Angehörige sind sich uneinig

Mordprozess Bosserode: Angeklagter schweigt vorerst

Das Landgericht in Fulda.
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Das Landgericht in Fulda.

Der Mordprozess gegen einen 61-jährigen Bosseröder, der seine Mutter umgebracht haben soll, hat am Dienstag am Landgericht Fulda begonnen.

Fulda/Bosserode – Am ersten von sieben geplanten Verhandlungstagen stand aber zunächst nicht die Tat im Mittelpunkt, sondern das Verhältnis zwischen dem damals 60-Jährigen und der 79-Jährigen.

Laut Anklage soll der Mann seine Mutter, in deren Haus in Bosserode beide gemeinsam lebten, am 10. November gegen 2.30 Uhr mit 17 Messerstichen getötet haben. Drei Stunden später kam er mit gepackten Sachen zur Polizeistation in Rotenburg und sagte, er habe seine Mutter umgebracht, berichtete der damals als Dienstgruppenleiter zuständige Polizeihauptkommissar vor Gericht. Zum Zustandekommen und zum Ablauf eines am selben Tag per Video aufgenommenen Geständnisses, das nach wenigen Minuten abgebrochen wurde, gibt es Irritationen, die voraussichtlich bei den kommenden Verhandlungsterminen weiter behandelt werden. Zum Prozessauftakt wollte der Angeklagte nichts sagen – wird das laut seinem Anwalt aber wohl noch tun.

Der Bosseröder ist gelernter Elektriker, war früher mal verheiratet und hat einen Sohn. In den 80er-Jahren arbeitete er auf Montage in Berlin und kam nur am Wochenende in die Heimat – einer der Gründe, warum die Ehe scheiterte, so sein Bruder. Der Angeklagte blieb in Berlin, verlor später seine Stelle und wurde alkoholabhängig, berichtete seine Schwester. Ende der 90er-Jahre sei dann ein Anruf aus Berlin gekommen – ihr Bruder werde sterben, wenn nicht sofort etwas unternommen werde. Die Familie holte ihn zurück nach Bosserode. Er wurde trocken, bekam ein paar Jahre später eine neue Leber, machte seinen Führerschein neu, arbeitete wieder und „war guter Dinge“, so seine Schwester. Nachdem er vor rund zehn Jahren Zungenkrebs bekommen habe, habe er aber nicht mehr arbeiten können. Er ist auf Nahrung über einen künstlichen Mageneingang angewiesen. Das Verhältnis unter den Geschwistern und mit der Mutter sei gut gewesen, betonten Bruder und Schwester. Man habe sich gegenseitig unterstützt.

Alle Zeugen beschrieben den Angeklagten als liebenswürdigen Menschen, dem sie eine solche Tat niemals zugetraut hätten.

Das Gericht widmete sich am Dienstag der Frage, inwieweit die Darstellung der Staatsanwaltschaft, der Angeklagte habe sich von seiner Mutter drangsaliert und unterdrückt gefühlt, zutrifft. Dazu machten Angehörige und ein enger Freund des heute 61-Jährigen unterschiedliche Angaben.

Der jüngere Bruder, der mittlerweile in Niedersachsen lebt und als Nebenkläger auftritt, sagte aus, dass seine Mutter zwar „schon sehr bestimmend“ gewesen sei. Gestritten hätten sich beide aber nur über alltägliche Dinge wie das Schneiden der Hecke, von ernsthaften Streitigkeiten wisse er nichts. Die ebenfalls jüngere Schwester, die in Bosserode lebt und mehrmals pro Woche ihre Mutter und häufig auch ihren Bruder sah, sagte ebenfalls, sie sei davon ausgegangen, dass das Verhältnis der beiden gut war. Die Mutter habe den Haushalt gemacht und ihr Bruder sich zum Beispiel um Reparaturen im Haus gekümmert.

Ein enger Freund des Angeklagten berichtete hingegen, die 79-Jährige habe ihrem Sohn „nichts zugetraut“ und sehr oft in „herrischem Ton“ mit ihm geredet. Das Verhältnis sei stark angespannt gewesen. Der Sohn habe sich bei ihm sehr oft über seine Mutter beklagt. Die habe zum Beispiel ohne Rücksprache Dinge von ihm weggeworfen. Die Beziehung habe sich besonders in den Monaten vor der Tat zugespitzt. Zwei Tage vor der Tat habe die Mutter, als in der Küche etwas kaputtging, lieber einen 83-Jährigen aus dem Dorf um Hilfe gebeten als ihren Sohn.

Von einem Vorfall kurz vor der Tat berichtete auch die Schwester des Opfers, also die Tante des Angeklagten. Das Opfer habe sich darüber beklagt, dass ihr Sohn – zwar mit eigenem Geld, aber auf ihren Namen – für 500 Euro Computer-Zubehör gekauft habe. Sie habe alles für ihren Sohn getan, sich aber auch immer wieder beschwert und unter anderem gesagt: „Ich habe gar nichts von ihm. Er hilft mir bei nichts.“ Sie gehe davon aus, dass ihre resolute Schwester auch gegenüber ihrem Sohn deutlich gesagt habe, was ihr nicht gepasst habe. Als sie der Richter nach einem Motiv fragte, antwortete sie: „Ich kann nicht in ihn reinschauen. Aber mein Gefühl ist: Sie hat sich in Sachen eingemischt, die sie nichts angingen. Das war ihm irgendwann zu viel.“

Die Schwester des Angeklagten hatte hingegen gesagt, ihre Mutter sei froh gewesen, dass ihr Sohn mit im Haus gelebt habe. Gegängelt habe sie ihn nicht. Als der Richter sie fragte, ob ihr Bruder das möglicherweise nur so empfunden habe, antwortete sie: „Das könnte ich mir vielleicht vorstellen.“

Die Ex-Frau des Angeklagten machte ebenso vom Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch wie die Schwester des Vaters.

Der Prozess wird nächsten Dienstag fortgesetzt. 

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