Böse Überraschung nach Leserbrief

Post mit Hundekot: AfD-Kritiker aus Nentershausen massiv beschimpft

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Diese Postkarte mit Schmähungen war nur eine der üblen Reaktionen auf den Leserbrief Meises.

Hersfeld-Rotenburg. Nach einem kritischen Leserbrief zum AfD-Neujahrsempfang in Friedlos hat der 55-jährige Ferdinand Meise nun wüste Beschimpfungen und massive Drohungen erhalten.

Anstoß für Meise, den Leserbrief zu verfassen, war der Bericht über den Neujahrsempfang des Kreisverbandes der AfD in Friedlos Mitte Januar. „Da ist mir der Kragen geplatzt“, erzählt der 55-Jährige. In dem Leserbrief kritisierte er unter anderem die „fremdenfeindlichen, homophoben und islamophoben Äußerungen“. „Wenn man das Zitat: ,Wir sind die Vorreiter und wir sind die Elite‘ liest, dann sind wir nicht mehr weit von ,wir sind die Herrenmenschen‘ entfernt“, schrieb Meise (den Leserbrief finden Sie am Ende dieses Artikels).

Die ersten Reaktionen bekam Meise, der in Nentershausen wohnt, schon kurz nach der Veröffentlichung in unserer Zeitung. Er erhielt 15 Anrufe dieser Art, zwei Briefe, eine Postkarte, E-Mails und sogar ein Paket mit luftdicht verpacktem Hundekot. „Auch meinen betrieblich genutzten Facebook-Account musste ich sperren lassen, weil dort zahllose Hass-Kommentare eingegangen waren“, berichtet Meise. Bis auf einen seien alle Anrufe und Briefe anonym gewesen. Nur der Vorsitzende des AfD-Kreisverbandes, Gerhard Schenk, habe sich offen geäußert.

"Dreckslump-Volksverräter"

Meise wurde in den anonymen Attacken unter anderem als „Arschloch“ beschimpft. „Sie sollten vorsichtig sein, wenn Sie nachts durch dunkle Straßen gehen“, lautete eine andere Botschaft. Auf der Postkarte heißt es unter anderem: „Sie infamer rotgrünroter Dreckslump-Volksverräter gehören in keine Zeitungsspalte, sondern an die nächste Laterne!“ Und weiter: „Das anständige Deutschland ist = AfD!!“ In anderen Briefen heißt es: „Die richtigen Deutschen werden es Euch schon zeigen...“ oder „Wir werden den Saustall ausmisten!“

Meise will die Vorfälle nicht bei der Polizei anzeigen. „Die Drohungen kommen aus der rechten, rechtsradikalen Ecke. Ich fühle mich trotz allem nicht tatsächlich persönlich bedroht“, betonte Meise. „Ich sehe aber eine Gefahr für die Meinungsfreiheit und für die Demokratie.“

Ferdinand Meise hatte die Beschimpfungen und Drohungen im Zusammenhang mit seinem Leserbrief zur AfD schon fast wieder zu den Akten gelegt. Ohne ihn zu informieren, verfasste seine Tochter Anne dann aber einen Leserbrief, in dem sie sich hinter ihren Vater stellt – siehe unten.

Noch nie so heftige Reaktionen erlebt

Der Nentershäuser, der keiner Partei angehört, schreibt alle paar Jahre mal einen Leserbrief, wenn ihm „was stinkt“. Zielscheibe war schon mal die SPD, mal die CDU oder auch die Grünen.

Reaktionen gab es immer. „Aber noch nie bin ich so persönlich angegangen worden wie nach meinem Leserbrief zur AfD“, berichtet der Holzkaufmann. Damit hatte er nicht gerechnet. „Ich habe nur meine Meinung gesagt“, betont er immer wieder. „Wir haben Sie auf der Liste. Wir beobachten Sie“, ist nur eine von vielen Drohungen.

„Die Populisten wollen überall klein-klein, und irgendwann hauen wir uns wieder auf die Köpfe.“ Auch in Deutschland seien schon viele von diesen Ideen angesteckt. „Die zünden die Lunte.“ Meise sieht vor allem auch die Meinungsfreiheit in Gefahr. „Das macht uns doch aus. Wir gehen in die Kneipe, diskutieren, gehen auseinander, haben immer noch unterschiedliche Meinungen, aber am nächsten Abend gehen wir trotzdem wieder gemeinsam Grillen“, betont Meise. „Wir sind Demokraten. Wir können das vertragen.“

