Naturschutz

Nabu registriert Rekord bei Weißstorch-Brutpaaren an Werra und Fulda

Zu den 47 flüggen Jungstörchen, die die 16 Brutpaare im Landkreis aufgezogen haben, gehören auch diese drei Storchenkinder in der Heringer Werra-Aue.
+
Zu den 47 flüggen Jungstörchen, die die 16 Brutpaare im Landkreis aufgezogen haben, gehören auch diese drei Storchenkinder in der Heringer Werra-Aue.

Die Weißstorch-Population in der Region erholt sich. Hatte es seit Ende der 1980er-Jahre zum Teil gar keine Brutpaare mehr gegeben, zählt man mittlerweile eine beachtliche Anzahl.

Hersfeld-Rotenburg – Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg gibt es wieder so viele Weißstörche wie seit Jahrzehnten nicht mehr. In den Fulda- und Haune-Auen registrierten Naturschützer in diesem Jahr zehn Bruten mit insgesamt 28 flüggen Jungstörchen. Im Umfeld der Werra waren es sechs Bruten mit 19 flüggen Jungvögeln – in Summe also 16 Brutpaare, die 47 Jungtiere großzogen. Diese Zahlen nennt Michael Herzog, Vorsitzender des Kreisverbands Hersfeld-Rotenburg des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu).

Bis in die 1980er-Jahre hinein habe es noch sporadisch Bruten oder Brutversuche im Kreisgebiet gegeben. Den vorläufigen Schlusspunkt bildete nach mehreren brutlosen Jahren 1989 eine Storchenbrut im Naturschutzgebiet Rhäden in Obersuhl. Bis zum Jahr 2005 nisteten die Schreitvögel dann nicht mehr im Kreis. 2006 wurden zunächst im Werratal wieder zwei Bruten verzeichnet, ab 2012 auch im Fuldatal. Seitdem sei die Population der Zugvögel auf den aktuellen Wert angestiegen.

Der Bruterfolg hat viele mögliche Gründe, etwa Hochwasser- und Naturschutzprojekte

Nach Einschätzung des Nabu-Kreisvorsitzenden haben mehrere Faktoren dazu beigetragen: So seien vielerorts auf Initiative der Nabu-Gruppen Masten mit Plattformen aufgestellt worden, die von den Tieren gut angenommen würden. Durch Hochwasser- und Naturschutzprojekte an der Fulda, Agrarumweltprogramme sowie verringerten Pestizid-Einsatz seien zudem Lebensräume geschaffen beziehungsweise gesichert worden, die den Tieren ausreichend Nahrung bieten.

Bemerkbar mache sich aber auch, dass die sogenannten „Westzieher“ immer seltener den gefährlichen Flug über Gibraltar und die Sahara nach Westafrika auf sich nehmen, sondern die kalten Monate in Südspanien verbringen. Dadurch komme es zu deutlich weniger Verlusten auf der Reise in die Winterquartiere.

Der relativ nasse Sommer habe den Storchenküken im Kreis kaum zugesetzt, erläutert Michael Herzog. Die starken Regenfälle hätten erst dann eingesetzt, als die Jungtiere schon weit genug entwickelt und damit widerstandsfähig waren.

Die Vögel sind Generalisten – sie scheuen den Menschen nicht

Als „eine der großen Erfolgsgeschichten des hessischen Naturschutzes“ bezeichnet der Nabu-Landesverband die Rückkehr des Weißstorches nach Hessen.

Auch Michael Herzog freut sich darüber, dass der Wappenvogel des Naturschutzbundes in der Region häufiger anzutreffen ist. Im vergangenen Jahr brüteten in den Fuldaauen acht Storchenpaare mit 19 Jungvögeln (2021: zehn Bruten, 28 Jungvögel) und an der Werra fünf Paare mit 13 Jungvögeln (2021: sechs Bruten, 19 Jungvögel).

Dass der Bestand der im Volksmund auch als Adebar oder „Klapperstorch“ bekannten Tiere im Gegensatz zu anderen Vogelarten zunehme, liege unter anderem daran, dass Störche Generalisten seien und die Nähe des Menschen nicht scheuen, erklärt der Nabu-Kreisvorsitzende aus dem Heringer Stadtteil Wölfershausen.

