Finanzen

Kreiskrankenhaus-Geschäftsführer: "Länder müssten sich mehr beteiligen"

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Seit einem Jahr an der Spitze des Kreiskrankenhauses: Geschäftsführer Frank Alemany, hier neben der Bronzebüste von Bernhard Christoph Faust (1755-1842). Faust – Arzt, Geburtshelfer und Gesundheitserzieher aus Rotenburg – gilt als Begründer der Gesundheitserziehung in Hessen. Die Statue steht seit 2007 am Haupteingang. 

Rotenburg – Frank J. Alemany ist seit einem Jahr Geschäftsführer des Rotenburger Kreiskrankenhauses. Im Interview stellt er sich unseren Fragen.

Herr Alemany, nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft schätzt jede dritte Klinik in Deutschland ihre wirtschaftliche Lage als „eher unbefriedigend“ ein. Nur 60 Prozent sind in der Lage, einen Gewinn zu erwirtschaften. Wie sieht das im Kreiskrankenhaus aus?

In der Tat kämpfen die meisten kleineren Krankenhäuser in Deutschland ums Überleben, dabei können gerade sie viel mehr Nähe zum Patienten bieten. Unser Kreiskrankenhaus konnte dank unseres hochmotivierten Teams im vergangenen Jahr ein ausgeglichenes Ergebnis erzielen. Die stationären Fallzahlen stiegen dabei um circa drei Prozent auf über 7100, die ambulanten um rund neun Prozent auf über 9300 Fälle.

Das Klinikum Hersfeld-Rotenburg rechnet für 2018 mit 1,5 bis 2 Millionen Euro Verlust. Ein Grund seien sinkende Belegungszahlen. Wie schaffen Sie es, die Zahlen auszubauen?

Solche Vergleiche sind immer Momentaufnahmen. Wir behandeln – gerade vor dem Hintergrund unserer christlichen Trägerschaft des Evangelischen Diakonievereins – vor allem den Menschen und nicht nur die Krankheit. Das und absolute Qualität sind uns Maßgabe und Verpflichtung.

Sie gehen nun in ihr zweites Jahr als Geschäftsführer. Worin sehen Sie die größten Herausforderungen für das Jahr 2019?

Da die wirtschaftliche Situation für kleinere Krankenhäuser insgesamt schwieriger wird, ist es mein Ziel, die finanzielle Situation des Krankenhauses weiter zu stabilisieren und die Qualität der medizinischen Behandlung weiter zu erhöhen. Nachdem unser Haus bereits mehrere Jahre ein sogenanntes Kompetenzzentrum im Bereich Hernien-Chirurgie ist, freut es mich sehr, dass wir Mitte des Jahres sogar den Status eines Referenzzentrums erreicht haben werden. Das schaffen in ganz Deutschland nur eine Handvoll Krankenhäuser. Die Gewinnung von Fachkräften bleibt ebenfalls ganz oben auf meiner Agenda.

Stichwort Personalgewinnung. Ist das Kreiskrankenhaus unterbesetzt?

Nein, wir beschäftigen mit Tochtergesellschaften insgesamt 430 Mitarbeiter, darunter über 40 Ärzte und mehr als 150 Pflegekräfte. Im vergangenen Jahr haben wir 14 neue Vollzeitstellen geschaffen. Dennoch haben wir, wie viele andere Krankenhäuser im ländlichen Raum, Schwierigkeiten, neues Fachpersonal zu finden. Daher bin ich stets auf der Suche nach kompetenten Ärzten und Pflegekräften, die nach Rotenburg kommen möchten. Deutschlandweit gibt es 15 700 offene Krankenpflegestellen und 24 000 offene Altenpflegestellen. Gleichzeitig hat die Bundesregierung kürzlich die Anforderungen verschärft und höhere Mindestzahlen für Pflegepersonal vorgeschrieben. Das führt mancherorts dazu, dass ganze Abteilungen in den Krankenhäusern geschlossen werden müssen. Unser Haus kann alle neuen Erfordernisse gut erfüllen, dennoch ist der Kampf um die besten Köpfe ein schwieriger.

Die seit diesem Monat geltenden Pflegepersonaluntergrenzen hat der neue Bundesgesundheitsminister Jens Spahn durchgesetzt. Was würden Sie ändern, wenn Sie Gesundheitsminister wären?

Viele Kliniken sind in wirtschaftlich schwieriges Fahrwasser geraten, seit das System der sogenannten DRGs (Diagnosis Related Groups, diagnosebezogene Fallgruppen, d. Red.) eingeführt worden ist. Denn es lässt komplett die Kosten etwa für die Bereitstellung einer Notaufnahme außen vor. Obwohl sie mitsamt des Personals immer bereitstehen und bezahlt werden muss, auch wenn gerade keine Patienten darin behandelt werden. Auch die Tariferhöhungen werden leider in den DRGs nur ungenügend berücksichtigt. Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Länder in den letzten Jahren immer mehr aus der Krankenhausförderung zurückgezogen haben und das Geld lieber für andere Dinge ausgeben. Als Gesundheitsminister würde ich dafür sorgen, dass die Länder die Krankenhäuser nicht mehr im Regen stehen lassen dürften.

Wie sähe Ihr Finanzierungsmodell aus?

Ich würde ein System einführen, das die Bedürfnisse der Menschen und der Krankenhäuser stärker berücksichtigt. In diesem System würde sich die Vergütung für Behandlungen viel stärker an ihren tatsächlichen Kosten orientieren. Zudem müssten sich die Länder wieder mehr an den Infrastrukturmaßnahmen beteiligen. Schließlich ist die Gesundheitsvorsorge als Daseinsvorsorge eine staatliche Aufgabe, wie Polizei und Feuerwehr, und sollte deshalb nicht nur ökonomischen Gesichtspunkten unterliegen dürfen. Die Gesundheit der Menschen sollte uns das wert sein.

Das Kreiskrankenhaus hat in den vergangenen zwei Jahren für sechs Millionen Euro einen Bettentrakt saniert. Was ist als Nächstes geplant?

Unsere Modernisierungsarbeiten sind fast fertig. Wir investieren als Nächstes in Erneuerbare Energien und setzen eine Fotovoltaik-Anlage auf unser Parkhaus. Weitere größere Baumaßnahmen sind vorerst nicht geplant.

Wenn man bei Ihnen aus dem Fenster schaut, blickt man direkt aufs HKZ, das seit drei Jahren zum Klinikum gehört. Als Hessens Gesundheitsminister Stefan Grüttner vor einem Jahr dort zu Gast war, sprach er sich klar für eine weitere Fusion aus – mit dem Kreiskrankenhaus.

Wir konnten das Ministerium davon überzeugen, dass wir weiter eigenständig bleiben, haben aber den Auftrag, im Landkreis sinnvolle Kooperationen zu suchen. Mit dem Klinikum Hersfeld-Rotenburg arbeiten wir schon jetzt auf einigen Gebieten zusammen wie dem Austausch fachärztlicher Versorgung. Darüber hinaus kooperieren wir auch mit dem St. Georg Klinikum Eisenach.

Planen Sie, die bestehenden Kooperationen auszubauen?

Ja, das haben wir – dort wo geboten und sinnvoll – vor.

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