Kritik von den Grünen

Nach langem Ringen: Alheimer Parlament stimmt über Zukunft des Niederellenbacher Sees ab

Eine Idylle, die für Streit sorgt: Über die Zukunft des Niederellenbacher Sees, der für viele als Geheimtipp für Badespaß galt, wird in Alheim seit gut zwei Jahren diskutiert.
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Eine Idylle, die für Streit sorgt: Über die Zukunft des Niederellenbacher Sees, der für viele als Geheimtipp für Badespaß galt, wird in Alheim seit gut zwei Jahren diskutiert.

Der ehemalige Gipsbruch, in dem sich der Niederellenbacher See gebildet hat, ist teilweise einsturzgefährdet. Wie man damit umgeht, wird nun erneut diskutiert.

Niederellenbach – Denn die Verkehrssicherungspflicht obliegt derzeit der Gemeinde. Der Niederellenbacher See soll mit einem 1,20 Meter hohen Zaun umschlossen werden und die Firma Beisheim und der Verein Niederellenbacher See wollen sich gemeinsam um die Erhaltung des Biotops kümmern – dafür haben sich die Alheimer Politiker im Ausschuss vor zwei Wochen einstimmig ausgesprochen. Diese Einstimmigkeit bedeutet allerdings nicht, dass bei der größten Kontroverse der Alheimer Politik der vergangenen zwei Jahre nun alle Fragen geklärt sind.

Über den Zaunbau wird in der heutigen Gemeindevertretersitzung am Dienstag, 22. Juni, ab 19 Uhr im Bürgerhaus in Baumbach abgestimmt. Die erstmals wieder im Parlament vertretenen Grünen haben zwei Anträge gestellt und im Ausschuss zwar zugestimmt, weisen aber auf Probleme hin. Aktuell halte man den laut Gemeinde 40 000 Euro teuren Zaunbau, den Beisheim auf eigene Kosten stemmen will, für unsinnig. „Wenn der Zaun einen sinnvollen Verlauf haben soll, müsste man Büsche und Hecken entfernen, was im Sommer verboten ist“, sagt Grünen-Sprecher Gerhard Wagner. Wenn die Flächen künftig zur Biotop-Pflege offengehalten werden sollten, ginge das nur mit Beweidung. Wie genau der Zaun aussieht und wo er verläuft, müsse man mit Nutztierhaltern, die dafür dann sorgen müssten, absprechen.

Grüne: Zaunbau wäre derzeit nur eine provisorische Hau-Ruck-Aktion

„Zum jetzigen Zeitpunkt wäre der Zaunbau nur eine Hau-Ruck-Aktion. Man könnte ein Provisorium errichten, das wahrscheinlich später wieder verändert werden müsste.“ Dass der schon vorhandene kleinere Zaun in Verbindung mit Hinweisschildern zur Verkehrssicherung ausreichen würde, dazu gebe es genügend Gerichtsurteile, so Wagner. Der Gemeinde drohten also keine Haftungsrisiken bei Unfällen, die von Bürgermeister Jochen Schmidt (parteilos) und anderen Parlamentsfraktionen als Grund für den Zeitdruck genannt werden. Die zuständige Bergbaubehörde, also das Regierungspräsidium Kassel, hatte das Areal als teilweise einsturzgefährdet eingestuft. Die Grünen stellen auch die Frage, welche Auflagen die Haftpflichtversicherung der Gemeinde mache. Das wüssten die Gemeindevertreter, die heute abstimmen sollen, bislang nicht.

Fehlende Transparenz war dem vorherigen Bürgermeister Georg Lüdtke (SPD) immer wieder vorgeworfen worden. Grünen-Parlamentarier Wagner war zunächst auch Vorsitzender des Vereins Niederellenbacher See gewesen, der sich als Reaktion auf die Kaufabsichten von Beisheim gegründet hatte und zunächst überhaupt nicht mit dem Unternehmen an einem Strang zog. Auch, weil die Bebraer Firma den See erst teilweise verfüllen wollte. Mittlerweile ist eine Verfüllung vom Tisch und Beisheim und der Verein wollen zusammenarbeiten. Die Grünen beantragen nun einen Akteneinsichtsausschusses, in dem Gutachten, Protokolle und weitere Schriftstücke offengelegt werden.

Beisheim bietet mehr als das Doppelte des Verkehrswerts

In die gleiche Kerbe schlagen sie mit einem weiteren Antrag, in dem sie fordern, dass zunächst einmal genau untersucht werden soll, wie viele Ökopunkte mit dem Gelände zu erzielen wären. Herausfinden soll das Heinrich Wacker vom Verwaltungszweckverband Alheimer. Ökopunkte sind für Unternehmen als Ausgleich für Eingriffe in die Natur notwendig und haben einen finanziellen Wert. Ein Verkehrswertgutachten kam im Februar auf den Betrag von 60 000 Euro für das Gelände. Die Bebraer Firma Beisheim bot hingegen 100 000 Euro und wollte zusätzlich für 40 000 Euro den Zaun bauen, über den heute abgestimmt wird. „Warum bietet Beisheim für die Fläche mehr, als sie wert ist? Das tut man nur, wenn man damit Profit machen kann“, sagt Gerhard Wagner.

