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Meteorologe warnt: „Solche Trockenphasen gab es noch nie“

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„Wetterfrosch“: Oliver Reuter arbeitet als Flugwetterberater beim Wetterdienst der Bundeswehr.
„Wetterfrosch“: Oliver Reuter arbeitet als Flugwetterberater beim Wetterdienst der Bundeswehr. © Hartmut Zimmermann

Oliver Reuter (26) ist Diplom-Meteorologe und ehrenamtlicher Feuerwehrmann. Er stammt aus Eiterfeld. Mit ihm sprachen wir über die Trockenheit und den Klimawandel.

Eiterfeld – Erleben wir gerade einen extrem trockenen Sommer? Oder sind wir Zeugen des Klimawandels? Oliver Reuter (26) ist Diplom-Meteorologe und ehrenamtlicher Feuerwehrmann. In einem Interview ordnet er die Dinge ein.

Gefühlt hat es seit Monaten so gut wie gar nicht mehr geregnet. Wie viele Tage Trockenheit sind es wirklich? Und (wann) hat es schon einmal eine ähnliche Wetterlage gegeben?

Wir erleben eine wirklich außerordentliche Situation. Mit Blick auf die Statistik fällt der August besonders auf – in vielen Orten Osthessens war bis zur Monatsmitte noch kein Tropfen Regen gefallen. Rekordhalter ist der Raum um Bad Salzschlirf: Dort warten wir seit 123 Tagen auf einen richtigen Landregen, der mal mehr als zehn Liter auf den Quadratmeter bringt. In Arzell, wo ich aufgewachsen bin, sind seit dem letzten „richtigen“ Regen mehr als 90 Tage vergangen. Da helfen auch die paar Liter der vergangenen Woche von Donnerstag bis Samstag nicht wirklich weiter. Solche Trockenperioden hat es in Osthessen noch nicht gegeben – da kommen auch die bisherigen Rekordsommer wie 2018 oder 2003 nicht dran. Da hatte es nach drei, vier Wochen doch immer wieder mal Regen gegeben – und zwar flächendeckend. In diesem Jahr leben wir nur von Schauern und Gewittern, die sich sehr punktuell auswirken. Der „Landregen“ scheint 2022 auszufallen.

Da gab es nur ganz wenige Tage zwischendrin, die etwas Regen gebracht haben, den man aber ebenso schnell vergessen hat wie das Wasser verdunstet oder im Boden versickert ist. Bedeutet eine solche kurze Dusche mehr als ein Zwischenspiel?

Grundsätzlich ist jeder Tropfen ein Gewinn. Das Problem ist aber, dass die Böden durch die Hitze wie betoniert sind – wenn dann in kurzer Zeit 10, 20 Liter auf den Quadratmeter herunterprasseln, kommt das allermeiste davon gar nicht im Boden an, sondern fließt an der Oberfläche ab. Der Boden müsste erst einmal angefeuchtet werden.

Wir haben seit Wochen eine weitgehend stabile Wetterlage mit ausgedehnten Hochdruckgebieten, die immer wieder Hitzewellen von der iberischen Halbinsel über Frankreich zu uns schicken. Ist das die für uns „normale“ Sommerwetterlage? Geht es hier um Wetter- oder um Klimaveränderungen?

Auch wenn Ältere mitunter sagen: ,Das gab es alles schon’ – das stimmt in der Summe nicht. Ja, es gab Hitzeperioden. Aber wir haben hier eine andere Qualität. Denn was wir 2003 einen „Jahrtausendsommer“ genannt haben, kam 2015 und 2018, 2019, 2022 ... Wir müssen wegen der Häufigkeit solcher Sommer ganz andere Maßstäbe anlegen. Denn die Natur hat keine Chance mehr, sich zu erholen. Die Böden befinden sich – mit regionalen Unterschieden – im Dauerstress. Für die trockensten Landstriche hier – so zwischen Hünfeld, Eiterfeld und Bad Hersfeld – ist in Tiefen bis zu 40 Zentimetern kein Wasser mehr verfügbar und bis zu einem Meter ist der Boden viel zu trocken.

Das Problem ist die außerordentliche Stabilität der Schönwetter-Gebilde. Um diese „Beton-Hochs“ zu unterbrechen und abzulösen, muss gleich eine ganz Reihe von Tiefausläufern kommen. Wir haben in diesem Jahr seit Mai eine solche Dauer-Hoch-Situation. „Früher“ folgten auf ein Sommerhoch von gut einer Woche in aller Regel ein paar Tage mit Schauern, Gewittern und flächigem Landregen, an denen es auch mit den Temperaturen nach unten ging. Jetzt liegen die Temperaturen bei 25 bis 30 Grad plus X ...

Was macht eine Großwetterlage derart stabil – das Hoch scheint ja geradezu über uns festgenagelt zu sein?

Das liegt daran, dass das bestimmende wellenartige Strömungsmuster mit einem früher häufigen Wechsel von Hoch- und Tiefdruckgebieten nun des Öfteren fast zum Erliegen kommt. Damit bewegen sich die Druckgebilde teilweise kaum mehr von der Stelle und die Wetterlage ist „eingefahren“. Daher haben wir von Portugal über Spanien und Frankreich bis weit über Mitteleuropa hinaus aktuell dieses Hitze- und Dürreproblem.

Sind auch Wetter-Situationen möglich, in denen sich mit ähnlicher Beharrlichkeit ein Regengebiet über uns ausbreitet?

