Landwirte fürchten Qualitätseinbußen bei Raps und Weizen

Nasser Sommer bremst die Mähdrescher aus

+
Gruppenbild im Rapsfeld: Am Erntegespräch auf dem Hof von Markus und Katrin Ritter (vierter und fünfte von rechts) nahmen neben den Familienmitgliedern auch der Präsident des Hessischen Bauernverbandes, Karsten Schmal (dritter von rechts), Kreisbauernverbands-Vorsitzender Friedhelm Diegel, Kreislandwirt Horst Taube, Kreisbauernverbands-Geschäftsführerin Anke Roß (vierter bis sechste von links) sowie der stellvertretende Kreislandwirt Jörg Schäfer (zweiter von rechts) teil .

Hersfeld-Rotenburg. Obwohl Getreide und Raps reif sind, musste die Ernte in den vergangenen Tagen immer wieder unterbrochen werden.

„Die Niederschläge, die im April und Mai nötig gewesen wären, kommen jetzt zur Unzeit“, sagte der Präsident des Hessischen Bauernverbandes, Karsten Schmal, beim Erntegespräch auf Hof Mischels der Familie Ritter bei Bebra-Breitenbach. Um die Getreideernte vollständig einzubringen, würden mindestens acht regenfreie Tage benötigt, ergänzte der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Hersfeld-Rotenburg, Friedhelm Diegel. Weizen und Raps seien überreif, die Nässe fördere den Pilzbefall, verdeutlichte Schmal. Stellenweise müssten Mähdrescher mit speziellem Kettenfahrwerk eingesetzt werden, um die Flächen überhaupt befahren zu können. Zudem steige die Gefahr, dass das Getreide auswächst – also am Halm zu keimen beginnt.

Etwa 40 Prozent des Winterweizens – sowohl hessenweit mit rund 164.000 Hektar als auch im Kreis mit rund 5 400 Hektar Anbaufläche die wichtigste Getreideart – sind abgeerntet. Durch die Hitzewelle Ende Juni seien die Bestände teilweise notreif geworden.

Der Ertrag schwanke abhängig von Boden und Niederschlägen stark zwischen sieben und 8,5 Tonnen pro Hektar. Der Winterraps, mit landesweit 61 000 Hektar Anbaufläche ebenfalls von großer Bedeutung als Ölfrucht – habe bereits zur Aussaat im vergangenen Herbst unter der Trockenheit gelitten.

Im Frühjahr seien dann Frost, Kälte und Trockenheit zusammengekommen. Auch beim Raps schwanke der Ertrag stark zwischen 2,5 und fünf Tonnen pro Hektar.

Weitgehend abgeerntet ist die Wintergerste, deren Ertrag mit sechs bis acht Tonnen pro Hektar auf oder über dem Vorjahresniveau liegt. Von den Niederschlägen der vergangenen Tage profitiert haben Kartoffeln und Silomais, der als Futter angebaut wird. 

Vor etwa 14 Tagen hat Landwirt Markus Ritter die Wintergerste eingebracht. Vom Ertrag sei er positiv überrascht gewesen, berichtet der Landwirt aus dem Bebraer Stadtteil Breitenbach. Nachdem die Niederschläge in Hessen von September bis April unter dem Durchschnitt lagen, fiel jüngst in einer Nacht so viel Regen wie im ganzen August. In den Regenpausen ist Ritter mit dem Mähdrescher, bei dem Zwillingsreifen für mehr Hangstabilität und geringeren Bodendruck sorgen, auf den Rapsfeldern unterwegs. Auch die Rapsernte sei bislang zufriedenstellend, die Ölfrucht müsse jetzt aber möglichst schnell vom Feld. Seit 1890 ist der am Fuldaufer zwischen Breitenbach und Rotenburg gelegene Mischelshof im Familienbesitz. 200 Hektar Ackerland, 20 Hektar Grünland sowie 240 Zuchtsauen mit Ferkelaufzucht sichern dem Agraringenieur, seiner Ehefrau Katrin und den fünf Kindern den Lebensunterhalt. Insgesamt habe sich die Stimmung unter den Landwirten wieder aufgehellt, betonte der Präsident des Landesbauernverbandes, Karsten Schmal. Das liege aber eher an den Zukunftserwartungen als an der aktuellen wirtschaftlichen Lage. 

Im Vergleich zum Vorjahr seien die Erzeugerpreise wieder gestiegen: Der Milchpreis beispielsweise von 26 auf 35 Cent pro Liter – laut Schmal noch kein Grund zum Jubeln. Der Schweinpreis stieg von 1,69 Euro auf 1,72 Euro pro Kilogramm. Die Tonne Brotweizen kostet aktuell 148 statt im Vorjahr 132 Euro. Auch Kreisbauernverbands-Vorsitzender Friedhelm Diegel wollte mit Blick auf die Ernte nicht jammern – der Ertrag lasse sich abschließend natürlich erst beurteilen, wenn sämtliches Getreide unter Dach und Fach sei. Belastend für die Bauernfamilien ist in den Augen von Karsten Schmals Augen die pauschale Kritik an der modernen Landwirtschaft. In Verbindung mit Dünger und Pflanzenschutz würden die Landwirte meist zu Unrecht an den Pranger gestellt. So zeige der Nitratbericht der Bundesregierung, dass die Qualität des Grundwassers tendenziell nicht schlechter werde. Wo der Nitratgrenzwert überschritten werde, seien Land- und Wasserwirtschaft gemeinsam gefragt. Auch bei Pflanzenschutzmitteln gelte der Grundsatz: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich“. Bei der Haltung von Zuchtsauen in sogenannten Kastenständen forderte Schmal lange Übergangsfristen, damit sich Landwirte auf neue Vorgaben einstellen können. Höhere Auflagen, ergänzte Friedhelm Diegel, träfen meist die Betriebe besonders hart, die die Politik eigentlich erhalten wolle – die kleinen und mittleren Höfe.

Hoher Anteil an Grünland im Kreis

Durch die Mittelgebirgslage habe das Grünland einen hohen Anteil an der landwirtschaftlichen Fläche, erklärte Friedhelm Diegel. Weil durch die jüngste Milchpreiskrise die Zahl der Raufutterfresser sinke, befürchtet der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes eine zunehmende Verbuschung der Landschaft. Von den rund 3800 Hektar landwirtschaftlicher Fläche im Kreis entfallen rund 16 400 Hektar auf Wiesen und Weiden. Die wichtigsten Kulturarten auf den rund 22 400 Hektar Ackerland sind Weizen (ca. 5400 Hektar), Wintergerste (ca. 4300 Hektar), Raps (ca. 2900 Hektar), Mais (ca. 2100 Hektar), Triticale (Kreuzung aus Weizen und Roggen, ca. 1700 Hektar) und Roggen (ca.1200 Hektar).

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.