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Neuer Wolf nachgewiesen: Bauernverbände fordern Politik zum Handeln auf

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Von: Carolin Eberth

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Die Rede ist nicht mehr vom Wolf, sondern von den Wölfen: Mehrere Sichtungen und Bildmaterial zeugen seit Längerem davon, dass es im Stölzinger Gebirge nicht nur eine Wölfin gibt. Nun wurde das auch vom Hessischen Wolfszentrum anhand einer DNA-Probe bestätigt. Unser Bild entstand im Wildpark Knüll.
Die Rede ist nicht mehr vom Wolf, sondern von den Wölfen: Mehrere Sichtungen und Bildmaterial zeugen seit Längerem davon, dass es im Stölzinger Gebirge nicht nur eine Wölfin gibt. Nun wurde das auch vom Hessischen Wolfszentrum anhand einer DNA-Probe bestätigt. Unser Bild entstand im Wildpark Knüll. © Carolin Eberth

Es gibt einen neuen bestätigten Wolf in der Region. Das haben Gutachter anhand einer DNA-Probe an einem gerissenen Rotwild nachgewiesen.

Hersfeld-Rotenburg - Wölfe sind im Landkreis Hersfeld-Rotenburg zurückgekehrt und längst keine Seltenheit mehr. Seither hat es über 40 bestätigte Wolfsrisse an Nutz- und Wildtieren im Landkreis gegeben, wovon allein 30 aus dem Jahr 2021 stammen.

Neben der bereits bekannten „Stölzinger Wölfin“, die sich seit 2019 an der Grenze der drei Landkreise Hersfeld-Rotenburg, Werra-Meißner und Schwalm-Eder wohlfühlt, gibt es nun einen neuen Beweis dafür, dass sie längst nicht mehr allein durch Waldhessens Wälder und das Stölzinger Gebirge zieht: Gutachter hatten an einem gerissenen Stück Rotwild bei Spangenberg am 29. März eine DNA-Probe entnommen, die nun einem männlichen Wolf, der bislang nur ein Laborkürzel hat (GW2114m), zugeordnet wurde.

Der Hessische Bauernverband (HBV) sieht diese Entwicklung mehr als kritisch. „Wenn die Weidetierhaltung und die Pflege unserer Kulturlandschaft in Hessen durch unsere Tiere eine Zukunft haben soll, müssen Anpassungen der rechtlichen Rahmenbedingungen erfolgen“, heißt es vom HBV.

Wissenschaftliche Publikationen würden darauf hinweisen, dass der Wolf bereits einen „günstigen Erhaltungszustand“ in Deutschland erreicht habe. „Aufgrund der zunehmenden Verbreitung von Wölfen sorgen sich unsere Schaf-, Ziegen- und Pferdehalter immer mehr um die Sicherheit ihrer Weidetiere“, betont HBV-Vizepräsident Volker Lein.

Die bisher im Raum stehenden Schutzmaßnahmen – zum Beispiel höhere Zäune, Herdenschutzhunde – seien nicht zielführend. „Der Schutz des Wolfes wird hierzulande über den Schutz der Weidetiere gestellt. Dafür haben wir kein Verständnis“, so Lein. Der Hessische Bauernverband fordert die Politik zum Handeln auf und plädiert für eine Festlegung von Obergrenzen für den Wolfsbestand in Deutschland. Zudem sei es nötig, den tatsächlichen Wolfsbestand nachvollziehbar und realistisch zu erfassen.

Ei Wolf frisst um 11 Uhr vormittags ein gerissenes Reh: Dieses Bild entstand am 29. März in Schemmern, Ortsteil von Waldkappel, im Werra-Meißner-Kreis.
Ein Wolf frisst um 11 Uhr vormittags ein gerissenes Reh: Dieses Bild entstand am 29. März in Schemmern, Ortsteil von Waldkappel, im Werra-Meißner-Kreis. © privat/nh

Rissereignisse müssten unbürokratisch, zügig und umfassend entschädigt werden und auch die Aufnahme des Wolfs in das Jagdrecht gehört für den Hessischen Bauernverband dazu. Zudem solle eine Entnahme von Problemwölfen gewährleistet werden und es müsse eine präventive Förderung von Herdenschutzmaßnahmen geben. Auch der Kreisbauernverband Hersfeld-Rotenburg unterstützt diese Forderungen und übt Kritik.

