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Montagsinterview mit Jens Rettig, dem Planer des Volldampf-Festivals in Bebra

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Von: Clemens Herwig

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Ur-Solzer Jens Rettig (53) ist Organisator aus Leidenschaft
Ur-Solzer Jens Rettig (53) ist Organisator aus Leidenschaft © Clemens Herwig

Bebra – Festivals haben es dem 53-Jährigen aus Solz angetan. Sein ehrenamtlicher Einsatz als Planer hat ihn kreisweit gefragt gemacht. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, was ein gutes Festival ausmacht und warum Druck echte Diamanten formt.

Herr Rettig, Sie haben 2019 das Volldampf-Festival mit aus der Taufe gehoben – der Lokschuppen war damals noch eine halbe Baustelle. Was war schwieriger zu planen: Der Auftakt oder die Wiederholung jetzt am Wochenende?

Das erste Mal war schon eine größere Aufgabe. Im Lokschuppen ist noch bis auf die letzte Minute gebaut worden, kurz vor dem Auftritt der ersten Band haben wir die Brandschutzabnahme bekommen. Wir haben uns damals selbst unter Druck gesetzt, indem wir gesagt haben: Wir wollen jetzt hier eine Veranstaltung machen. Druck finde ich manchmal ganz gut, dann passiert auch was. Aber es war schon eine spannende und nervenaufreibende Geschichte.

Es heißt ja: Druck formt Diamanten...

Auf jeden Fall. Wir veranstalten ein Indoor-Festival, das gibt es sehr selten in Deutschland. Wir versuchen, den Festival-Charakter mit einer tollen Veranstaltungshalle zu verbinden. Dieser Spagat hat beim ersten Mal sehr gut geklappt, aber es ist eine Herausforderung, das richtige Flair hinzubekommen.

Wie war es diesmal, nach zwei Jahren Pandemie-Durststrecke?

Es ist ein anderes Planen, weil die Infrastruktur mittlerweile da ist. Wir hatten zudem den speziellen Fall, dass das halbe Festival bereits 2020 geplant worden ist (Anm. der Redaktion: ...und dann kam Corona). Die zweijährige Pause war dann schwierig und hat zu Fragen geführt: Machen wir es, machen wir es erst später und dann anders und noch größer? Wie viele Leute kaufen Karten? Diese letzte Unsicherheit gibt es jetzt noch, in der Woche vor dem Festival.

Frei von der Leber weg zu planen mit dem Wissen, dass eine Veranstaltung funktioniert, ist immer noch nicht gegeben. Wir haben auf dem vorhandenen Grundgerüst von 2020 aufgebaut, das ist man den Bands zumindest moralisch schuldig, wenn der erste Vertrag durch die Pandemie stirbt. Wir haben sieben Gruppen geplant, Essensstände draußen und drinnen. Ein Festival ist aber noch ein bisschen mehr. Wir wollten beispielsweise Übernachtungsmöglichkeiten schaffen. Das haben wir in diesem Jahr aber noch gelassen, weil wir nicht recht wissen, wo es hingeht und wie es angenommen wird.

Für die angehenden Festival-Gäste in Bebra spielt die Pandemie im Alltag zunehmend keine Rolle mehr. Wie ist es für die Planer?

Rein vom Veranstalten her spielt Corona eher keine Rolle mehr. Die Vorschriften wie die Maskenpflicht sind gefallen. Aber es ist in den Köpfen der Leute noch drin. Ich bin selbst schon wieder auf Veranstaltungen unterwegs und bemerke starke Unterschiede. Letzte Woche in einem Festzelt standen Zweieinhalbtausend Mann hinter mir, als wäre nie etwas gewesen. Da gab es einen Pogo-Kreis und alles, was sonst noch dazugehört. Bei anderen Veranstaltungen ist keiner da, weil keine Karten verkauft worden sind. Ich kann selbst noch nicht ganz greifen, woran das liegt.

Wie kommt es, dass der Vertriebsleiter einer Firma für Filteranlagen so gut als Veranstalter vernetzt ist?

Andere Leute sammeln Briefmarken und wissen, wo sie eine Blaue Mauritius herbekommen. Und ich bin eben leidenschaftlicher Veranstalter. In der heutigen Zeit ist es nicht mehr schwierig, ins Internet zu gehen, sich von einer Band zur anderen zu hangeln und zu schauen, was zusammenpasst. Wobei ich immer den Anspruch habe: Wenn ich eine Band hole, will ich sie vorher auch gesehen haben.

