„Kunden wollen das Tierwohl sehen“

Regionale Produkte sind in Pandemiezeiten besonders gefragt

Die Rinder, die Timo Hübener aufzieht, haben es gut. Unser Bild zeigt den Ronshäuser auf der Rinderweide oberhalb seines Heimatortes.
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Viel Platz, Ruhe und frisches Gras: Die Rinder, die Timo Hübener aufzieht, haben es gut. Unser Bild zeigt den Ronshäuser auf der Rinderweide oberhalb seines Heimatortes.

Über einen Nachfrageboom freuen sich Direktvermarkter, Hofladenbetreiber und Produzenten von regional erzeugten Produkten im Landkreis Hersfeld-Rotenburg.

Hersfeld-Rotenburg - Die lange Pandemiezeit habe dafür gesorgt, dass immer mehr Kunden ihre Einkäufe lieber nebenan in kleinen Läden oder an Verkaufsständen tätigen, als sich mit vielen Menschen im Supermarkt zu tummeln.

Das hat auch Christian Schran beobachtet, der gemeinsam mit seiner Familie einen Hofladen in Ronshausen betreibt. „Wer dann erst mal auf den Geschmack gekommen ist und feststellt, dass Produkte wie zum Beispiel unsere Kartoffeln, auch eine tolle Qualität haben, der will dann meist auch nicht mehr zurückwechseln“, sagt der 26-jährige Agrarwirt. Abgesehen davon seien auch immer mehr junge Leute dazu übergegangen, sich bewusster zu ernähren. „In der Corona-Zeit wurde zu Hause mehr gekocht – die Restaurants waren ja zu“, sagt er.

Zudem werde immer mehr auf Themen wie Tierwohl und ökologische Herstellung geachtet. „Unsere Eier gibt es direkt neben dem Hühnerstall und auch bei der Rinderzucht gibt es bei uns weder beim Futter noch bei der Schlachtung weite Strecken, die für die Fleischerzeugung zurückgelegt werden müssen“, sagt Schran. Sein Rotes Höhenvieh, wie die vom Aussterben bedrohte Rinderrasse heißt, ist der ganze Stolz des 26-Jährigen. In ganz Deutschland gebe es nur ein gutes Dutzend Betriebe, die sie züchteten. Früher wurde die sogenannte Dreinutzungsrasse sowohl für die Feldarbeit beim Pflügen, für die Milch- und auch für die Fleischproduktion gehalten. „Mit der Fleischvermarktung finanzieren wir nun die Arterhaltung“, sagt Schran.

Auf Stroh gehaltene und mit Futter aus eigenem Getreideanbau gemästete Schweine züchten Madlen und Stefan Hildebrand vom Hofladen zur Mühle in Reilos. Ihre Tiere dürfen einmal Geburtstag feiern, bevor sie geschlachtet werden.

„In der Corona-Zeit kam es vor, dass wir an unserem Wagen ausverkauft waren“, sagt die 38-Jährige, die dort hinter dem Tresen steht. Gute Qualität und Mundpropaganda hätten ihren Kundenstamm stark wachsen lassen. „Es ist traurig, dass erst so etwas Schlimmes wie Corona kommen musste, damit sich die Menschen wieder mehr auf regionale Produkte besinnen“, sagt Stefan Hildebrand nachdenklich. Gesunde Ernährung mit heimischen Lebensmitteln wird im Landkreis immer beliebter. Das berichten Direktvermarkter, Hofladenbetreiber und Produzenten von regional erzeugten Produkten, die einen regelrechten Nachfrageboom erleben.

Gutes Fleisch braucht Zeit und gutes Futter

Gut Ding will Weile haben. Diese alte Weisheit gilt auch für die Aufzucht von Tieren. Wer gutes Fleisch erzeugen will, braucht dafür Zeit, gutes Futter und eine tiergerechte, stressfreie Unterbringung bei der Haltung. Das weiß auch Timo Hübener. Der Ronshäuser züchtet bereits seit vielen Jahren Schweine in Freilandhaltung und inzwischen auch Rinder, die er auf weitläufigen Weideflächen oberhalb von Ronshausen und Weiterode hält.

„Das zahlt sich bei der Qualität dann aus“, sagt Hübener, der vom Kälbchen bis zur Schlachtung in seinem eigenen Zerlegeraum die Fleischproduktion in sämtlichen Schritten selbst kontrolliert. Wenn er seine Tiere zerlege, sehe er sofort, dass sie unter besonders guten Bedingungen aufgewachsen seien, hat ihm ein befreundeter Metzger schon vor Jahren attestiert. So wie auch auf dem Hof von Madlen und Stefan Hildebrand in Reilos feiern auch Hübners Schweine einmal Geburtstag, bevor sie geschlachtet werden.

„Was wir an Grillfleisch und Würstchen verkauft haben, das war einfach nur unglaublich“, berichtet Stefan Hildebrand. Wegen der geschlossenen Restaurants hätten sich alle mehr oder weniger zuhause verköstigt. Und das am Liebsten mit regional erzeugten Lebensmitteln.

