Nicht jede Gemeinde hat Arztpraxis

Nach Aus für Impfzentrum: Ärzte und Medibus übernehmen in Hersfeld-Rotenburg

Wer sich anmeldet, bekommt eine Impfung: Der Medibus, die rollende Hausarztpraxis, bietet auch in Cornberg (Foto) und Nentershausen Corona-Schutzimpfungen an.
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Wer sich anmeldet, bekommt eine Impfung: Der Medibus, die rollende Hausarztpraxis, bietet auch in Cornberg (Foto) und Nentershausen Corona-Schutzimpfungen an.

Das Impfzentrum des Landkreises in Rotenburg ist Geschichte, die Ärzte sollen die Impfkampagne am Leben erhalten. Doch was tun in den Orten, in denen es keine Hausarztpraxis gibt?

Hersfeld-Rotenburg –Vor einer Woche sind im Impfzentrum des Landkreises Hersfeld-Rotenburg die letzten Spritzen aufgezogen worden. Wie können sich die Kreisbewohner nun vor dem Cornavirus schützen lassen? „Patienten, die keinen Hausarzt haben, können sich an eine Praxis in der Nähe wenden und dort nach einer Impfung fragen“, teil die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) auf Nachfrage unserer Redaktion mit.

Zudem biete der Medibus, eine rollende Hausarztpraxis, auch Corona-Impfungen an. „Eine Anmeldung ist erforderlich, da zunächst eine bestimmte Anzahl Patienten zusammenkommen muss, bevor geimpft wird“, so KVH-Sprecher Alexander Kowalski. Gespritzt werden in dem Bus, der seit Juli 2018 von montags bis donnerstags im Halbtageswechsel Cornberg, Herleshausen, Nentershausen, Sontra und Weißenborn ansteuert, laut Kowalski die Wirkstoffe von Biontech/Pfizer und Astrazeneca. Aus einem Biontech-Fläschchen beispielsweise lassen sich mindestens fünf Impfdosen entnehmen.

Darüber hinaus könnten sich jene, die sich jetzt noch impfen lassen wollen, aber nicht wissen, wo, an das Gesundheitsamt in Bad Hersfeld wenden, um Angebote zu erfragen. „Eventuell kann es auch sinnvoll sein, im Freundes- und Verwandtenkreis zu fragen, ob jemand eine Impfung beim eigenen Hausarzt vermitteln kann“, empfiehlt KVH-Sprecher Kowalski.

Gesundheitsamt: Impflücke ist nicht zu befürchten

Das zuständige Gesundheitsamt hatte es nach dem Ende des Impfzentrums abgelehnt, weiter mobile Impfteams aufrechtzuerhalten. „Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen hat uns das klare Signal gegeben, dass die Ärzteschaft hier im Kreisgebiet in der Lage ist, die notwendigen Corona-Schutzimpfungen durchzuführen“, argumentiert Amtsleiterin Adelheid Merle.

„Wir können zügig unterstützen“: Gesundheitsamtsleiterin Adelheid Merle vertraut auf die Hausärzte in Hersfeld-Rotenburg, die Behörde habe dennoch „Vorplanungen“ getroffen.

Engpässe insbesondere nach der Schließung der Impfzentren seien weder bekannt noch zu befürchten, habe es in einem Schreiben der KVH an den Landkreis geheißen. Auch Adelheid Merle sieht keine Impflücke – unter anderem wegen der überdurchschnittlich hohen Impfquote, die bei den über Zwölfjährigen bei mehr als 73 Prozent liege. „Sollte sich an der jetzigen Situation etwas ändern, haben wir im Öffentlichen Gesundheitsdienst Vorplanungen getroffen und können zügig unterstützen“, so die Gesundheitsamtsleiterin.

Cornberg und Nentershausen sind auf rollende Arztpraxis Medibus angewiesen

Dass der Landkreis vorerst sämtliche Impfstrukturen abgebaut hat, gefällt indes nicht allen. „Die mobilen Impfteams waren eine gute Institution“, sagt Katja Gonzalez Contreras, Bürgermeisterin von Cornberg. In der mit 1300 Einwohnern kleinsten Gemeinde im Landkreis gibt es keinen einzigen Hausarzt mehr – weshalb auch der Medibus zweimal wöchentlich vor dem Rathaus Station macht.