Reaktion der Afd

Auf Anfrage unserer Zeitung hat auch der Vorsitzende des Kreisverbandes Hersfeld-Rotenburg der AfD (Alternative für Deutschland), Gerhard Schenk, zu den Vorfällen Stellung bezogen. Er schreibt: "Mich hat allerdings erstaunt, wie der ,Leserbrief' des Herrn Meise die Netiquette einer seriösen Zeitung passieren konnte, trotz seines grob ehrabschneidenden, rufschädigenden und sachlich falschen Inhalts. Die geschilderten Reaktionen sind meiner Meinung nach ein Fall für Polizei und Staatsanwaltschaft und erst nach Aufklärung ein Fall für die Zeitung. Hier besteht sonst leicht die Gefahr ,Fake News' zu produzieren. Es ist richtig, dass ich Kontakt mit Herrn Meise aufgenommen habe, um zu erfahren, was ihn als Demokrat und rational Denkenden, wie er sich selbst bezeichnete, dazu bewogen hatte einen derart hetzerischen, auf ,alternativen Fakten' beruhenden, Leserbrief zu schreiben." Eine inhaltliche, mit Argumenten geführte Auseinandersetzung sei aber nicht erwünscht gewesen, schreibt Gerhard Schenk in seiner Stellungnahme.

Der Leserbrief von Ferdinand Meise im Wortlaut:

Demokratischer Diskurs in Gefahr

Da hatten sich ja die Richtigen zum Neujahrsempfang versammelt: Martin Hohmann, der gerne schon mal mit antisemitischen Äußerungen auffällt, sowie Stefan Wild und Gerhard Schenk, Kreistagsabgeordnete der AfD. Als rational denkender Mensch frage ich mich, wie man solchen Menschen politisch folgen und sie wählen kann: Hohmann, der schon mal in Diskussionen aus dem antisemitisch gefärbten Buch Henry Fords zitierte und gegen die „Politikerkaste“ von heute wettert. Dieser „Kaste“ gehört er selbst schon seit Jahrzehnten an. (...)

Als weiterer Redner äußert sich Stefan Wild, der außer fremdenfeindlichen, homophoben und islamophoben Äußerungen nichts Substantielles zusammenbringt. Und wenn man das Zitat: „Wir sind die Vorreiter, und wir sind die Elite“ liest, dann sind wir nicht mehr weit von „wir sind die Herrenmenschen“ entfernt. Gerhard Schenk hat auch nicht mehr drauf als undifferenzierte Stammtischparolen. (...)

Liest man weiter in dem Zeitungsartikel, dann sieht man deutlich, welch Geistes Kind die AfDler in Wirklichkeit sind: Beim Treffen der ENFFraktion (Rechtspopulisten im EU-Parlament) in Koblenz werden Teile der Presse ausgeschlossen. Das ist die Vorstufe zur Gleichschaltung von Presse und Medien (...) In Fulda sagt die AfD den Neujahrsempfang ab (auf dem der Rassist Björn Höcke auftreten sollte), nachdem politische Gegner Demonstrationen gegen den Empfang angekündigt haben. Ja, Herr Hohmann, das ist Demokratie! Das müssen Sie aushalten! (...)

All dies führt uns deutlich vor Augen, welche Gefahr für unsere freiheitliche Grundordnung besteht und wie schizophren und undemokratisch die AfD argumentiert und agiert. Wir als Demokraten müssen aufpassen, dass diese Art von Politik unseren demokratischen Diskurs nicht nachhaltig belastet und beschädigt.

Ferdinand Meise

Der Leserbrief der Tochter Anne Meise im Wortlaut:

"Ich stehe voll hinter meinem Vater"

An die netten Menschen, die meinem Vater aufgrund eines Leserbriefes zu der Berichterstattung über die AfD Mitte Januar mit Drohbriefen, -anrufen und -paketen „kontaktiert“ haben: Ich möchte mich bei Euch dafür bedanken, dass ihr mir erneut aufgezeigt habt, wie stolz ich auf meinen Vater aufgrund seiner Weltanschauung sein kann.

Meine Eltern haben mich darin unterstützt, mir beide Seiten einer Medaille anzugucken und mir meine eigene Meinung zu bilden und diese zu äußern. Nun konnte ich mir auch eine Meinung über euch bilden, die jedoch nicht positiv ausgefallen ist.

Mein Vater kritisierte Politiker (unter anderem Stefan Wild, Gerhard Schenk, Björn Höcke sowie Martin Hohmann). Ich finde es gut, dass er sein Entsetzen über antisemitische, homophobe und islamophobe Äußerungen den Lesern der Zeitung mitteilt. Ich stehe voll hinter seinem Leserbrief – auch nach euren Drohungen und dem Paket, in dem sich Kot befunden hat.

Mit solchen Aktionen zeigt Ihr mir euer Verständnis von freier Meinungsäußerung und wie Ihr mit Kritik, die meiner Meinung nach vollkommen gerechtfertigt ist, umgeht.

Ich bin wütend darüber, dass Ihr euch hinter eurer Anonymität versteckt. Dadurch, dass Ihr euch so verhalten habt, habt Ihr mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass der AfD viele Menschen angehören, die mit unfairen Mitteln keine Kritik an ihrer verqueren politischen Meinung zulassen und eine Gefahr für die Gesellschaft darstellen.

Anne Meise

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