Bis zu den Firsten voll Gas

Nach dem Unglück in Unterbreizbach arbeitete die Grubenwehr 303 Aufträge ab

Schrott: Die Reste dieser Bandanlage machen deutlich, mit welcher Wucht das Gas beim Unglück von Unterbreizbach am 1. Oktober 2013 freigesetzt worden war. Von den einst 670 Metern Band ist nur noch ein Knäuel übriggeblieben. Das Förderband stand rund 1000 Meter von der Gasaustrittsstelle entfernt. Fotos: K+S

Unterbreizbach. Bei dem gewaltigen Gasausbruch in der Grube Unterbreizbach ist am 1. Oktober 2013 auf der unteren Sohle 2 ein Hohlraum mit einem Volumen von fast 100 000 Kubikmetern entstanden – 184 Meter lang, 28 Meter breit und 19 Meter hoch. 100 000 Tonnen Steinsalz wurden dadurch freigesetzt.

Der Gasaustritt ereignete sich exakt um 13.20 Uhr und 45 Sekunden. Nur etwa 30 bis 45 Sekunden später hatte die Druckwelle den Luftlinie sieben Kilometer entfernten Schacht 2 erreicht und entlud sich in einer dunkelbraunen riesigen Staubwolke über Tage. „Normalerweise führen wir in der Minute 15 000 Kubikmeter Abluft über den Schacht. 45 Sekunden nach der Explosion wurden am Schacht 47 400 Kubikmeter gemessen. Nach etwa fünf Minuten ist dann der Lüfter ausgestiegen“, berichtet Grubenleiter Hartmuth Baumert.

Alles mit Staub überzogen

In der näheren Umgebung über Tage wurden Gebäude und Autos von einer dicken schmierigen Staubschicht überzogen. Erst weitere fünf Minuten später erreichte dann das erste Kohlendioxid den Schacht. Da Gas schwerer ist als Sauerstoff, setzt es sich normalerweise ab Boden ab. Doch ein solches Absetzen hat es nach dem Ausbruch vom 1. Oktober nicht gegeben. Seinerzeit waren alle Strecken der Grube bis zu den Firsten (Decke) mit Kohlendioxid gefüllt. Nur unter Atemschutz war es den Männern der Grubenwehr möglich, die vier Überlebenden zu befreien. Und später die drei Toten zu bergen, die im Bereich Schacht 2 auf der etwa 60 Meter höher gelegenen Sohle 1 erstickt waren.

Überhaupt hatten die Männer der Grubenwehr in den Tagen und Wochen nach dem Unglück alle Hände voll zu tun, um die Sachschäden in der Grube wieder zu beseitigen. „303 Aufträge haben die Männer der Grubenwehr bis zum 6. November 2013 abgearbeitet“, erinnert sich Baumert. So war beispielsweise eine 670 Meter lange Förderanlage – die etwa einen Kilometer vom Ausbruchsort entfernt gestanden hatte – auf 50 Meter zusammengedrückt worden.

Eine Stunde Ausfall täglich

Weil bis heute während der Sprengung kein Mitarbeiter mehr unter Tage sein darf, beziffert Baumert diesen Arbeitsverlust auf 17 Minuten pro Schicht und somit eine Stunde pro Tag. „Aber die Sicherheit geht nun einmal vor“, sagt der Grubenleiter.

Das Unglück vom 1. Oktober 2013 sei aus seiner Sicht nicht zu verhindern gewesen. „Wir wussten von Kohlendioxid in der Restlagerstätte. Bei uns kommt es häufiger zu kleineren Gasaustritten. Doch mit einem solchen Ausmaß hatte niemand rechnen können. Da haben uns auch unsere vielen Probebohrungen im Vorfeld nicht geholfen“, merkt Baumert an. Normalerweise werde 200 bis 400 Meter tief in die Lagerstätten gebohrt und mit Radar in die nähere Umgebung „hineingehört“. Aber das flüssige Gas auf vielen kleinen Klüften sei damals unentdeckt geblieben.

Von Mario Reymond

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