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80 Jahre nach der Pogromnacht: "Die Geschichte gerät in Vergessenheit"

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Der Holocaustforscher und Historiker Dr. Heinrich Nuhn aus Rotenburg mit einer Intarsienarbeit von Heinrich Löffler, die die alte Hersfelder Synagoge und die jüdische Schule in der Straße „Vogelgesang“ zeigt. Sie ist Teil der Ausstellung im Bad Hersfelder Kurhaus, die noch bis Ende November gezeigt wird.
Der Holocaustforscher und Historiker Dr. Heinrich Nuhn aus Rotenburg mit einer Intarsienarbeit von Heinrich Löffler, die die alte Hersfelder Synagoge und die jüdische Schule in der Straße „Vogelgesang“ zeigt. Sie ist Teil der Ausstellung im Bad Hersfelder Kurhaus, die noch bis Ende November gezeigt wird. © Kai A. Struthoff

Hersfeld-Rotenburg.  Dr. Heinrich Nuhn will die Erinnerung an das jüdische Leben im Kreis zu bewahren. Der Lokalhistoriker sieht den Antisemitismus auf dem Vormarsch.

Am 9. November jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal. Wir haben mit Dr. Heinrich Nuhn aus Rotenburg über die AfD im Landtag, die politische Stimmung in Deutschland und Parallelen zur Weimarer Republik gesprochen. 

Herr Dr. Nuhn, in Pittsburgh gab es vor wenigen Tagen einen furchtbaren Amoklauf in einer Synagoge, in vielen deutschen Städten trauen sich jüdische Mitbürger nicht mehr mit ihrer Kippa auf die Straße und selbst bei uns im Kreis gibt es immer wieder juden-feindliche Schmierereien. Ist der Antisemitismus 80 Jahre nach der Reichspogromnacht bei uns wieder auf dem Vormarsch?

Das ist wohl nicht zu leugnen. Und das ist deshalb so erschreckend, weil wir ja wissen, wohin das führen kann. Gerade in unserer Region müssten wir besonders gefeit sein, denn hier war, historisch gesehen, der Antisemitismus erfolgreicher als in irgendeinem anderen Landstrich. 1893 trat hier nämlich der Reichstagskandidat Ludwig Werner für die antisemitische Volkspartei an. Er war bis 1918 im Reichstag aktiv und zeitweise auch Landtagsabgeordneter. Er wurde also von vielen Bürgern unterstützt. Damals gehörte es sozusagen zum guten Ton, antisemitisch eingestellt zu sein.

Heute bezeichnet AfD-Chef Gauland die Nazi-Zeit als „Vogelschiss der Geschichte“, AfD-Mann Höcke nennt das Holocaust-Mahnmal ein „Mahnmal der Schande“, und im Rotenburger Wahlkreis zieht mit Gerhard Schenk sogar ein AfD-Mann in den Landtag ein. Müsste er sich nicht klar von derartigen Äußerungen distanzieren?

Gerade Gerhard Schenk ist mir ein Dorn im Auge. Ich hatte ihn bei einer Wahlkampfveranstaltung auf seinen Großvater angesprochen, der seinerzeit einen jüdischen Händler daran gehindert hatte, seine Ware in Friedlos zu verkaufen. Schenk aber lobte den guten Leumund, den sein Großvater hatte, und sang danach das Hohelied auf Björn Höcke, der angeblich so beliebt bei Lehrern und Schülern war. Ich fürchte daher, dass die Radikalen in der AfD von Gerhard Schenk eher unterstützt werden.

Die politische Stimmung im Land vergleichen manche mit der Situation in der Weimarer Republik vor der Machtergreifung der Nazis. Teilen Sie als Historiker diese Einschätzung?

