die erst nach der 15. Fahrprüfung ihren Lappen erhalten sowie Leute, die ohne ein einziges Wort Deutsch sprechen zu können, sich bei der Fahrschule anmelden möchten, all das hat der Bad Hersfelder Fahrschulleiter Oliver Paul schon erlebt.

Paul bestätigt, dass immer mehr Leute durch die Prüfungen fallen, und erwähnt im gleichen Atemzug, dass auch der Anteil an zugewanderten Menschen unter den Fahrschülern gestiegen ist. Es gäbe zwar Ausbildungsmaterial in verschiedenen Sprachen, aber es sei natürlich was anderes, wenn man mit jemandem im Auto sitzt, der die Sprache nicht gut versteht. Da sei es nahezu unmöglich, komplizierte Verkehrsregeln zu erklären. „Ich bin ganz sicher nicht ausländerfeindlich. Im Gegenteil, ich habe mir sogar die Sprachen Türkisch, Russisch und Englisch angeeignet, um den Prüflingen die Verkehrsregeln beibringen zu können. Aber es geht einfach nicht, dass wir Schüler ausbilden sollen, die kein einziges Wort Deutsch sprechen“, so Oliver Paul.

„Ich kann ja schließlich nicht alle zwölf Sprachen lernen, in denen man in Deutschland die theoretische Fahrprüfung absolvieren kann.“ Durch die zunehmenden Sprachbarrieren seien dementsprechend auch die Durchfallerquoten gestiegen.

Über die gleichen Probleme klagt auch Fahrschulleiter Aribert Kirch aus Alheim, der auch Vorstandsvorsitzender der Fahrlehrervereinigung Hessen ist. „Da wird vor ein paar Jahren entschieden, dass die Fahrschulen einen qualitativ hochwertigen pädagogischen Unterricht durchführen müssen, was auch in unregelmäßigen Abständen kontrolliert wird. Gleichzeitig wird die Sprache Hocharabisch für die theoretische Prüfung eingeführt. Das führt dazu, dass wir Fahrschüler im Auto sitzen haben, die kaum ein Wort Deutsch können. Im theoretischen Unterricht versteht diese Personengruppe natürlich auch nichts“, so Kirch.

Aribert Kirch Fahrschulleiter aus Alheim
Aribert Kirch Fahrschulleiter aus Alheim © Ziermann, Christopher

Deshalb habe er nun für seine Fahrschule entschieden, dass sich nur noch Ausländer anmelden können, die wenigstens die Sprachkurse A1 und A2 erfolgreich abgeschlossen haben. „Dass es bei dieser Bevölkerungsgruppe trotz intensiver Ausbildung dennoch schwieriger ist, die Prüfungsreife zu erreichen, versteht sich von selbst.“

Bis Anfang der 2000er-Jahre habe es noch einen Sprachtest gegeben für Ausländer, die in Deutschland einen Führerschein absolvieren möchten, dieser sei dann aber abgeschafft worden, so Paul. „Problematisch ist auch, dass die Fahranfänger an so vielen Prüfungen teilnehmen können, bis sie eine erfolgreich bestanden haben. Lediglich zwei Wochen müssen zwischen den Prüfungen vergehen. Das gab es so früher auch nicht“, sagt Oliver Paul. Da sei nach dem dritten Mal Durchfallen eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung (MPU) angeordnet worden. „Heute kriegt jeder den Führerschein. Das hat mit Verkehrssicherheit nichts mehr zutun“, ergänzt Paul. Die Latte zum Erreichen eines Führerscheines werde ebenfalls immer höher gelegt, beim LKW-Führerschein sei sie kaum noch zu überspringen, meint Kirch. „Gleichzeitig werden Führerscheine aus manchen Ländern uneingeschränkt anerkannt, neuerdings aus Albanien und natürlich aus der Ukraine. Wir verlieren im Jahr 30 000 LKW-Fahrer und nur 15 000 kommen neu dazu. Das damit auszugleichen, ausländische Führerscheine anzuerkennen und bei den heimischen Interessenten immer höhere Ansprüche zum Erreichen der Fahrerlaubnis einzuführen, das ist wohl der falsche Weg. Die Normalität bleibt, wie in so vielen Dingen, einfach auf der Strecke“, sagt Aribert Kirch.

Eine Prüfungsfahrt im Auto dauert mittlerweile 55 Minuten, früher waren es nur 45 Minuten. „Dass die Durchfallerquote wegen diesen zehn Minuten so gestiegen ist, davon gehe ich nicht aus. Zumal diese Prüfungszeit nun auch das Vor- und Nachgespräch beinhaltet. Die reine Fahrzeit ist also nur minimal gestiegen“, so Oliver Paul, der die älteste Fahrschule in Bad Hersfeld betreibt. „Noch eher kann ich mir vorstellen, dass die motorischen Fähigkeiten einen Zusammenhang zu den steigenden Quoten haben. Früher hat doch fast jedes Kind im Verein Sport gemacht, das ist heute nicht mehr der Fall. Die Kinder sitzen einen großen Teil ihrer Freizeit vor dem Computer und dadurch lässt die Motorik eben nach“, meint Paul.

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