Der Kreisbauernverband Hersfeld-Rotenburg unterstützt die Forderungen des Hessischen Bauernverbands mit Blick auf die jüngsten Entwicklungen im Stölzinger Gebirge. Es seien vermehrt mehrere Wölfe gesichtet worden, was bedeute, dass der Druck auf Wild- und Weidetiere zunehmen werde und mit einer stark steigenden Zahl von Rissen zu rechnen sei. Das würden auch die Weidetierhalter merken.

„Der Auftrieb der Weidetiere steht in den nächsten Wochen an und ich befürchte, dass einige dieser Tiere im Herbst nicht mehr in ihren Stall zurückkehren werden, weil sie bis dahin durch Wölfe gerissen wurden“, sagt Anke Roß, Geschäftsführerin des Kreisbauernverbands. Auch habe sie die Sorge, dass sich die Jagdstrategie eines Rudels anders darstellt, als die einzelner Wölfe. Dadurch könnten auch größere Weidetiere wie Rinder und Pferde stärker gefährdet sein.

Um den tatsächlichen Wolfsbestand zu dokumentieren, müsse jeder Rissverdacht, egal ob Weidetier, Wildtier oder anderer Verdachtsfall, unverzüglich und umfassend aufgenommen, untersucht, dokumentiert und entsprechend entschädigt werden. „Die psychische Belastung der Landwirtsfamilien ist enorm. Wer einmal einen Wolfsriss in seiner Herde hatte, vergisst diese Bilder nie. Hinzu kommt die Angst vor einem erneuten Angriff auf die Herde. Durch einen Wolfsangriff geprägte Tiere können außerdem aggressiv werden und ausbrechen“, sagt Roß.

„Wenn die Weidetierhaltung, die in unserer Gegend für unsere Kulturlandschaft unverzichtbar ist, weiter aufrechterhalten werden soll, muss die Politik handeln und Rahmenbedingungen schaffen, um unsere Tiere zu schützen.“

Eine Entnahme der Stölzinger Wölfin wurde laut Hessischem Bauernverband vom Hessischen Landwirtschaftsministerium bisher abgelehnt. Stattdessen sollen die Weidezäune in den betroffenen Gebieten noch weiter erhöht werden, kritisiert der Bauernverband.

Zwei Wölfe haben am vergangenen Freitag die Landstraße zwischen Hetzerode und Mäckelsdorf (Waldkappel) überquert. Dabei filmte sie ein Autofahrer.
Zwei Wölfe haben am vergangenen Freitag die Landstraße zwischen Hetzerode und Mäckelsdorf (Waldkappel) überquert. Dabei filmte sie ein Autofahrer. © privat/nh

Das Wolfszentrum Hessen des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) führt die offizielle Liste mit Wolfsnachweisen in Hessen. Das Wolfszentrum registrierte 2021 185 nach bundesweiten Vorgaben klassifizierte Nachweise, 2020 waren es 104, 2019 nur 51 und 2018 hatte es keinen einzigen in Hessen gegeben.

Auch wenn die Anzahl der Nachweise nur ein Anhaltspunkt ist, weil von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist, lässt sich dennoch einfach ablesen, dass die Tendenz stark ansteigend ist. Von den 185 offiziellen Nachweisen 2021 in Hessen stammen 56 aus den Landkreisen Hersfeld-Rotenburg (31), Werra-Meißner (12) und Schwalm-Eder (13). Das sind über 30 Prozent.

Das Hessische Wolfszentrum führt außerdem eine weitere Liste von Verdachtsfällen. Bei 28 Fällen in den drei Landkreisen konnte 2021 entweder keine Art im Labor erfolgreich bestimmt werden, oder es wurde ein anderes Tier, wie beispielsweise Fuchs, am Riss nachgewiesen.

Noch im Jahr 2018 registrierte das HLNUG keinen einzigen Wolfsnachweis in den drei Landkreisen. 2019 waren es 13, 2020: 25, 2021: 56 und in diesem Jahr wurden bereits 15 offizielle Wolfsnachweise für dieses Gebiet aufgelistet.

Von Carolin Eberth

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