Jeder kann die Tiere anschauen

Das sieht auch Simone Däche so, die in Iba mit ihrem Mann Markus den Hofladen „Simones Hühner on Tour“ betreibt. Drei Jahre lang hatte sie hierfür nur einen kultigen Bauwagen gebraucht, aber der wurde zu eng und im Sommer zu warm. Jetzt hat sie sich vergrößert und ist – auch angesichts der steigenden Nachfrage – in einen klimatisierten Verkaufscontainer mit mehr Platz umgezogen. „Immer mehr Leute wollen lokale Lebensmittel – es muss nicht unbedingt Bio sein“, sagt die 52-Jährige. Sie habe nur natürliche Produkte ohne chemische Zusatzstoffe im Sortiment. Der Zuspruch werde immer größer – „die Kunden wollen das Tierwohl sehen und wir mit den Hofläden sind da gläsern. Bei uns laufen die Tiere, die später verkauft werden, hier rum und jeder kann sie anschauen“, sagt Simone Däche, die zum Beispiel eigene Suppenhühner und Masthähnchen verkauft. Auch sie habe beobachtet, dass dies während der Corona-Zeit noch intensiver geworden ist.

Feinstes Fleisch aus heimischer Zucht: Im Bad Hersfelder Stadtteil Asbach züchtet Thiemo Bohl japanische Wagyu-Rinder.

Dass lokal erzeugte Produkte nicht nur gut bürgerlich, qualitativ hochwertig und umweltbewusst daher kommen, sondern zudem auch noch den Hauch von Exklusivität der großen weiten Welt und des Luxus’ in sich vereinen können, das stellt Thiemo Bohl im Bad Hersfelder Stadtteil Asbach unter Beweis. Der gelernte Landwirt und angehende Betriebswirt züchtet dort auf dem Hof der Familie seiner Partnerin Isabel Lenz seit dem Frühjahr 2019 japanische Wagyu-Rinder – siehe Hintergund.

Hintergrund: Das Wagyu-Rind darf nicht Kobe heißen

Die Wagyu-Rinderrasse, die bei Feinschmeckern besonders unter dem Namen Kobe-Rind bekannt ist, stammt aus Japan. Die Bezeichnung „Kobe“ ist jedoch nur zulässig, wenn die Tiere in der Region Kobe in Japan geboren wurden, dort aufgewachsen sind und geschlachtet wurden. Die Besonderheit dieser japanischen Rinderrasse ist, dass die Fettstränge im Muskelfleisch verteilt sind. Zudem hat das Fett eine relativ niedrige Schmelztemperatur. Dadurch wird das Fleisch bei der Zubereitung besonders saftig und entwickelt einen charakteristischen Geschmack. Das Fleisch gilt zudem auch noch als besonders gesund – es ist arm an Cholesterin, dafür reich an ungesättigten Fettsäuren. Bei Thiemo Bohl in Asbach wird es ab Ende August zu einem Kilopreis – je nach Fleischstück – von 215 (Filet) bis 60 Euro (Nackensteak) angeboten. lh / pgo

„Ich dachte zuerst, das ist eine Schnapsidee“, gibt Isabel Lenz zu. Doch dann habe es so viele Anfragen nach diesem besonders edlen Fleisch gegeben, „dass wir den ursprünglich erst in ein, zwei Jahren geplanten Hofladen schon jetzt eröffnen“. Am Samstag, 28. August, ist es dann soweit. Von 11 bis 16 Uhr können Freunde des feines Fleischgenusses dort Wagyu-Burger kosten. Auch ein befreundeter Winzer aus Rheinhessen wird mit einem Stand auf dem Hof in Asbach vertreten sein.

Regionalität ist wichtig

„Wir wollen zurück zu den Ursprüngen – Regionalität ist uns wichtig“, sagt Thiemo Bohl, der aus Ottrau stammt. Er wolle seinen Kunden ein Produkt bieten, „bei dem wir von Anfang bis zum Ende alles in unserer Hand haben“. Lediglich das Schlachten der Tiere übernimmt ein Metzger aus Haselstein bei Hünfeld. Dieser ist Fleischsommelier und Fachmann für das Schlachten und Zerlegen der besonders edlen Rinderrasse ist.

„Meine Tiere feiern vier Mal Geburtstag, bevor sie auf den Metzger treffen – das macht diese besondere Fleischproduktion aus – das Ergebnis ist qualitativ herausragend und deswegen auch relativ teuer“, sagt der 27-Jährige. Ein Rumpsteak davon kostet rund 50 Euro. Begonnen hat Bohl seine Wagyu-Zucht mit drei Tieren – inzwischen sind es 16. Doch inzwischen sind sich Isabel Lenz und Timo Bohl – die ebenfalls mit ihrem inzwischen zehn Monate alten Sohn Toni Nachwuchs bekommen haben – sicher: Der außergewöhnliche Geschmack und die Qualität des Wagyu-Fleisches wird gut ankommen. „Wer das mal gekostet hat, der wird sich das sicherlich auch öfters mal gönnen wollen“, ist sich das junge Paar sicher. (Peter Gottbehüt)

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