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Gefährliche OP: Nicole Jost litt ein Jahr lang am Eagle-Syndrom – jetzt geht sie Schritt für Schritt

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Von: Susanne Kanngieser

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Nur eine kleine Narbe am Hals erinnert noch an die Operation und das vorherige Martyrium des Eagle-Syndroms, dem Nicole Jost aus Seifertshausen lange Zeit ausgesetzt war.
Nur eine kleine Narbe am Hals erinnert noch an die Operation und das vorherige Martyrium des Eagle-Syndroms, dem Nicole Jost aus Seifertshausen lange Zeit ausgesetzt war. © Susanne Kanngießer

Nicole Jost aus Rotenburg-Seifertshausen hat am Eagle-Syndrom gelitten. Nach der OP „zu wissen, dass man wieder gesund werden kann, ist das schönste Gefühl“.

Seifertshausen – Ganz langsam, aber mit einer ungeheuren Portion Optimismus und Mut findet Nicole Jost in ihr Leben zurück. Die 42-jährige Frau aus Seifertshausen, die ein ganzes Jahr lang am Eagle-Syndrom gelitten hatte, wurde im August von Chefarzt Dr. Markus Martini in der St. Lukas Klinik in Solingen operiert.

Der Knochen nahe der Hauptschlagader am Hals war mit 4,7 Zentimeter „sehr lang und wuchtig“, sagt sie. Der Übeltäter, der jetzt als Foto auf ihrem Smartphone gespeichert ist, hatte bei der Pädagogin lange Zeit Schwindel-Attacken, Schweißausbrüche, Herzrasen, Zittern und große Unsicherheit ausgelöst.

Eagle-Syndrom: Operation wegen Nähe zur Halsschlagader eine gefährliche Sache

Denn bis zur richtigen Diagnose dauerte es eine gefühlte Ewigkeit. Heute kann Nicole Jost eine Computertomografie lesen, wie einen Roman und Radiologie-Ergebnisse deuten. So hat sie sich reingefuchst ins Krankheitsbild „Eagle Syndrom“. Immer weiter recherchiert und nicht lockergelassen. Dankbar schaut sie jetzt zurück auf die große und mitfühlende Unterstützung von Familie, Freunden und Arbeitskollegen.

Die Operation im August war gerade wegen der Nähe zur Halsschlagader keine einfache Sache. Zumal ihr der Chefarzt gleich noch eine Zyste im Oberkiefer mit entfernte. Der Eingriff, der normalerweise 45 bis 60 Minuten dauert, verlängerte sich somit auf zweieinhalb Stunden. Am Ende ist alles gut gegangen, auch die Narbe am Hals wird immer blasser.

Eagle-Syndrom: Frau aus Rotenburg mit kleinen Schritten nach der OP

Eine Woche nach dem Eingriff war die Mutter einer elfjährigen Tochter schon wieder bei der Physiotherapie. Nacken und Muskeln müssen locker werden. „Der Schwindel hat sich von einhundert auf zehn Prozent reduziert“, freut sich Nicole Jost. Physio-Anwendungen wirken auch schon längere Zeit, und manchmal wacht sie morgens auf, und alles ist normal. Dann ist es da, dieses Glücksgefühl und die Hoffnung, bald wieder am Leben teilhaben zu können. „Eigentlich würde ich jetzt gerne richtig Gas geben und zur Arbeit bei den Sozialen Förderstätten in Bebra gehen und alles nach meinen eigenen Bedürfnissen gestalten.“

Das ist das Eagle-Syndrom

Beim Processus styloideus handelt es sich um einen knöchernen Fortsatz des Schläfenbeines (Os temporale) an der Schädelbasis, der sich ähnlich der Form eines Griffels nach unten erstreckt und in das Ligamentum stylohyoideum übergeht. Dieses Band aus Bindegewebe wiederum endet am Zungenbein (Os hyoideum) und dient dessen Aufhängung. Das Syndrom wurde erstmals 1937 von dem US-amerikanischen HNO-Arzt Watt Weems Eagle beschrieben. Das Syndrom wird oftmals übersehen. Mögliche Symptome: Hals- und Kieferschmerzen, Fremdkörpergefühl, Schmerzen im Rachen, Benommenheit, Tinnitus, Schwindel, Beschwerden mit oder ohne Schmerzen beim Schlucken, Schmerzen bei Bewegung des Kopfes/Halses oder atypische Gesichtsschmerzen. Das Eagle-Syndrom nennt man auch Syndrom der 1000 Symptome. In der Diagnostik ist neben der Krankengeschichte und der körperlichen Untersuchung ein Röntgenbild, Kiefergelenkaufnahme beim Zahnarzt oder eine Computertomografie des Schädels wegweisend.

Informationen: Instagram: Eagle_Syndrom. Facebook: Eagle Syndrom, deutschsprachige Gruppe, per E-Mail: eaglefighters2022@gmail.com, Nicole Jost: Luna79@gmx.de.

Spezialisierte Ärzte: Dr. Nils Heim vom Universitätsklinikum Bonn (nils.heim@ukbonn.de) oder Dr. Markus Martini von der St. Lukas Klinik in Solingen, Mail: markus.martini@kplusgruppe.de

Doch dass dieser Wunsch jetzt noch unrealistisch ist, weiß auch Nicole Jost. Und darum besinnt sie sich auf kleine Ziele. Zum Beispiel einmal allein mit dem Auto um den Block fahren. Oder Tochter Louisa zu ihrer Freundin ins nächste Dorf bringen. Eine längere Strecke zum Kaffee mit einer Bekannten in Seifertshausen hat sie schon zu Fuß geschafft.

Eagle-Syndrom: „Zu wissen, dass man wieder gesund werden kann, ist das schönste Gefühl“

Nach wie vor möchte sie denen helfen, die wie sie lange Zeit unter einem Martyrium leiden und keine Diagnose bekommen. „Das ist die schlimmste Phase“, weiß Nicole Jost, „weil alles so aussichtslos erscheint und Viele nicht glauben, dass man krank ist“.

Seit Veröffentlichung ihrer Geschichte hat sie zahlreiche E-Mails bekommen. „Es leiden mehr Menschen am Eagle-Syndrom, als man denkt“, weiß sie. Sie zu unterstützen hat sie sich zur Aufgabe gemacht. Mit zahlreichen Mitstreitern und auf verschiedenen Kanälen. „Zu wissen, dass man wieder gesund werden kann, ist das schönste Gefühl“, betont eine erleichterte Nicole Jost, die mit den kleinen Zielen schon viel erreicht und Betroffenen geholfen hat.

Spezialisierte Ärzte: Dr. Nils Heim vom Universitätsklinikum Bonn (nils.heim@ukbonn.de) oder Dr. Markus Martini von der St. Lukas Klinik in Solingen, Mail: markus.martini@kplusgruppe.de. (Susanne Kanngieser)

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