Glatte 1 in der Deutsch-Prüfung

Iranerin macht vier Jahre nach der Flucht in Rotenburg ein Einser-Abitur

Sadaf Dourandish steht vor dem Haupteingang der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg.
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Hier geht es rein: Sadaf Dourandish hat vor vier Jahren zum ersten Mal die Jakob-Grimm-Schule besucht – ohne Deutschkenntnisse. Jetzt hat die junge Frau aus dem Iran ein super Abi hingelegt.

Erst Flüchtling aus dem Iran, später Einser-Schülerin. Eine junge Frau hat in Rotenburg hat nach nur vier Jahren in Deutschland ein hervorragendes Abitur abgelegt. 

  • Sadaf Dourandish floh 2016 mit ihrer Familie aus den Iran nach Deutschland
  • Trotz Schulabschluss beginnt Dourandish in der 9. Klasse in der Jakob-Grimm-Schule
  • 2020 macht sie ihr Abitur mit einem Einser-Notendurchschnitt

Ein Notendurchschnitt von 1,6 im Abitur, eine Deutschprüfung, für die es 14 von 15 möglichen Punkten gab – das ist eine Leistung, auf die jeder junge Mensch stolz sein kann. Umso mehr, wenn er vor noch vier Jahren kein Wort Deutsch konnte. Sadaf Dourandish ist im April 2016 mit ihren Eltern aus dem Iran nach Deutschland gekommen. Als Christen fühlten sie sich in ihrem Heimatland zunehmend unterdrückt und reisten mit einem Touristenvisum nach Deutschland. Hier beantragten sie Asyl.

Frau aus Iran macht Abitur in Rotenburg: Ankunft in der in der Kaserne

Die Familie kam zunächst in die Erstaufnahmeinerichtung in der ehemaligen Kaserne in Rotenburg. Sadaf war damals bereits 18 und hatte schon einen dem Abitur vergleichbaren Abschluss im Iran gemacht. In der Kaserne lernte sie Eva Gerlach kennen, die dort einen Chor leitete. Durch sie wurden erste Kontakte zur Jakob-Grimm-Schule geknüpft.

Nachdem die Familie eine Aufenthaltsgenehmigung erhalten hatte, zog sie zunächst nach Heinebach, später nach Rotenburg. Und Sadaf konnte noch einmal zur Schule gehen. „Ich habe Glück gehabt, dass mir das ermöglicht wurde. Andere Flüchtlinge durften das mit 18 Jahren nicht mehr.“

Frau aus Iran macht Abitur in Rotenburg: Sadaf muss vier Schuljahre nachholen

Allerdings: Sadaf musste in Rotenburg die 9. Klasse besuchen – ungewöhnlich und gewöhnungbedürftig für die junge Frau und auch die jugendlichen Mitschüler. „Das erste Jahr war richtig schwer“, blickt sie zurück. Die Mitschüler wussten zunächst nicht viel mit Sadaf anzufangen. Und sie selbst sei introvertiert, könne nicht leicht andere Menschen ansprechen. So kam es, dass sie sich sehr oft allein fühlte.

„Aber ich habe mir immer gesagt: Du musst durchhalten, Du musst Geduld haben und Du musst lernen“, erzählt sie, die den Traum vom besseren Leben in Deutschland geträumt hat. Allerdings waren ihre Vorstellungen auch von Klischees geprägt, wie sie einräumt: „Ich hatte Bilder von amerikanischen Serien im Kopf, wenn es um das Zusammenleben in der Schule ging“, schmunzelt sie. Aber in Deutschland gebe es erstaunlich feste Strukturen von Jungen- und Mädchengruppen. Erst spät in der Schullaufbahn hätten sich diese Geschlechtergrenzen aufgelöst. Freundschaften erlebt Sadaf in Deutschland zumeist oberflächlicher als in ihrer Heimat.

Ihre Zurückhaltung und die noch fehlenden Sprachkenntnisse machten ihr die Schulzeit zu Beginn nicht eben leichter: „Vor lauter Angst, etwas falsch auszusprechen oder einen Fehler zu machen, habe ich gar nichts gesagt. Aber eine Lehrerin hat mich zur mündlichen Mitarbeit gedrängt. Als ich mich das erste Mal traute, etwas zu sagen, ist auch nichts passiert. Keiner hat gelacht oder eine böse Bemerkung gemacht.“ Ein Schlüsselerlebnis für Sadaf, die von nun an versuchte, durch mündliche Leistung ihre schwächere schriftliche auszugleichen. So machte sie auch in Deutsch mündlich Abitur.

Frau aus Iran macht Abitur in Rotenburg: Nach dem Abitur geht es an die Fachhochschule

Ihre Leistungskurse Mathematik und Physik sollen ihr nun beim Studium helfen: Sadaf will im Nordrhein-Westfalen an einer Fachhochschule („Ich bin mehr für das Praktische“) Bauingenieurwesen studieren. Ihre Eltern, die beide in Rotenburg arbeiten, lassen sie ziehen – wohl wie alle Eltern auch mit zwei Herzen in der Brust.

Am Donnerstag bekommt Sadaf gemeinsam mit ihren Mitschülern das Abiturzeugnis überreicht – Corona-bedingt ohne all die fröhlichen Bräuche. Eltern dürfen nicht dabei sein, Abiball, Parkplatzparty, Abi-Streich und Motto-Woche – alles fällt aus. „Besonders auf den Ball hatte ich mich gefreut“, sagt Sadaf. Aber das ist das Einzige, was sie im neuen Leben bedauert.

Frau aus Iran macht Abitur in Rotenburg:

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