Ich habe das lange Zeit für maßlos übertrieben gehalten, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass unsere historischen Erfahrungen derart in Vergessenheit geraten könnten. Aber es scheint tatsächlich so zu sein, dass nur der aus der Geschichte lernt, der auch lernen will. Deshalb frage ich mich schon, ob Ausstellungen, wie unsere hier im Kurhaus zum jüdischen Leben, wirklich derartigen Tendenzen vorbeugen kann. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Sie haben viel Kontakt zu Juden oder ihren Nachkommen, die aus unserer Region geflohen sind oder gar deportiert wurden. Wie begegnen Ihnen diese Menschen, die ja allen Grund hätten, Vorbehalte gegen uns zu haben?

Da kann ich ganz aktuell Michael Hahn und seine Frau zitieren, die beide Nachfahren von Hersfelder Juden sind. Sie sagten bei ihrem Besuch in der Stadt, Deutschland unterscheide sich in dieser Frage gar nicht so sehr von anderen europäischen Ländern. Trotz der jüngsten antisemitischen Vorfälle sind sie hierher gekommen. Dabei finde ich, dass Deutschland eben aufgrund seiner Geschichte kein ganz normales europäisches Land ist, sondern eigentlich seine Lektion gelernt haben sollte.

Am Freitag jährt sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal. In Hersfeld brannte die Synagoge schon am 8. November, als erste in ganz Deutschland. Warum?

Am 7. November war in Paris das Attentat des Juden Herschel Grynszpan auf den NS-Diplomaten Ernst von Rath. Danach gab es spontan Pogrome in Kassel, und dann auch in Bebra und Rotenburg. Der hiesige Gaupropagandaleiter Heinrich Gernand aus Bebra hatte wesentlichen Anteil am frühen Ausbruch der Ausschreitungen in unserer Region. Diese waren hier so intensiv, dass im Laufe des 8. Novembers fast alle jüdischen Familien aus Rotenburg und Bebra geflüchtet waren. Das ist durch einen Brief der Jüdin Henny Rothschild belegt, der im Leo-Baeck-Institut in New York liegt. Doch auch danach gingen die Pogrome bei uns sogar noch heftiger weiter.

Ihre neue Ausstellung, die bis Ende November im Bad Hersfelder Kurhaus gezeigt wird, zeugt von der reichen jüdischen Geschichte unserer Region. Wie kommt die Ausstellung an?

Die Rückmeldungen sind bisher sehr gut. Ich habe bewusst die Begleittexte sehr kurz gehalten, um das Bildmaterial wirken zu lassen. Damit möchte ich auch Besucher erreichen, die nicht so gern lange Texte lesen. In der Ausstellung steckt mindestens ein Jahr Arbeit mit voller Konzentration. Mein Vorteil ist, dass ich einen riesigen Schatz an Personenaufnahmen habe, die ich den guten Kontakten zu den Hinterbliebenen von jüdischen Familien zu verdanken habe.

Ihr Lebenswerk ist die Aufarbeitung und Erinnerung an die jüdische Geschichte unserer Region. Was treibt Sie an?

Ich war schon als Kind immer sehr neugierig und Minderheiten haben mich immer interessiert. Zunächst habe ich über die Arbeiterbewegung geforscht, und dabei bin ich auch auf die jüdische Geschichte der Region gestoßen. Dieses Thema hat mich nie wieder losgelassen. Mich fasziniert, wie es eine Minderheit geschafft hat, sich gegen so viele Widerstände zu behaupten. Obwohl ich selbst kein Jude bin und meine Familie auch nie irgendetwas mit den Nazis zu tun hatte, habe ich wohl doch das Bedürfnis, etwas gutzumachen.

Zur Person

Dr. Heinrich Nuhn wurde 1938 in Niederaula geboren. Er hat in Marburg und Liverpool Anglistik, Germanistik, Geschichte und Politik studiert und war lange Lehrer an der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg und pädagogischer Mitarbeiter am Institut für Lehrerfortbildung in Bad Hersfeld. Als Kurator hat er das Jüdische Museum im ehemaligen jüdischen Ritualbad (Mikwe) gestaltet, als dessen Betreuer er seit 2006 wirkt. Dr. Nuhn ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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