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Pflegeeinrichtungen im Landkreis ziehen nach zwei Corona-Jahren Bilanz

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Von: Clemens Herwig

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Leiten die Awo-Einrichtungen im Landkreis: Unser Foto zeigt von links Laura Burriesci (Bebra), Susanne Kunzemann (Heringen) und Jutta Maikranz (Wildeck-Obersuhl) im Bebraer Stadtpark am Brigitte-Mende-Haus.
Sie sind Chefin in den Awo-Einrichtungen im Landkreis: Unser Foto zeigt von links Laura Burriesci (Bebra), Antonia Steidler (Pflegedienstleitung in Heringen) und Jutta Maikranz (Wildeck-Obersuhl) im Bebraer Stadtpark am Brigitte-Mende-Haus. © Clemens Herwig

Wir haben mit den Leiterinnen der Awo-Einrichtungen in Bebra, Heringen und Obersuhl eine Bilanz der Pandemie-Zeit gezogen. Dazu Fragen und Antworten.

Hersfeld-Rotenburg – Zum ersten Mal seit Beginn der Corona-Pandemie können die Awo-Altenzentren im Landkreis Hersfeld-Rotenburg wieder öffentliche Vorträge anbieten. „Mit den Ereignissen der vergangenen zwei Jahre hat sich das Leben grundlegend geändert“, schreibt die gemeinnützige Gesellschaft in der Einladung – das gilt auch für den Alltag in den Altenheimen.

Wie hat Corona den Einrichtungsalltag geprägt?

Es fällt mehr Arbeit an, allein durch die aufwendigen Hygieneregeln. Auch die Maskenpflicht ist längst nicht bei allen beliebt und mache sich vor allem bei Demenzkranken bemerkbar, die die Mimik ihres Gegenübers so schwerer erkennen können. Zudem sei eine hohe Flexibilität bei den Mitarbeitern gefragt, die sich immer wieder auf neue Regeln einstellen müssten, berichten die Einrichtungsleiterinnen. Gerade während der harten Lockdowns mit strengsten Besuchsregeln habe das Personal die Angehörigen zudem ein Stück weit ersetzen müssen.

Aus Gruppenbetreuung sei dann oft Einzelbetreuung geworden. Gestemmt werden konnte das nur durch eine Umstrukturierung der Arbeitsabläufe und viel persönlichen Einsatz des Personals, so die drei Leiterinnen. Es habe Kraft gekostet und tue das auch weiterhin. „Und es ist die Frage, wie lange das Reservoir noch reicht“, sagt Awo-Nordhessen-Sprecherin Sigrid Wieder. Ein Modell für die Nach-Corona-Zeit sei der Einsatz am Limit nicht. Bleiben sollen dagegen unter dem Druck der Pandemie breiter etablierte digitale Angebote wie Video-Anrufe bei weiter entfernt lebenden Verwandten.

Pflegekräfte wurden bereits vor der Pandemie händeringend gesucht. Hat Corona die Sorgen der Einrichtungen noch verstärkt?

Die Pandemie hat zumindest nicht geholfen, sind sich die Leiterinnen einig. „In der Pflege zu arbeiten ist in Corona-Zeiten eine zusätzliche Herausforderung“, sagt Antonia Steidler, Pflegedienstleiterin der Awo Heringen, mit Blick auf die Arbeitsbelastung und den berufsbedingt ständigen engen Kontakt mit Menschen. Umso mehr loben die Chefinnen den Einsatz ihrer Teams, die bei viel zusätzlicher Arbeit stets „Fingerspitzengefühl bewiesen haben, trotz einer gewissen Anspannung und Dünnhäutigkeit, die durch die Pandemie in der Luft liegt“, wie es Jutta Maikranz formuliert.

Es liege daher umso mehr in der Verantwortung der Einrichtungsleitung, beim vorhandenen Personal für „etwas Seelenbalsam“ zu sorgen – auch, wenn ein Schulterklopfen coronabedingt ausfällt. In den Awo-Altenzentren im Kreis habe es zwar Mitarbeiterabgänge gegeben, diese seien aber „reguläre Fluktuation“ und nicht das Ergebnis von Corona-Frust des Pflegepersonals.

Ist die anfängliche Hochachtung für den Einsatz der Pflegekräfte in Pandemiezeiten – wie bei vielen anderen Berufsgruppen – etwas verpufft?

Ja. Zumindest kommt sie nicht mehr im gleichen Ausmaß in den Altenzentren an. „Wir haben schon das Gefühl, dass mit zunehmender Normalität in der Pandemie auch unser Einsatz wieder als selbstverständlicher wahrgenommen wird“, sagen die Einrichtungsleiterinnen. Trotzdem sind die Pfleger dankbar, wenn etwa in Obersuhl Musiker des Posaunenchors weiterhin für ein Ständchen im Garten vorbeischauen oder Kindergärten Briefe, Bilder und mehr an die Bewohner der Einrichtungen schicken.

