HNA-Interview: Marita Natt über den Auftrag, der aus Weihnachten für uns entsteht

Wir müssen stopp sagen!

Auch die Weihnachtspredigt entsteht hier: Pröpstin Marita Natt in ihrem kleinen, gemütlichen Büro in Bad Hersfeld. Im Hintergrund ein Foto mit ihren drei Töchtern. Auf dem Hof steht das Motorrad ihres Mannes, mit dem sie nächstes Jahr wieder auf Tour gehen will – auf dem Beifahrersitz. Foto: Dupont

Hersfeld-Rotenburg. Sie ist einer der Menschen, die sehr viel Liebe erfahren haben in ihrem Leben. Und das spürt man im Gespräch mit Marita Natt. Die Pröpstin leitet den Sprengel Hersfeld. Sie ist für die Leitung der Kirche mitverantwortlich und Seelsorgerin für die Pfarrer. Wir sprachen mit ihr über die Bedeutung von Weihnachten.

Frau Natt, ein Mann, dessen Mutter Sie beerdigt haben, hat Ihnen wiederholt zu Weihnachten einen Kalender mit Bildern von wunderschönen Blumensträußen geschenkt.

Natt: Seine Mutter hat Blumen geliebt. Und er hatte eine innige Beziehung zu ihr. Deshalb drückt dieses kleine Geschenk sehr viel aus – ohne Worte.

Auch Ihre Töchter wissen, über welche Geschenke Sie sich besonders freuen.

Natt: Ich finde den Konsumzwang erschreckend, den wir über Weihnachten gelegt haben. Die Geschenke müssen immer teurer und größer werden. Deshalb freue ich mich über Selbstgenähtes oder Selbstgestricktes von meinen Töchtern besonders. Diese Geschenke sind für mich kostbar, weil sie zeigen, wie nah wir uns sind.

Das wichtigste Geschenk an Weihnachten ist für die Christen, dass Gott seinen Sohn auf die Erde geschickt hat.

Natt: Gott bringt mit Jesu Geburt, seinem Leben, Sterben und Auferstehen Heil in die Welt. Wir können durch ihn heil werden. Das brauchen wir auch. Manchmal möchte man rufen: Oh Heiland reiß den Himmel auf, herab, herab vom Himmel lauf. Aber wir müssen selbst etwas dafür tun, dass unsere Welt menschlicher wird. Da ist vieles verkehrt worden, ver-rückt im wahrsten Sinne des Wortes.

Können Sie das an einem Beispiel deutlich machen?

Natt: Ich habe den Eindruck, vieles ist nur noch Ware. Menschen, aber auch Tiere. Die Achtung vor Geschöpf und Schöpfung fehlt immer mehr. Zum Beispiel bei den Schweinen, die zum Teil aus geschäftlichen Gründen hunderte von Kilometern transportiert werden. Früher haben wir unsere Schweine mit Essensresten gefüttert und auf dem eigenen Hof geschlachtet. Die Nachbarn kamen zum Schlachtefest. Das war ein natürlicher Kreislauf, keine entwürdigende Qual.

Vielen Menschen ist nicht nach feiern zumute. Sie haben Angst vor dem Leistungsdruck am nächsten Arbeitstag oder davor, arbeitslos zu werden.

Natt: Ich weiß aus vielen Begegnungen, dass diese Angst wie ein Schwert über dem Kopf vieler Menschen schwebt. Mit der Globalisierung haben wir uns auf einen Prozess eingelassen, in dem alles immer größer und weltweiter werden muss. Aber ich fürchte, dass wir damit überfordert sind. Die Wirtschaftskrise in diesem Jahr hat das deutlich gezeigt.

Was können wir tun?

Natt: In diesen Automatismus einzugreifen, ist schwer. Trotzdem müssen wir aufwachen und stopp sagen. Wir brauchen eine neue Wirtschaftsphilosophie, einen würdevollen und achtsamen Umgang miteinander, mehr Wertschätzung.

Was ist für Sie das Schönste an Weihnachten?

Natt: Ich liebe die starken Weihnachtstexte aus der Bibel und die Musik. Ich freue mich auf die Aufführung von Händels Messias in der Bad Hersfelder Stadtkirche am 1. Weihnachtstag. Lieder geben mir Trost und Kraft und Hoffnung, zum Beispiel auch das schöne Adventslied „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen, kann meine Nacht nicht traurig sein...“

Von René Dupont

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