Rettung in letzter Sekunde

Reetdachbrand in Süß war für die Feuerwehr eine besondere Herausforderung

Reetdachbrand in Nentershausen Süß
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Bei einem Reetdachbrand im Nentershäuser Ortsteil Süß waren Feuerwehrleute aus Nentershausen, Richelsdorf und Obersuhl, die Drehleiter aus Rotenburg, der Gerätewagen Atemschutz aus Bad Hersfeld und das DRK Obersuhl im Einsatz. Bei dem Brand entstand ein Schaden im hohen sechsstelligen Bereich.

Im Nentershäuser Ortsteil Süß brannte ein mit Reet gedecktes Haus lichterloh. 80 Feuerwehrleute waren bei diesem außergewöhnlichen Feuer im Einsatz. Verletzt wurde zum Glück niemand.

Süß – Vor allem für die betroffenen Bewohner wird der Dienstag, 3. November, ein Tag sein, den sie nie vergessen werden. Aber auch für die Feuerwehr war es ein unvergesslicher Einsatz. Mittlerweile sind auch die Ermittlungen abgeschlossen. Die Brandursachenermittler der Bad Hersfelder Kriminalpolizei waren vor Ort. Für eine vorsätzliche Brandstiftung gibt es keinerlei Hinweise, berichtet die Polizei. „Wahrscheinlich ist das Feuer in Folge eines Glanzrußbrands im Kamin, der auf das Reetdach übergriff, ausgebrochen“, betonen die Ermittler.

Gegen 22 Uhr bemerkte die Bewohnerin des mit Reet gedeckten Hauses ein verdächtiges Knistergeräusch in ihrem Kamin. Sie informierte ihre Mutter im Nachbarhaus und alarmierte sofort die Feuerwehr. Gemeldet war ein Schornsteinbrand. Für die Wehren sind solche Einsätze meist vergleichsweise entspannt. Laut Vorschrift rücken sie dazu mit einer relativ kleinen Truppe aus. Dann aber kam alles ganz anders. Als die ersten Einsatzkräfte eintrafen, stellten sie mit Erschrecken fest, dass das Dach schon lichterloh in Flammen stand, berichtet der Nentershäuser Gemeindebrandinspektor Christian Löffler.

Dann kam die Chaosphase

„Da ging für uns das Rotieren los, die Chaosphase“, erzählt der Einsatzleiter, dem hinterher bescheinigt wurde, in allen Phasen ruhig, besonnen und äußerst professionell gehandelt zu haben. 1000 Dinge mussten dann gleichzeitig passieren. Der erste Trupp, der da war, baute die Versorgung mit Löschwasser, legte Schlauchleitungen zu einem nahen Teich.

„Wir haben es in letzter Sekunde geschafft, zu verhindern, dass das Feuer auch auf das angrenzende Haus übergreift“, berichtet Christian Löffler. Die Häuser sind durch einen Zwischenbau miteinander verbunden. Die Dächer nicht. „Auch das Reetdach des anderen Hauses hat schon geknistert und gedampft“, erzählt der Einsatzleiter. „Es hätte nur einen Funken gebraucht, um es zu entzünden. Die ersten Minuten des Einsatzes waren schon extrem.“

Aber genau genommen war der ganze Einsatz extrem. In der Anfangsphase waren gerade mal 22 Feuerwehrleute vor Ort, in der Hochphase waren es 80.

Großaufgebot der Hilfskräfte: 80 Feuerwehrleute waren im Einsatz

Material brennt sofort lichterloh

Für Feuerwehrleute ist der Brand eines Reetdaches eine besondere Herausforderung. „Den Brand eines Reetdaches kann man vergleichen mit dem von Strohballen“, erläutert Einsatzleiter Löffler. Das Material brennt sofort lichterloh und es gilt, unzählige Glutnester in den Griff zu bekommen. Das tägliche Geschäft der Feuerwehren sieht anders aus: ein mit Ziegeln gedecktes Haus. Als in Süß das zweite Haus gesichert war, konnte sich die Feuerwehr auf den Brand des Dachstuhls konzentrieren.