Woher kommt ihre Leidenschaft fürs Organisieren?

Das kann ich gar nicht sagen, das steckt von den Kinderschuhen an in mir. Ich mache das einfach gern. Mein Cousin hat die Disco in Rotenburg in den 80er-Jahren wiedereröffnet, als ich 15 Jahre alt war. Da habe ich schon geholfen beim Malern, an der Kasse und als Bedienung. Dann war ich jahrelang Discjockey. Zu Jubiläumsveranstaltungen mit Zelt haben wir die ersten Bands geholt, ich habe den Bühnenaufbau mitgemacht – da hat es mich gepackt.

Ist es ein Vorteil, wenn der Festival-Planer mal als DJ am Plattenteller gestanden hat?

Absolut. Dabei lernt man, was zusammenpasst und bei den Leuten gut ankommt. Es gibt diesen klassischen Aufbau, ruhig anzufangen und sich stetig bis zum Finale zu steigern. Beim Volldampf-Festival stehen am Samstag zum Beispiel Bonsai Kitten auf der Bühne und deren Frontfrau ist auch eine echte Rampensau. Die ist einfach crazy. (lacht)

Was macht die richtige Festival-Mischung aus?

Das sieht jeder anders. Ich persönlich mag es schön bunt und ich habe versucht, mit den sieben Bands eine gewisse Vielfalt reinzubekommen. Von Rock, Pop und Indie ist alles dabei bis zu den verrückten Sachen, die man eigentlich gar nicht so richtig einordnen kann. Da sind wir dann bei meinem Lieblingsmusikstil – ich mag es, wenn Bands auf einem neuen Level unterwegs sind. Ziel ist immer, dass die Besucher nicht nach der ersten Band gehen, weil ihnen die zweite so gar nicht gefällt. Jeder muss Spaß haben können. Das macht Festivals für mich aus.

Wie wichtig ist ein Zugpferd und wer wäre das in Bebra?

Das vereinfacht die Werbung massiv, weil die Leute allein wegen „ihrer“ Band ein Ticket kaufen. Beim ersten Mal hatten wir die Gruppe Liedfett, die kannten in der Gegend viele. In diesem Jahr sind wir mit Kapelle Petra und Elfmorgen unterwegs, zwei Bands, die schon sehr oft auf dem Open-Flair gespielt haben.

Sie haben viel Zeit in die Rückkehr des Volldampf-Festivals gesteckt. Wann wären Sie vom Ergebnis enttäuscht?

Ich wäre enttäuscht, wenn es viel weniger Besucher wären als beim ersten Mal mit etwa 400 verkauften Karten plus Gästelisten-Tickets. Mir ist bewusst, dass es in der jetzigen Situation nicht einfach ist. Die Rückmeldung auch von anderen Veranstaltern ist, dass Karten momentan auf den letzten Drücker gekauft werden. Die Leute entscheiden am Abend vorher, ob sie weggehen wollen. Das kann auch an der vielen Terminverschieberei liegen, die auch den Bands und Agenturen noch immer zu schaffen macht. Diese Zurückhaltung wird dieses Jahr so bleiben. Aber wenn uns die Pandemie nicht wieder komplett einholt, wird das auch besser. Die Leute sind an sich schon wieder bereit zu eskalieren. (Clemens Herwig)

Zur Person

Jens Rettig (53) ist Ur-Solzer und lebt auch heute noch in dem kleinen Bebraer Stadtteil. Nach dem Realschulabschluss begann er eine Lehre beim örtlichen Betrieb Deichmann Filtertechnik (DFT). Seinen Maschinenbautechniker machte er in Eschwege, den technischen Betriebswirt in Kassel. 1993 kehrte er zu DFT zurück, wo er als Vertriebsleiter tätig ist.

Seine Begeisterung fürs Organisieren reicht zurück bis in seine Kindheit, als er in der Gastwirtschaft der Familie aushalf. Jens Rettig hat den Veranstaltungen „Mittwochs in Bebra“ und „Ab in die Mitte“ auf die Beine geholfen, beim Autobahnfest in Kirchheim und beim Heimatfest in Sontra beratend zur Seite gestanden und ist Mitgründer der Wählergemeinschaft Gemeinsam für Bebra. Er ist verheiratet und hat einen Sohn (17) und eine Tochter (13). 

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