Nisthilfen helfen den Weißstörchen bei der Brut

Durch ihr breites Nahrungsspektrum hätten die Störche die trockenen Sommer der vergangenen Jahre besser verkraftet als beispielsweise Watvögel, die bei der Nahrungssuche auf feuchte Wiesen angewiesen sind. Auf Adebars Speisezettel stehen anderem Kleinsäuger, Froschlurche, Eidechsen, Schlangen, Fische, große Insekten und ihre Larven sowie Regenwürmer und gelegentlich Aas. Selbst auf Müllkippen, berichtet Michael Herzog, würden Störche fündig.

Auch durch den Bau von Nisthilfen ließen sich Weißstörche, verglichen mit anderen Vogelarten, relativ einfach unterstützen. Die Auswahl des richtigen Platzes spielt laut dem Nabu-Landesverband eine große Rolle beim Storchenschutz. Ein ausreichendes Nahrungsangebot sei wichtiger als ein ruhiger Ort zum Brüten.

Bauprojekte an den Fluss-Auen könnten die Population wieder bedrohen

Die im Landkreis Hersfeld-Rotenburg aufgestellten Nisthilfen seien unterschiedlich schnell auf Akzeptanz gestoßen. Während etwa auf dem erst im vergangenen Winter vom Nabu Dreienberg an der Ulster bei Philippsthal errichteten Mast bereits ein Storchenpaar brütete, habe es anderenorts länger gedauert, bis die Nisthilfen in Beschlag genommen wurden.

Langfristig hoffen die Naturschützer, dass die Störche ihre Nester auch wieder auf natürlichen Erhöhungen wie Baumkronen bauen. Problematisch werde es, wenn Hochspannungsmasten für den Nestbau genutzt werden.

Wie sich die Storchenpopulation im Landkreis in den kommenden Jahren entwickeln wird, ist laut Michael Herzog schwer vorauszusagen. Noch gebe es unbesiedelte Lebensräume mit extensiv genutztem Grünland – also Wiesen und Weiden – in den Flussauen, wo die Störche genug Futter für ihre Jungen fänden. Die seien zwar weniger durch Umbruch und Trockenlegung bedroht als in früheren Jahrzehnten, wohl aber durch Bauprojekte.

„Die Bestände des Weißstorchs sind noch lange nicht stabil. Ohne die Kerngebiete in Süd- und Mittelhessen könnte sich der Weißstorch in unserem Bundesland kaum halten“, heißt es auch vom Nabu-Landesverband. Von entscheidender Bedeutung sei der Erhalt von Feuchtgrünland. (Jan-Christoph Eisenberg)

Auf zwei Routen ins Winterquartier 

Ab August brechen Jung- und Altstörche unabhängig voneinander in ihre Winterquartiere nach Afrika auf. Grund ist laut Nabu die winterliche Nahrungsknappheit.

Ähnlich wie Segelflugzeuge nutzen sie warme Aufwinde für einen energiesparenden Flug. In den zwei bis vier Zugmonaten legen sie im Durchschnitt 150 bis 300 Kilometer pro Tag zurück.

Fast 75 Prozent der deutschen Weißstörche wählen eine östliche Route über den Bosporus in den Sudan und weiter nach Tansania und sogar nach Südafrika. Sie legen dabei Strecken von mehr als 10 000 Kilometern zurück.

Die Störche Südwestdeutschlands nehmen mit Artgenossen aus Frankreich, Spanien und der Schweiz die westliche Route über Gibraltar und die Sahara in die westafrikanische Sahelzone zwischen Senegal und Tschad. Sie bleiben jedoch vermehrt in Südspanien, wo sie auf Mülldeponien ausreichend Nahrung finden.

Im Bereich Osthessen/Westthüringen verlief früher die klassische Grenze zwischen den West- und Ostziehern. Durch die starke Populationsdynamik der Westzieher rücken diese nun bis in die Gebiete der Ostzieher vor.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.