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Pflege im Kreis wird teurer: Heimbewohner tragen Tarifbindung mit

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Von: Sebastian Schaffner, Clemens Herwig, Christopher Ziermann

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Die Zahl der Menschen, die auf eine rechtliche Betreuung angewiesen sind, ist hessenweit gestiegen. Auch im Landkreis Kassel gibt es mehr Betroffene.
Die Zahl der Menschen, die auf eine rechtliche Betreuung angewiesen sind, ist hessenweit gestiegen. Auch im Landkreis Kassel gibt es mehr Betroffene. © Sina Schuldt/dpa

Bewohner von Pflegeheimen müssen sich auch im Landkreis auf teils deutlich steigende Kosten einstellen. Betroffen ist vor allem, wer in einer Einrichtung wohnt, deren Mitarbeiter noch nicht nach Tarif bezahlt werden. Doch auch die Pflegebetreiber, die bereits entsprechend vergüten, klagen über steigende Energie- und Verpflegungskosten – und sehen sich gezwungen, die Belastung auf die Bewohner umzulegen.

Hersfeld-Rotenburg – Seit dem 1. September greifen die Regelungen des Gesetzes zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung. Die noch nicht an einen Tarif gebundenen Einrichtungen mussten sich entscheiden, ob sie sich einem Tarif anschließen oder Löhne entsprechend dem durchschnittlichen Entgelt im Land Hessen zahlen. Die Mehrkosten tragen auch die Bewohner.

So steige der Eigenanteil für Heimbewohner bei der Awo künftig um etwa 20 Prozent, sagt Sprecherin Sigrid Wieder. Die Arbeiterwohlfahrt betreut in Einrichtungen in Bebra, Heringen, Rotenburg und Wildeck insgesamt rund 270 Menschen. Die dortigen Bewohner müssen mit monatlichen Mehrkosten von bis zu 550 Euro rechnen.

Angepasst werde „an den durchschnittlichen Lohn in Hessen“, sagt Wieder, betont aber, dass sich die Energie-Krise und die Inflation mit steigenden Kosten für die Verpflegung der Heimbewohner ebenfalls deutlich niederschlügen. Die Erhöhungen seien nicht willkürlich, sondern mit den Kostenträgern, zu denen die Pflegeversicherungen gehören, verhandelt.

„Die Altenpflege ist besser kontrolliert als so manches Atomkraftwerk“, sagt auch Ralf Sichler, Referent für Markt und Recht bei der Evangelischen Altenhilfe Gesundbrunnen mit Standorten in Bad Hersfeld, Ludwigsau und Philippsthal sowie insgesamt rund 230 betreuten Bewohnern. Der Betreiber zahlt bereits nach Tarif und begrüßt die neue Regelung. „Jetzt findet eine Angleichung statt, die aber auf dem Rücken der Pflegebedürftigen ausgetragen wird“, so Sichler. Doch auch in den Gesundbrunnen-Einrichtungen wird die Pflege teurer: Bereits vor zwei Monaten ergab eine Kalkulation bei den Energiekosten einen Anstieg um 40 Prozent. „Das müssen wir umlegen“, sagt Ralf Sichler.

Nicht alle Pflegebedürftigen trifft die Erhöhung gleich – so gibt es Unterschiede bei Zuschlägen je nach Dauer der Heimbetreuung. Bewohner, die sich die Mehrkosten nicht leisten können, haben die Möglichkeit, sowohl Wohngeld als auch Sozialhilfe zu beantragen.

Nicht nur steigende Löhne für die Mitarbeiter führen dazu, dass die Pflege im Landkreis Hersfeld-Rotenburg teurer wird. Auch durch „eklatante Teuerungsraten“ bei den Energiekosten und Ausgaben etwa für die Verpflegung in den Einrichtungen müssten Kosten auf die Bewohner umgelegt werden, sagt Michael Schmidt, Geschäftsführer der Awo Nordhessen. Dass diese Kostensteigerungen tatsächlich vorhanden sind, müssten die Betreiber gegenüber den Pflegekassen nachweisen.

Schmidt begrüßt ausdrücklich, dass sich die Bezahlung der Pflegekräfte nun am Tarif orientiert und spricht von einer „angemessenen Entlohnung“. Die Politik habe es jedoch versäumt, auch die Kostensteigerungen bei den Pflegesachleistungen mit abzufedern. Dadurch erwarteten die Bewohner nun auf einen Schlag deutliche Mehrkosten. „Wir hätten eine Pflegereform gebraucht. Nun haben wir ein Problem mit Ansage“, kritisiert der Geschäftsführer. Das führe zu einer durchaus spürbaren Verunsicherung bei den Bewohnern und ihren Angehörigen – die nun im Zweifel den Gang zum Sozialamt antreten müssten.

Dabei trifft die Erhöhung der Kosten nicht alle Bewohner gleich. Grundsätzlich ist die Leistung der Pflegekasse entsprechend dem Pflegegrad gedeckelt. Seit Januar erhalten Pflegebedürftige je nach Dauer der Heimbetreuung allerdings zusätzlich einen Leistungszuschlag auf die pflegebedingten Aufwendungen. Die Spanne reicht von fünf Prozent des pflegebedingten Eigenanteils im ersten Jahr bis zu einem Leistungszuschlag in Höhe von 70 Prozent nach 36 Monaten Heimaufenthalt.

Die Bezahlung in den Häusern der Arbeiterwohlfahrt – im Kreis in Bebra, Heringen, Rotenburg und Wildeck – habe bereits vor der neuen Regelung „im oberen Bereich“ gelegen. Daher falle die Erhöhung um bis zu 550 Euro monatlich nur halb so hoch aus wie bei vielen privaten Pflegeanbietern. Warum wird auch bei der Awo erst durch eine Gesetzänderung nach Tarif bezahlt? „Weil wir uns auch über die Pflegesätze refinanzieren müssen“, sagt Geschäftsführer Schmidt.

Gerade in der Hochphase der Corona-Zeiten erhielten Pflegekräfte viel Rückenwind. Dennoch wird in der Branche weiterhin händeringend nach Personal gesucht. Ist ein finanzieller Anreiz ausreichend für mehr Erfolg bei der Mitarbeitersuche? „Ich kann es nur hoffen“, sagt Michael Schmidt. Der Pflegeberuf sei in der Gesellschaft angesehen, die Absolventenzahlen an den Pflegeschulen aber rückläufig und der inländische Arbeitsmarkt leer gefegt. Das pessimistische Szenario sei, dass noch mehr Pflege zu Hause stattfinden müsse, weil die professionelle Betreuung ausgelastet sei.

Schmidt fordert daher, mehr Männer für die Pflege zu begeistern („der Frauenanteil liegt bei 85 Prozent“) und die Hürden für qualifizierte Zuwanderung aus dem Ausland abzubauen. Die Politik habe 30 Jahre verstreichen lassen, trotz zahlreicher Warnungen aus der Branche. „Aber wenn wir jetzt alles besser machen, haben wir noch eine reelle Chance.“ Für die Kreisaltenpflege Hersfeld-Rotenburg ändert sich hingegen nichts durch das neue Gesetz. „Wir zahlen schon seit Jahrzehnten nach Tarif“, sagt Geschäftsführerin Bettina Wolf. Das Kreisaltenzentrum in Rotenburg hat 99 Bewohner, das Kreisaltenheim in Niederaula 163.

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