Heimat tut der Seele gut

Angelika Puckett aus Texas ist zu Besuch in ihrer Geburtsstadt Rotenburg

Maske made in USA: Die gebürtige Rotenburgerin Angelika Puckett aus Killeen in Texas besucht zurzeit ihre Mutter in einem Pflegeheim.
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Maske made in USA: Die gebürtige Rotenburgerin Angelika Puckett aus Killeen in Texas besucht zurzeit ihre Mutter in einem Pflegeheim.

Die gebürtige Rotenburgerin Angelika Puckett aus Killeen in Texas besucht zurzeit ihre Mutter in einem Pflegeheim. Das Smartphone ist ihr wichtigster Begleiter in diesen Tagen.

Rotenburg - Denn da erfährt sie fast im Minutentakt die neuesten Nachrichten von ihrer Familie in Texas. Die 62-Jährige ist zurzeit in ihrer alten Heimat Rotenburg, um ihre Mutter im Pflegeheim zu besuchen. Nach einem achtstündigen Flug mit Nasen- und Mundschutz und einer 14-tägigen Quarantäne-Zeit darf sie am heutigen Dienstag zu ihr. Für die 62-Jährige ist das kein leichter Gang. Denn beim letzten Treffen vor vier Jahren war die Mutter noch gesund und munter. „So schnell kann es gehen“, sagt Angelika Puckett, geborene Frankfurt.

Die Nachrichten, die sie seit ihrer Ankunft am Flughafen in Frankfurt erhält, sind nicht gut. In den USA gibt es die meisten bestätigten Corona-Infizierten weltweit, wie die Zahlen der Johns-Hopkins-Universität belegen. Mehr als 2,6 Millionen Menschen haben sich insgesamt mit dem Virus infiziert. Für Angelika Puckett ist das Virus allgegenwärtig. Sie ist Reinigungskraft im AdventHealth-Krankenhaus in Killeen, im Zentrum von Texas.

Ihr Job ist systemrelevant. Zwar gehört die Intensivstation mit zehn Betten und zehn Beatmungsgeräten nicht zu ihrem Aufgabenbereich. Aber natürlich ist das tägliche Fiebermessen und der Nasen- und Mundschutz für alle 1300 Beschäftigten des kirchlich organisierten Krankenhauses Teil des Arbeitsalltags geworden. Genau wie die erschütternden Todesnachrichten. Kürzlich verstarb hier ein 20-jähriger Mann an den Folgen des Virus.

Wenn Angie, wie Angelika Puckett von Freunden und Kollegen genannt wird, wieder zur Arbeit geht, dann ist nicht nur die Maske Pflicht, sondern auch noch der Gesichtsschutz mit Plastikvisier. „Wie ich das neun Stunden lang aushalten soll, weiß ich nicht“, sagt sie. Einer ihrer elf Enkel hat sich beim Basketballspiel infiziert. Dem 17-Jährigen gehe es aber gut. Er ist derzeit in Quarantäne. „Man hat seitens der Regierung zu spät gehandelt. Und dann wurden nach dem Lockdown wieder viel zu schnell Lockerungen eingeführt“, kritisiert die Frau, die noch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Aufgrund seines Amtes, seines Auftretens und der Präsidentschaftswahl im November stehe Trump mehr denn je in der Kritik, den jüngsten Anstieg der Infektionszahlen in den USA mit der Back-to-work-Kampagne (Zurück zur Arbeit) verursacht zu haben.

Die Fallzahlen steigen über das ganze Gebiet der USA verteilt, schreibt die New York Times, „einschließlich der Staaten, die zu den ersten gehörten, die wieder aufgemacht haben“. Gemeint sind zum Beispiel Florida und Texas. Kritisch sieht Angie Puckett ohnehin die Gesamtsituation in den Staaten mit einem Präsidenten Donald Trump, den keiner so richtig möge und ernst nehmen könne. Gewalt, Rassismus, eine starke Waffen-Lobby, ein schwaches Gesundheitssystem, eine hohe Kriminalitätsrate und eine Vielzahl von Drogenabhängigen und Obdachlosen: „So sieht es heute aus im Land der angeblich unbegrenzten Möglichkeiten“, bedauert die Mutter von fünf Kindern. Kriminalität spiele auch in der 143 000 Einwohner zählenden Stadt Killeen mit der zweitgrößten Militärbasis der US-Army, Fort Hood, eine traurige Rolle. Jetzt stehe wegen der Pandemie auch der US-Arbeitsmarkt weiter unter Druck.

Wenn Angelika Puckett am 3. November wählen dürfte, dann bekäme Trump ihre Stimme nicht. Mit dieser Haltung ist sie nicht allein: In einer aktuellen CNN-Umfrage geben 57 Prozent der Befragten an, unzufrieden mit Trumps Arbeit als Präsident zu sein. In der gleichen Umfrage liegt Trump bei den für die Wahl registrierten Befragten 14 Prozentpunkte hinter seinem demokratischen Gegenkandidaten Joe Biden. Aber der ist für Angelika Puckett auch keine wirkliche Alternative. Hillary Clinton, die hätte sie vor vier Jahren bestimmt gewählt. „Aber Trump hat so geredet, wie er denkt.“ Und das sei gut angekommen bei vielen Menschen. Jetzt hätten viele liberale Amerikaner Angst vor diesem Szenario: Trump verliert im November und weigert sich, das Weiße Haus zu verlassen.

Ende Juli geht es wieder zurück nach Texas. Mit einem lachendem und einem weinenden Auge. Denn obwohl Angelika Puckett gerne wieder in Rotenburg leben und niemals ihren deutschen Pass hergeben würde, ist die Sehnsucht nach Kindern und Enkelkindern für die Frau mit ausgeprägtem Familiensinn groß. „Immer mal wieder in meine erste und zweite Heimat zu kommen, tut der Seele gut“, sagt sie.

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