Projekt Stadtfüchse startete im Schullandheim Licherode

Ziemlich mühsam, auf diese Weise Mehl zu produzieren: Maxim, Dennis und Thomas aus der vierten Klasse der Bad Hersfelder Ernst-von-Harnack-Schule zerdrücken Getreidekörner zwischen Steinen. Fotos: Meyer

Ein Projekt namens Stadtfüchse soll Kindern aus Städten mithilfe von Sponsoren ermöglichen, im Schullandheim Licherode die Natur zu erkunden. Die ersten Stadtfüchse sind 34 Schüler der Ernst-von-Harnack-Schule in Bad Hersfeld.

Licherode/Bad Hersfeld Kein Fernseher, Computer, kein Handy, Radio, keine Kopfhörer. Julians Konsole mit Rallye-Spielen liegt zu Hause im Regal, während Julian im Hof des Licheroder Schullandheims auf dem kalten Boden kniet und mit einem Stein Getreidekörner zerdrückt.

Ihre technische Grundausstattung vermissen der Zehnjährige und seine 33 Mitschüler aus Bad Hersfeld gar nicht so sehr. Nur abends, da sei schon mal Langeweile aufgekommen. Obwohl, dann hatte jemand die Idee, das Fenster aufzumachen und die Sterne anzuschauen.

Das Licht in den Zimmern brennt bis 10. Danach erzählt man sich auf den Jungszimmern Witze oder Gruselgeschichten, und die Mädchen verraten sich Geheimnisse über - klar, Jungs. Welche Geheimnisse, will Vanessa aus der 4a nicht erzählen - logisch, sonst wären’s ja keine Geheimnisse mehr.

„Die Köchin macht echte Kunstwerke“, schwärmt Dilara über das Essen, auch wenn sie vorher in Erwägung gezogen hatte, einen Döner einzuschmuggeln, wie sie laut lachend erzählt. Karottensuppe, Pizza, alles köstlich. „Sogar die Limonade ist hier Bio“, begeistert sich Julian. Mit Bionahrung gestärkt, wanderten die Kinder fünf Kilometer zur Töpferei nach Oberellenbach und wieder zurück. Fünf Tage bleiben die Viertklässler in Licherode, entdecken den Wald und die Natur.

Heute dreht sich alles um Steine. Thomas schnappt sich einen Eimer voller flacher Findlinge. Kalt ist ihm nicht - das Mehlmahlen hat den ganzen Körper gewärmt.

Wie ein Diamant

Sorgfältig legt Thomas Stein auf Stein und konstruiert einen kniehohen Turm. Vanessa untersucht Gipsstücke mit der Lupe. „Der glänzt wie ein Diamant“, freut sie sich. Im Nebenraum ertastet der kleine Mario große Kieselsteine. „Der hier ist irgendwie dreieckig“, sagt er. Auf einem Blatt Papier notiert er die Eigenschaften der Steine.

Übrigens: Montagabend gab es eine Ausnahme. Da wurde der Fernseher angemacht, aber nur, weil die Kinder in der Hessenschau kamen. Am Vormittag war ein Reporter dagewesen, und Dilara durfte ein Interview geben, Vanesa auch, aber die wurde, wie sie sagt, einfach abgeschnitten.

Auf was freuen sich die Kinder zu Hause? Vanessa: „Auf meine Familie. Ich hab sie einfach lieb.“ (zmy)

Das Projekt Stadtfüchse

Die Idee für das Projekt Stadtfüchse hat Klaus Adamaschek entwickelt, der Leiter des Schullandheims und Umweltbildungszentrums Licherode. Sie sieht vor, dass Wirtschaftsunternehmen finanzielle Zuschüsse geben, damit Kinder von Schulen aus ihrer Region einige Tage im Schullandheim verbringen können.

Adamaschek ist dazu bereits mit 24 Schulen im Umkreis von 300 Kilometern in Kontakt getreten. Das Angebot solle sich vor allem an Schulen in Ballungsräumen und sogenannten sozialen Brennpunkten richten, also auch an Schüler, deren Eltern Schwierigkeiten haben, eine solche Klassenfahrt zu finanzieren. Unternehmen hätten so die Chance, soziale Verantwortung zu übernehmen und soziale Nähe zu zeigen. Der fünftägige Aufenthalt koste etwa 140 Euro. Die Paten der Stadtfüchse sollen davon die Hälfte übernehmen, die andere Hälfte zahlen die Eltern.

Naturerfahrung fremd

Adamaschek denkt bei dem Projekt vor allem an Kinder aus Ballungsgebieten, denen Naturerfahrungen fremd seien. „Den Wald erobern, den Bauernhof kennenlernen - das sind wichtige existentielle Erfahrungen, die alle Kinder gebrauchen können, nicht nur die, die sich das leisten können.“ Die Naturerlebniswochen haben unterschiedliche Schwerpunkte, zum Beispiel Sonnenenergie, Wald oder gesunde Ernährung.

Karina Schnaar, Schulleiterin der Bad Hersfelder Ernst-von-Harnack-Grundschule, freut sich, dass Kinder ihrer Schule nun in den Genuss einer Woche im Schullandheim kommen. „Wir wollen, dass die Kinder Natur erleben. Hier geht man raus und steht in der Natur. Das sind authentische Erlebnisse.“

In diesen Tagen geht die Internetseite der Stadtfüchse online. Die Adresse lautet: www.stadtfuechse-licherode.de

Sparkasse erster Sponsor

Die Sparkassenfinanzgruppe Hessen-Thüringen ist erster Sponsor der Stadtfüchse. Sie spendet 16 600 Euro und wird so rund 200 Schülern den Aufenthalt im Schullandheim Licherode mitermöglichen.

Das Geld stammt aus dem Verkauf sogenannter Prämiensparlose.

Der Erlös aus dem Verkauf solcher Lose kommt teilweise gemeinnützigen Zwecken zugute, erklärt Reinhard Faulstich, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Hersfeld-Rotenburg.

Faulstich: „Wir schätzen Herrn Adamaschek seit Jahren. Hier wird gute Arbeit geleistet in den Bereichen Umwelt, Nachhaltigkeit, Zusammenleben.“ (zmy)

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