Das Ahrtal-Ereignis war schon ein absolutes Extrem, aber auch wir hatten beispielsweise schon Ende Mai 2016 eine beharrliche Tiefdruckwetterlage. Da war es so, dass ein „Tiefdrucksumpf“ über Mitteleuropa hängen blieb. Der brachte an 13 aufeinanderfolgenden Tagen immer wieder lokale Unwetter mit Starkregen.

Sie beobachten und analysieren Wetterlagen für die – relativ kurzfristige – Vorhersage. Wenn ein Verkehrs- und Stadtplaner, ein Förster oder ein Landwirt um Rat fragt, welche Weichenstellungen in ihren Bereichen notwendig sind – was raten Sie denen?

Denen kann man sagen, dass die Jahre seit 2018 wohl ein Spiegelbild dessen sind, was wir zu erwarten haben. Das heißt nicht, dass es nicht mal wieder einen kühlen, verregneten Sommer geben wird. Aber die Tendenz ist anders. Der so oft erhoffte Landregen wird selten – die meisten Niederschläge kommen als Starkregen herunter.

Wenn man lediglich die Zahlen vergleicht, sind viele Sommer gar nicht so trocken gewesen. Doch die Niederschlagssummen verraten nicht, dass darin enorm lange Trockenperioden stecken – und auf der anderen Seite Tage, an denen 40, 50 Liter in wenigen Stunden herunterregnen, die kaum im Boden ankommen. Darauf muss man reagieren.

Dazu passt die schlechte Nachricht, dass wir auch in Hessen so viele Waldbrände hatten wie nie: Bis Mitte August sind bei 180 Waldbränden 125 Hektar Wald zerstört worden. Das gab es in unserer Vegetations- und Klimazone bislang nicht.

Daher muss der Katastrophenschutz auch auf zwei Entwicklungen reagieren: Es gilt, sich auf Starkregen und Hochwasser vorzubereiten. Parallel wächst aber auch die Brandgefahr und Wasserknappheit wird grundsätzlich zum Problem.

In den Siedlungen muss überlegt werden, wie man mit der Hitze umgeht. Versickerungsflächen sind ebenso nötig wie mehr Grün in den Städten, damit man die Temperaturen ertragen kann. Und durch Speicher wie Zisternen könnte man versuchen, das zu reichlich fallende Wasser über einen längeren Zeitraum verfügbar zu machen.

Sind nach Ihrer Einschätzung die Folgen von langen Dürreperioden oder die von extremen Niederschlägen für die Menschen und ihr Wirtschaften bedrohlicher?

Man kann das nicht gegeneinander aufwiegen. Extreme Niederschläge, das haben wir zuletzt an der Ahr gesehen, können viele Menschenleben kosten. Bei der Dürre werden die Gefahren erst mittel- und langfristig spürbar: Ausbleibende Ernten bringen steigende Preise für Lebensmittel, und Wasserknappheit kann bedrohliche Auswirkungen haben.

Wir reden über fehlende oder allzu reichliche Niederschläge. Wie können sich die neuen Extremsituationen im Winter auswirken?

Den Trend zu sehr beständigen Wetterlagen können wir auch im Winter erleben. Aber aktuell ist diese Entwicklung eher im Sommerhalbjahr zu sehen. Grundsätzlich aber werden die Winter wärmer und schneeärmer. Das hat hier ab 2013 begonnen mit einer Ausnahme im Corona-Winter 2020/2021.

Tief Karin hat gerade, wie Sie auf der von Ihnen mit betriebenen Internetseite „Osthessen-Wetter“ angekündigt hatten, etwas Regen gebracht. Ist das mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein? Wie viel Niederschlag wäre erforderlich, um das Defizit des Jahres 2022 auszugleichen?

Vielleicht langt es für „zwei oder drei Tropfen auf den heißen Stein“. Aber diese Tage bringen kein Ende der Trockenperiode, denn in dieser Woche erwarten wir eher das nächste „Blockadehoch“. In der Jahresbilanz fehlen pro Quadratmeter bereits 150 bis 250 Liter Regen. Wir werden mindestens einen zu nassen Winter brauchen, um wieder etwas aufzuholen. Der Boden ist bis in einen Meter Tiefe ausgetrocknet – und in einen Meter Boden passt verdammt viel Wasser rein. Da werden wir wohl ein Defizit mit ins nächste Jahr schleppen.

Ich mache mir da ernsthaft Sorgen: Auch ohne schwarzmalen zu wollen – wir erleben jetzt, was schon vor 20 bis 30 Jahren als Problem vorhergesagt wurde. Und wir stehen gerade erst auf den unteren Stufen einer längeren Treppe. Das sind keine ermutigenden Perspektiven. (Hartmut Zimmermann)

Zur Person

Oliver Reuter (26) stammt aus Arzell und wohnt heute in Körnbach. Der 26-Jährige ist studierter Diplom-Meteorologe (FH) und arbeitet als Flugwetterberater beim Wetterdienst der Bundeswehr. Aktuell absolviert er an der Universität Hannover ein Master-Studium im Fach Meteorologie. In seiner Master-Arbeit will der ehrenamtliche Feuerwehrmann - Reuter ist in Arzell stellvertretender Wehrführer – sich mit dem Waldbrandgefahren-Index auseinandersetzen. Er betreibt mit zwei Kollegen die Internetseite Osthessen-Wetter. zi

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