Auch in Nentershausen, ebenfalls Haltestelle der mobilen Arztpraxis, hätte sich Bürgermeister Ralf Hilmes gewünscht, dass entweder das Land oder der Landkreis weiterhin an unbürokratischen Impfangeboten festgehalten hätten. „Dass gar nichts mehr da ist, bedauere ich schon“, sagt er. „Die hausärztliche Versorgung im Kreis ist nicht flächendeckend. Mobile Impfteams könnten wir deshalb weiter gut gebrauchen.“

So fährt der Medibus in Hersfeld-Rotenburg

Der Medibus steuert zwei Gemeinden im Landkreis an: Cornberg, Am Markt 8, montags von 13.30 bis 17 Uhr und mittwochs von 8.30 Uhr bis 12 Uhr; Nentershausen, Eisenacher Straße 1, montags von 8.30 bis 12 Uhr und dienstags von 13.30 bis 17 Uhr.

Michael Gottbehüt aus dem Leitungsteam des Impfzentrums hatte sich kurz vor der Schließung ebenfalls gegen den Abbau aller Angebote außerhalb der Arztpraxen ausgesprochen: „Wenn wir mindestens ein Impfteam aufrechterhalten würden, wette ich, dass es bis in den Frühling hinein gut zu tun hätte“, sagte der 67-Jährige.

So gehen andere Regionen mit dem Aus für ihre Impfzentren um

Ein Blick über die Kreisgrenzen zeigt, dass benachbarte Landkreise ihr Impfangebot über die Arztpraxen hinaus nicht völlig einstellen – auch wenn die Situation dort schon allein aufgrund der unterschiedlichen Größe mit Hersfeld-Rotenburg (120 000 Einwohner) nicht immer eins zu eins vergleichbar ist.

Der Kreis Fulda (223 000 Einwohner) unterhält in seinem Impfzentrum (Esperantohalle) noch einen Stützpunkt. Eine der Impfstraßen hat weiterhin geöffnet, um kurz vor der offiziellen Schließung begonnene Impfserien noch zu vollenden. Unter anderem Schüler bekommen dort vorübergehend noch ihre zweite Spritze. Mobile Impfteams sind weiter im Einsatz, etwa in Schulen und in Stadtteilen, wie Kreissprecherin Lisa Laibach auf Nachfrage mitteilt.

Das gilt auch für den Vogelsbergkreis (106 000 Einwohner). Zwar seien die Corona-Impfungen dort zum 1. Oktober weitestgehend auf die Hausärzte übergegangen, sagt Sprecherin Sabine Galle-Schäfer. Dennoch kümmern sich weiterhin mobile Teams um Impfungen in Altenheimen und in Gemeinschaftsunterkünften. „Wir werden zudem ab der zweiten Oktoberhälfte regelmäßige Impfsprechstunden in Alsfeld anbieten. Dort können sich diejenigen impfen lassen, die zum Beispiel gar keinen Hausarzt haben“, so Galle-Schäfer.

In der Stadt Kassel (201 000 Einwohner) werden mobile Teams auch nach dem offiziellen Aus der Impfzentren weiter in Alten- und Pflegeeinrichtungen sowie Behindertenheimen impfen. „Außerdem können sich alle Bürgerinnen und Bürger, egal wo sie wohnen, weiter im städtischen Impfbus und im Kasseler City-Point am Königsplatz mit einer Impfung vor dem Virus schützen“, kündigt Oberbürgermeister Christian Geselle auf der Internetseite der Stadt an.

Das Impfzentrum des Landkreises Kassel (237 000 Einwohner) in der Nähe des Caldener Flughafens hat weiterhin einmal die Woche für vier Stunden geöffnet: mittwochs von 15 bis 19 Uhr. Anmeldungen sind nicht nötig. Impfen lassen können sich dort auch Menschen, die nicht in der Nähe von Kassel wohnen.

Im Landkreis Gießen (272 000 Einwohner) betreibt der Landkreis in den Räumen einer ehemaligen Arztpraxis noch eine Impfambulanz.

Im Schwalm-Eder-Kreis (180 000 Einwohner) hingegen sind Impfstrukturen des Landkreises nur noch „auf Standby“, wie Sprecher Stephan Bürger sagt: „Bei uns haben jetzt die Ärzte übernommen.“ Ähnlich sieht es im Werra-Meißner-Kreis (100 000 Einwohner) aus. Auch dort gibt es laut Sprecher Jörg Klinge keine Impfteams mehr: „Alle Anforderungen, die an uns gestellt waren, haben wir bis Ende September abgearbeitet. (Sebastian Schaffner)

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