Ohne Handyempfang fast der einzige Draht zur Außenwelt

Wirbel um Telefonzelle im Ferienpark Ronshausen

Ronshausen. Sie ist gut 35 Jahre alt, 2,30 Meter hoch und misst breit wie tief einen Meter: Eine gelbe Telefonzelle, die seit Anfang der 80er-Jahre im Ferienpark Ronshausen steht.

Ihre Tage sind nun gezählt. Wohl noch vor Weihnachten, spätestens zwischen den Jahren, wird sie abgebaut. „Diese Telefonzelle ist total unwirtschaftlich, weil allein die Wartung und der Strom zu teuer sind. Die Grundversorgung bleibt aber bestehen“, bestätigt George McKinney von der Telekom auf Anfrage.

Das ist ganz wichtig, denn in Ronshausen ticken die Uhren anders. Genauer gesagt: Das Handynetz in Machtlos, wo der Ferienpark liegt, ist eigentlich nicht existent. Weder die Telekom noch Konkurenten wie Vodafone planen eine Verbesserung.

Alternative nur in Gaststätte 

„Wirtschaftlich ist das nachzuvollziehen, aber menschlich einfach traurig“, betont Bürgermeister Markus Becker. Denn in dem Urlaubsdomizil gibt es 170 Häuser mit etwa 700 Betten. Festnetz hat hier niemand. In der gesamten Anlage ist Telefon nur in der Gaststätte vorhanden - und eben in der Zelle. „Unsere Gäste müssen doch zu Hause anrufen können, wenn sie bei uns gut angekommen sind“, sagt Meike Weber, die Geschäftsführerin des Parks.

In den Sommerferien würden viele Holländer nach Ronshausen kommen. In der Nebensaison seien es vermehrt Rentner, die ohnehin oft kein Handy hätten. Und ansonsten Familien aus ganz Deutschland bevorzugt an Feiertagen. Gerade Kinder aus Großstädten hätten an der gelben Rarität ihren Spaß.

Deswegen war es für Weber und ihr neunköpfiges Team ein Schock, als die Telekom nun auch den letzten von ursprünglich drei öffentlichen Fernsprechern abbauen wollte. Gut, dass Bürgermeister Becker belegen konnte, dass die Zelle auf Gemeindeboden steht und nicht auf privatem Grund.

Deswegen machte die Telekom den Kompromiss, die Telefonzelle durch eine sogenannte Regelanlage Basistelefon zu ersetzen. Also ein Gerät mit Kartenfunktion, an dem Notrufe immerhin weiterhin kostenlos abgesendet werden können. Das ist doppelt wichtig, weil auch Mails im Ernstfall kein darstellbarer Plan B sind. Denn es haben laut Markus Becker zwar einige Häuser (ganz schwaches) LTE-Netz, flächendeckend soll es dort schnelles Internet im Zuge des Breitbandausbaus erst 2019 geben.

Spaßeshalber hatte Becker bei der Telekom angeregt, einen Hotspot mit Wlan auf dem höchsten Punkt des Ferienparks anbringen zu lassen. Doch dafür reicht die Verbindung nicht aus. „Wichtig ist, dass die Gäste auch in Zukunft ihre Familien anrufen können und Notrufe möglich sind“, sagt der Bürgermeister. Denn sobald die Gaststätte geschlossen ist, gibt es nur noch das gelbe Relikt aus der Vergangenheit. Zumindest an ideellem Wert wird es sein kleiner, grauer Nachfolger schwer haben in Machtlos.

Hintergrund: 83.000 Zellen sind schon abgebaut 

Telefonzellen sind bedingt durch die steigende Anzahl an Handys nahezu aus dem Ortsbild verschwunden. In Deutschland gab es laut der Bundesnetzagentur 2007 insgesamt (Telekom und Mitbewerber) etwa 110.000 Telefonzellen. 2008 waren es über 100.000, Ende 2009 rund 90.000 öffentliche Telefone der Telekom. Von 48.000 Ende 2013 gingen die Zahlen bis Ende 2015 auf nur noch 27.000 zurück. Öffentliche Telefone stehen vor allem an Flughäfen und Bahnhöfen. Die erste Telefonzelle, damals noch Fernsprechkiosk genannt, war am 12. Januar 1881 in Berlin in Betrieb genommen worden.

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