Interview mit ehemaliger Rotenburger Stadtverordnetenvorsteherin

Barbara Glaser: Türen sind auch ohne Quote offen

 Unser Bild zeigt die bisherige Stadtverordnetenvorsteherin Barbara Glaser beim Strandfest 2019.
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Rotenburgerin aus Leidenschaft: Unser Bild zeigt die bisherige Stadtverordnetenvorsteherin Barbara Glaser beim Strandfest 2019. Sie beendete aus persönlichen Gründen kurzfristig ihre politische Laufbahn.

Frauen in der Kommunalpolitik sind in Parlamenten immer noch unterrepräsentiert. Zum Internationalen Frauentag sprachen wir mit der Rotenburger Politikerin Barbara Glaser.

Rotenburg – Man sieht und hört es nun wirklich nicht, aber Barbara Glaser (CDU) ist tatsächlich ein politisches Urgestein in Rotenburg. Mehr als vier Jahrzehnte arbeitete sie, mit nur einer beruflich bedingten dreijährigen Pause, ununterbrochen im Stadtparlament mit. Zuletzt war sie Stadtverordnetenvorsteherin. Jetzt endet ihre politische Laufbahn in der Fuldastadt, kurzfristig hat sich Glaser zum Umzug nach Berlin entschlossen. Wir sprachen mit ihr über die Notwendigkeit für Frauen, in der Kommunalpolitik zu arbeiten.

Frau Glaser, Frauen machen die Hälfte der Welt aus, auf den Listen zur Kommnalwahl aber meist nur ein Drittel aller Bewerber. Interessieren sich Frauen nicht für Kommunalpolitik?
Das glaube ich nicht. Kommunalpolitik betrifft schließlich unmittelbar das gesamte Leben: Die Geburt in der örtlichen Klinik, der Besuch der Kita, die Schule, der Nahverkehr, die gesamte Infrastruktur – darüber wird kommunalpolitisch entschieden, und dafür interessieren sich Frauen, auch, weil es ihr Lebensumfeld abbildet.
Warum stürmen sie dann nicht Parteien und Listen, wenn ihnen doch so viel Mitsprache gewährt wird?
Ich vermute, das hängt auch damit zusammen, dass Frauen noch immer die Hauptlast tragen, wenn Kinder kommen. Es hat sich zwar sehr viel zum Besseren verändert, auch in den Partnerschaften, doch gibt es auch noch häufig die eher traditionelle Rollenverteilung, mit einer Mutter, die abends beim Kind bleibt, statt zur Sitzung zu gehen. Eine noch größere Rolle spielt aber der Faktor Zeit. Frauen sind heute gut ausgebildet und berufstätig und sie wollen Familie. Da heißt es häufig, für Politik sei keine Zeit mehr. Vielleicht ändert sich da gerade etwas durch die Digitalisierung, die andere Arbeitsformen und -zeiten ermöglicht.
Wenig Zeit – das klingt ja auch nachvollziehbar, oder?
Ja, es ist anstrengend. Aber wenn man für die Kommunalpolitik brennt und einen Partner hat, lässt sich Zeit dafür finden. Wichtig ist natürlich, dass man Unterstützung hat im Dreiklang Beruf-Familie-Ehrenamt. Ohne meinen Mann und auch verständnisvolle Kinder hätte ich mich nicht so engagieren können.
Kann es vielleicht sein, dass Frauen die Strukturen von Parteien überholt finden und sich deshalb eher auf andere Weise engagieren?
Demokratie braucht die Parteien, davon bin ich überzeugt. Die Strukturen haben sich bereits gelockert. Fast alle Parteien lassen inzwischen auch Nichtmitglieder auf ihren Listen kandidieren. Im kommunalen Bereich ist das eine gute Lösung.
Brauchen wir eine Frauenquote – auch zum Beispiel in der CDU, die ja nur ein Quorum hat und deren Satzungskommission eine Quote empfiehlt?
Vielleicht bin ich zu optimistisch, aber ich glaube, dass die Türen der Parteien auch ohne Quote für Frauen offenstehen – einfach, weil sie sie brauchen.
Haben Sie in Ihrer langen Laufbahn Diskriminierung als Frau erlebt?
Nein, tatsächlich nicht. Vielleicht hatte ich nur Glück, aber ich habe die Arbeit in der Partei und in der Stadtpolitik immer als ein Ringen um den besten Weg für die Allgemeinheit empfunden, nicht etwa als Gezänk. Nein, zu 99 Prozent habe ich mich nicht behindert gefühlt, weil ich eine Frau bin.
Wie sind Sie überhaupt zur Politik gekommen?
Das war der klassische Weg. Über Mitarbeit in Elternbeiräten von Kita und Schule. Schließlich wurde ich Landeselternbeiratsvorsitzende. Und dadurch war ich auch im Programmausschuss des Landesmedienbeirats. Bildungspolitik war immer mein Ding. Dafür und für die Kommunalpolitik brenne ich noch immer. Ich habe dadurch so viele tolle Menschen getroffen.
Das heißt, Sie wollen auch in Berlin mitmischen?
Ja, klar. In meinem Stadtteil. Ein Leben ohne Politik kann ich mir nicht vorstellen. (Silke Schäfer-Marg)

Zur Person

Barbara Glaser (72) stammt aus Bosserode, wo sie als ältestes von sechs Geschwistern aufwuchs. Abitur machte sie 1968 in Heringen und begann anschließend eine Ausbildung zur Programmiererin bei Konrad Zuse in Bad Hersfeld. Früh lernte sie ihren Mann, den Architekten Helmut Glaser, kennen und zog mit ihm nach Rotenburg. Das Paar hat drei Kinder und vier Enkel. 1972 ist Glaser in die CDU eingetreten, 1977 wurde sie ins Stadtparlament Rotenburg gewählt – zuletzt war sie Stadtverordnetenvorsteherin. Aus familiären Gründen ist die inzwischen verwitwete Barbara Glaser kurzfristig nach Berlin gezogen.

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