An einem Runden Tisch hatten sich Politik, Kirche (als Teileigentümer), Beisheim und der Verein grundsätzlich darauf verständigt, dass die Fläche nicht verkauft sondern verpachtet wird – dafür hatten unter anderem die Grünen geworben.

Badesee liegt als Gegenvorschlag auf den Tisch

Der illegale Badetourismus hat am Niederellenbacher See schon zu Problemen geführt, lange bevor die Instabilität von Teilen des Geländes Thema wurde. Zugeparkte Feldwege und Dorfstraßen, Müllberge in der Natur – all das hat den See für die Bevölkerung auch zum Ärgernis gemacht. Bislang bestand öffentlich Einigkeit, dass das Gelände als Biotop und nicht als Freizeitangebot entwickelt wird. Eben das, natürlich in kontrollierten Bahnen, schlägt nun Jörg Becker vor. Er ist Vorstandsmitglied im Verein Niederellenbacher See.

Alheims Bürgermeister Jochen Schmidt und die Vereinsvorsitzenden Martin Gundlach und Gerhard Hof wollen sich zu dem Vorstoß dagegen äußern. Man stehe zu den am Runden Tisch entwickelten Ideen zur Entwicklung eines Biotops, heißt es auf Nachfrage. In Beckers Vorschlag ist das Areal ausdrücklich als Treffpunkt für die Bevölkerung vorgesehen.

Eine Nutzung durch Menschen sei möglich, betont der 48-Jährige und verweist auf ein Gutachten des Amtes für Bodenmanagement, laut dem der See in keiner Schutzzone liegt. „Es könnte eine Begegnungsstätte für unsere Jugend werden. Deren Bedürfnis, zu baden, ist berechtigt. Auch eine Mountainbike-Strecke und einen Grillplatz könnte man anlegen“, schlägt der Niederellenbacher vor, ebenso wie Toiletten. Der Zutritt könne an eine Mitgliedschaft im Bürgerverein gekoppelt werden, für Bürger aus ganz Alheim. „Das würde unsere Gemeinde als Wohnort attraktiver machen.“ Auch an die Kirche hat Becker gedacht. Die könne die Natur als Ort für Ruhe und Besinnung nutzen, schreibt er in seinem zweiseitigen Konzept. „Die Vielfalt unserer Schöpfung ist dort unmittelbar erlebbar.“

Ein Café kann der Niederellenbacher sich ebenfalls vorstellen. All das soll in Trägerschaft des Vereins oder einer Genossenschaft organisiert und mit den Einnahmen der Unterhalt der Fläche finanziert werden. Streuobstwiesen und ein pädagogisches Angebot, etwa mit dem Umweltbildungszentrum Licherode, könnten das Konzept abrunden – das für diese Freizeitmöglichkeiten ein Drittel des Geländes vorsieht.

Verein könnte laut Vorschlag das Gelände per Erbpacht übernehmen

Auf einem weiteren Drittel könnten laut Becker Führungen in unberührter Natur angeboten werden. Und im letzten Drittel, am Steilhang, soll überhaupt kein menschliches Betreten möglich sein. Die Böschung könne durch Bepflanzung vor dem Abrutschen gesichert und an den notwendigen Stellen illegales Betreten mit Zäunen und Dornenhecken verhindert werden. Ein vollständiges Einzäunen des ehemaligen Gipsbruches – wie es der Beschlussvorschlag im Parlament vorsieht – hält der 48-Jährige nicht für notwendig. Zur Verkehrssicherung genüge es, den vorhandenen Zaun an einigen Stellen zu erneuern. „Zwei- bis dreitausend Euro dürften ausreichen“, schätzt Becker, der Bürgermeister Schmidt angeboten hat, die Ausbesserungen zu finanzieren und zu organisieren. Damit die Gemeinde für etwaige Unfälle nicht mehr hafte, solle sie das Gelände mittels Erbpacht an den Verein übertragen. Dabei könne auch die Verkehrssicherungspflicht übertragen werden.

Laut Becker bekommt er zu seinen Vorschlägen aus der Bevölkerung positive Rückmeldungen. „Das ist für mich der Anstoß, damit auch an die Öffentlichkeit zu gehen.“ Verschickt hat er das Konzept unter anderem an Mario Schneider vom Kirchenvorstand. Der möchte es prüfen lassen und hat es an alle Fraktionsvorsitzenden des Parlaments weitergeleitet – ebenso ans Rathaus, zusammen mit kritischen Fragen. Er will unter anderem wissen, wie der aus seiner Sicht sehr hohe Betrag von 40 000 Euro für den Zaun zustande komme und wie genau der Zaun aussehen soll. „Die gefährlichste Stelle des Geländes gehört der Kirche. Aber uns fehlt es nach wie vor an Transparenz, um eine vernünftige Entscheidung zu treffen. Das bereitet mir Bauchschmerzen“, sagt Schneider. (Christopher Ziermann)

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