„Versucht man, ein brennendes Reetdach mit normalem Löschwasser zu löschen, entfacht man das Feuer eher noch“, weiß Löffler. Deshalb wurde das Löschwasser mit viel Netzmittel versehen. Damit dringt das Löschwasser tiefer in die Oberflächen ein.

Greifbagger riss das Reet vom Dach

Im vorderen Bereich, wo die Drehleiter positioniert war, riss ein Greifbagger das Reet vom Dach, das dort mit Drahtgeflecht befestigt war. Auf dem Boden konnte das glühende Material dann abgelöscht werden. Auf der anderen Seite des Hauses mussten die Feuerwehrleute mit der Hanglage klarkommen, der Einsatz des Baggers war nicht möglich. Die Einsatzkräfte setzten vierteilige Steckleitern ein, öffneten das Drahtgeflecht unter Atemschutz und räumten mit den Händen das Dach ab.

„Personalintensiv und materialintensiv“, fasst Löffler den schweißtreibenden und äußerst kräftezehrenden Einsatz zusammen. „Da muss ich unseren Atemschutzgeräteträgern meine Hochachtung aussprechen.“

Reicht der Sprit?

Und immer wieder muss nicht nur der Einsatzleiter vorausdenken. Reicht der Sprit? Reicht das Netzmittel? Wäre es sinnvoll, einen Gelenkmast von K+S einzusetzen? Wäre es hilfreich, dass das THW ein Schnellgerüst aufbaut? „Du musst immer nicht nur einen Plan A und B haben, sondern auch C und D.“

„Alle Hilfskräfte haben super gut zusammengearbeitet“, so das Fazit des Einsatzleiters. Ein heftiger Einsatz für die ganze Truppe. Der Hauptteil des Personals tritt gegen 7.30 Uhr müde und abgekämpft den Rückweg an. Eine Brandwache bleibt bis 10.30 Uhr.

„Das Wichtigste ist, dass niemand zu Schaden gekommen ist“, sagt der Eigentümer des Hauses. „Ich möchte nicht viel sagen. Aber ich bin allen ehrenamtlichen Helfern für ihren unglaublichen Einsatz in dieser Nacht unendlich dankbar. Was wären wir, wenn wir solche ehrenamtlichen Einsatzkräfte nicht hätten?“

Schornstein muss bis zu 1000 Grad aushalten – Funkenflug bei Kaminbrand gefährlich

Der Einsatz in Süß schien zunächst nur ein Kaminbrand zu sein. Für Feuerwehren ist solche ein Einsatz nicht so kritisch. Ein Kamin ist sozusagen ein eigener Brandabschnitt. Er muss bei einem Brand 90 Minuten lang bis zu 1000 Grad aushalten können. Die Feuerwehr muss den Funkenflug im Auge haben und kontrollieren auch mit Wärmebildkameras, ob der Kamin nicht innen beschädigt ist. In der Regel lässt man einen Kaminbrand kontrolliert ausbrennen. Schornsteinfeger reinigen den Kamin im Anschluss. Ursache für einen Kaminbrand ist, dass sich Glanzruß unverbrannt im Schornstein ablagert und entzündet. Gelöscht wird ein reiner Kaminbrand aber nicht. Im Notfall käme Pulver zum Einsatz. Ein Löscheinsatz mit Wasser ist ausgeschlossen. Allein ein Liter Wasser ergibt 1800 Liter Wasserdampf. Der Schornstein würde durch den Druck platzen und sehr große Schäden anrichten. Bei dem Brand in Süß gehen die Ermittler davon aus, dass das Feuer in Folge eines Glanzrußbrands im Kamin, der auf das Reetdach übergriff, ausgebrochen ist. Reet, auch Rohr genannt, bezeichnet das an Ufern oder auf sumpfigem Gelände wachsende Schilfrohr. In Deutschland ist es als Dacheindeckung vor allem im Ostsee- und Nordsee-Raum beliebt. (René Dupont)

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