Die Operation ist erst der letzte Schritt

Haben Erfahrung mit Prothesen: Die Chefärzte der Orthopädie im Kreiskrankenhaus Rotenburg, Dr. Stefan Kirschbaum (links) und Dr. Markus Schramm, setzen jedes Jahr etwa 200 Hüftprothesen ein. Ob es eine Prothese mit langem Schaft (links) sein muss, oder ein kurzer möglich ist, hängt von der individuellen Situation des Patienten ab. Foto: Janz

Rotenburg. Fragen zu Prothesen in Knie, Hüfte, Schulter und Fuß haben uns die Rotenburger Orthopädie-Chefärzte beantwortet.

Für Patienten mit Arthrose ist ein Gelenkersatz manchmal die letzte Hoffnung, wieder ein normales Leben ohne Schmerzen zu führen. Die Orthopädie des Kreiskrankenhauses Rotenburg ist als Endoprothesenzentrum zertifiziert. Die Chefärzte Dr. Stefan Kirschbaum und Dr. Markus Schramm beantworten die wichtigsten Fragen rund um die Prothese.

Welche Gelenke können überhaupt ersetzt werden?

In der Rotenburger Orthopädie werden Prothesen in Knie, Hüfte, Schulter und Sprunggelenk eingesetzt. Den Löwenanteil mit jeweils rund 200 Operationen pro Jahr machen Knie und Hüfte aus, ein künstlicher Ersatz von Schulter und Sprunggelenk kommt nur etwa 20 Mal im Jahr vor. Arthrose ist in diesen Gelenken nicht so häufig, und die Patienten können mit den Schmerzen in der Regel besser leben als in Knie und Hüfte, erklärt Kirschbaum.

Muss immer gleich das ganze Gelenk ersetzt werden?

!Gerade beim Knie gibt es gleich mehrere Stufen der Prothese. Bei sportlichen Patienten kann zum Beispiel nur der beschädigte Teil der Knorpelschicht ersetzt werden, erläutert Schramm. Auch bei einer Standard-Arthrose wird nur die Oberfläche des Knochens ausgetauscht. Lediglich in seltenen komplizierten Fällen müsse das komplette Scharniergelenk ersetzt werden, sagt Schramm.

Wie sieht es bei der Hüfte aus?

Da muss grundsätzlich das gesamte Gelenk, also Kopf und Pfanne, ausgetauscht werden. Die Frage ist allerdings, wie groß die Prothese ist. Standard ist eine Variante mit langem Schaft, der tief im Oberschenkelknochen einzementiert wird. Unter bestimmten Voraussetzungen kann jedoch ein Modell mit kurzem Schaft zum Einsatz kommen, was den Knochen schont. Das hängt von dessen Beschaffenheit, aber auch dem Bewegungsprofil des Patienten ab. Schramm und Kirschbaum ist es deshalb wichtig, die Patienten nicht erst zur Operation kennenzulernen, sondern sie möglichst schon im Vorfeld als Orthopäde zu begleiten.

Wann muss operiert werden?

Das hängt von der Situation des Patienten ab. Dabei spielt der Grad des Gelenkverschleißes ebenso eine Rolle wie das berufliche Umfeld. „Kein Patient will operiert werden“, sagt Schramm, der grundsätzlich dem Patienten helfen will, möglichst lange mit der Arthrose klar zu kommen. Denn: „Gelenkersatz ist immer Lebensqualität auf Zeit. Er muss am Ende der Behandlungskette stehen.“

Wie groß ist die Lebensdauer einer Prothese?

Schramm und Kirschbaum rechnen inzwischen damit, dass der Knie- und Hüftersatz etwa 25 Jahre hält. „Der Erfolg der Erstoperation entscheidet über das Schicksal des Patienten in der Zukunft“, erklärt Kirschbaum. Deshalb dürfe die Prothese nur der letzte Schritt sein, und der Operateur müsse so zurückhaltend wie möglich vorgehen. Damit später noch ein weiterer Gelenkersatz möglich ist, ohne dass - als letzter Ausweg - das Gelenk versteift werden muss.

Ist mit einer Prothese überhaupt noch Sport möglich?

Grundsätzlich schon, aber auch das hängt von der individuellen Situation ab. Bei Patienten, denen regelmäßiger Sport wichtig ist, wählen Schramm und Kirschbaum Prothesen aus einer speziellen Titanlegierung, die Belastungen besser verträgt. Besonders verschleißarm sind hingegen Varianten aus Keramik, erklärt Schramm, die dafür unter Belastung ein gewisses Bruchrisiko haben. Doch wer kaum Sport macht, erhält damit eine besonders langlebige und hochwertige Prothese. „Deshalb ist es so wichtig, dass man den Patienten möglichst gut kennt und seine Situation einschätzen kann“, sagt Schramm. Er betreut viele Patienten noch Jahre nach der Operation - das helfe letztlich auch ihm, weiter dazuzulernen.

Zur Person

Dr. Markus Schramm (46) stammt aus Erfurt, wo er nach dem Medizinstudium in Jena zehn Jahre an der Orthopädischen Klinik der Medizinischen Hochschule gearbeitet hat. 2004 hat er sich mit einer orthopädischen Praxis in Rotenburg niedergelassen, drei Jahre später stieß Dr. Stefan Kirschbaum dazu. Der 53-Jährige hat in Tübingen studiert und seine unfallchirurgische Ausbildung in Regensburg gemacht. Danach hat er einige Jahre in Bad Hersfeld und Eisenach gearbeitet.

Beide Ärzte wohnen mit ihren Familien in Bad Hersfeld und sind zugleich Chefärzte der orthopädischen Abteilung des Kreiskrankenhauses. Seither haben sie etwa 3600 Gelenkprothesen eingesetzt. Obwohl die 25-Betten-Abteilung außer ihnen nur noch zwei Assistenzärzten hat, ist sie als Endoprothesenzentrum zertifiziert. „Wir bewegen uns auf Augenhöhe mit großen Kliniken“, sagt Schramm. Die Zertifizierung diene der Sicherheit der Patienten und dem Nachweis der Qualität, „wobei die Patienten die unmittelbare Betreuung durch die Chefärzte in der Klinik und in der Praxis schätzen “, sagt Schramm.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.