In der Altenpflege gilt, wie in einigen anderen Berufen, eine Impfpflicht. Wie kommt das in den Einrichtungen an?

Nordhessenweit sind 3,5 Prozent der Awo-Mitarbeiter in der Altenpflege nicht geimpft, sagt Sprecherin Sigrid Wieder. In Heringen sind es sieben und in Bebra drei Pflegekräfte, die aus persönlichen Gründen auf ein Vakzin verzichten, Obersuhl musste Mitte März eine Pflegekraft an die zuständigen Behörden melden. „Wie es jetzt weitergeht, wissen wir auch nicht“, sagt Wieder.

Altenheime wurden in Corona-Hochzeiten nahezu hermetisch abgeriegelt – auch zum Unmut einiger Angehöriger. Mit Erfolg?

Die Einrichtungen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg haben die Corona-Wellen unterschiedlich gut überstanden. Während das Altenzentrum in Heringen bei jedem der vier großen Infektionsschübe im Kreis betroffen gewesen ist, verzeichnete das Heim in Obersuhl im Februar die ersten Corona-Fälle seit Pandemiebeginn. Das Brigitte-Mende-Haus in Bebra hat es im Frühjahr 2020 und ebenfalls im Februar erwischt. Verbunden war das stets mit noch mehr Arbeit, vor allem, wenn auch Personal ausgefallen ist. Hinzu komme, dass es schwierig sei, etwa einem Demenzkranken zu erklären, dass er in Quarantäne ist, während sich die fitteren Bewohner sorgen machten, wenn der Betroffene auf den Fluren unterwegs ist. Mittlerweile stellen die Leiterinnen ein Umdenken im Umgang mit der Quarantäne fest. Während zur ersten Welle bei einer Infektion in der Einrichtung Zimmer-Quarantäne galt und nur der Rettungsdienst und Ärzte Zugang hatten, müssen nunmehr nur noch Bewohner mit Symptomen isoliert werden und auch Fußpfleger und Friseure dürfen die Zentren wieder besuchen.

Vom Vererben bis zur Patientenverfügung

Für die Vortragsreihe „Selbstbestimmung im Alter“ sind drei Termine im Landkreis geplant. Der Besuch der Veranstaltungen steht allen Interessierten offen und ist kostenlos. Behandelt werden Themen, „mit denen man sich eigentlich nicht so gern beschäftigen möchte, aber dann merkt, dass man es muss“, so Awo-Sprecherin Sigrid Wieder. Die erfahrenen Referenten bringen „komplexe und teils trockene Themen verständlich und unterhaltsam rüber“, so das Versprechen. Das Ziel der Vorträge sei auch gleichzeitig das Motto der Awo: „Hilfe zur Selbsthilfe“. Um Anmeldung wird gebeten.

. „Gut abgesichert dank Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht“: Krankheit, Unfall, zunehmendes Alter – wie kann ich mich absichern, damit wichtige Angelegenheiten in meinem Sinne geregelt werden, wenn ich dazu nicht mehr in der Lage bin? Diplom-Rechtspfleger Gerhard Kaiser gibt Antworten, praxisnahe Beispiele und Tipps rund um Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten. Die Termine sind: Donnerstag, 5. Mai, im Awo-Altenzentrum Obersuhl; 23. Juni im Brigitte-Mende-Haus in Bebra; 29. Juni im Awo-Zentrum in Heringen. Beginn der Veranstaltungen ist jeweils um 18 Uhr.

. „Vererben und erben – mit Geschick“: Worauf muss beim Verfassen des Testaments geachtet werden? Wo bewahre ich es am besten auf? Das erläutert Referent Erhard Kött, Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Erbrecht, mit praxisnahen Beispielen. Die Termine: Mittwoch, 11. Mai, in Heringen; 6. Juli in Obersuhl; 5. Oktober in Bebra. Beginn: jeweils 18 Uhr.

. Dem Alter die Stirn bieten: Im Alter geistig aktiv und fit bleiben, wie kann das klappen? Daniel Jaworski aus Kassel ist langjähriger Gedächtnistrainer, Weltrekordhalter im Gedächtnissport und stellt alltagstaugliche Übungen zur Verbesserung der Erinnerungsfähigkeit vor. Die Termine: 8. September in Bebra, 6. Oktober in Heringen, 20. Oktober in Obersuhl. Beginn ist jeweils um 18 Uhr. (Clemens Herwig)

Anmeldungen unter Telefon 0 66 22/9 24 30 (Bebra, 50 Plätze), 0 66 24/54 20 84 00 (Heringen, 30 Plätze) und 0 66 26/9 15 20 (Obersuhl, 15 Plätze).

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