„Turbo“ bleibt vorerst aus

Bis Mitte Juni wohl keine neuen Termine im Rotenburger Impfzentrum

Jennifer Schäfer, Apothekerin im Impfzentrum Rotenburg, bereitet eine Moderna-Dosis für die Corona-Schutzimpfung vor.
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Fertig zum Spritzen: Jennifer Schäfer, Apothekerin im Impfzentrum Rotenburg, bereitet eine Moderna-Dosis für die Corona-Schutzimpfung vor.

Die Impfquote steigt. Aber so richtig in Gang scheint der viel beschworene „Impfturbo“ im Landkreis Hersfeld-Rotenburg nicht zu kommen.

Rotenburg - Diesen Schluss lassen zumindest die Auslastung im Rotenburger Impfzentrum und die aktuellen Wirkstofflieferungen zu. Fragen und Antworten zum Thema.

Nachdem die EU den Vertrag mit Astrazeneca nicht verlängert hat, haben viele Menschen gegenüber unserer Redaktion die Sorge geäußert, dass für ihren zweiten Impftermin womöglich kein Astrazeneca-Impfstoff mehr zu Verfügung stehen könnte. Ist diese Sorge begründet?

Unbegründet ist diese Sorge angesichts des Hickhacks um das britisch-schwedische Vakzin grundsätzlich sicherlich nicht. Martin Ködding, der Leiter des Impfzentrums in Rotenburg, sagt aber auf Nachfrage unserer Zeitung: „Für alle über 60-Jährigen, die mit Astrazeneca erstgeimpft wurden, soll die Zweitimpfung auch wieder mit Astrazeneca durchgeführt werden.“ Unter 60-Jährige könnten selbst nach Risikoabwägung im Gespräch mit einem Arzt entscheiden, ob sie mit dem Wirkstoff geimpft werden wollen – oder mit einem anderen Präparat, zum Beispiel von Biontech/Pfizer. „Der Impfstoff wird in diesem Fall jeweils vor Ort unmittelbar vor dem Impftermin umgestellt. Nach den Erfahrungen der letzten Wochen können wir sagen, dass viele Astrazeneca-Erstgeimpfte diesen Impfstoff auch für die Zweitimpfung wählen“, so Ködding.

Wird denn überhaupt noch ausreichend Astrazeneca geliefert?

Das sei in der Tat ein Problem, sagt der Leiter des Impfzentrums. Derzeit komme nicht genug Astrazeneca in der Göbel Hotels Arena an. „Für Erstimpfungen erhalten wir momentan sogar gar keine Impfstoffe von Astrazeneca mehr“, berichtet er. Deswegen habe er beim Land eine Zusatzlieferung für die Zweitimpfungen beantragt und hofft, dass sie rechtzeitig für die anstehenden Zweitimpfungen in Rotenburg eintreffen. „Daraus folgt aktuell auch ein gewisses Unverständnis für Sonderimpfaktionen mit Astrazeneca, wie sie in den vergangenen Tagen durch die Medien kommuniziert wurden“, so Ködding. Solche Aktionen mit Impfstoff, der nun für die normal geplante Bedarfslage in den Impfzentren fehle, seien nur schwer zu vermitteln. „Aus unserer Sicht hat die verlässliche Durchführung der angesetzten Zweitimpfungen sowohl bei den Impfzentren als auch bei den Hausärzten Vorrang.“ Grundsätzlich berichtet Martin Ködding von einer steigenden Verunsicherung bei Menschen, die sich fragten, warum die Hausärzte jetzt schon nach vier Wochen die Zweitimpfungen mit Astrazeneca verabreichen können, die Impfzentren aber – den Empfehlungen der Ständigen Impfkommision folgend – bei zwölf Wochen bleiben.

Wie viele Impftermine sind für diese Woche im Impfzentrum anberaumt?

Rund 3800. Da das Impfzentrum auf 1000 Impfungen pro Tag, also 7000 pro Woche, ausgelegt ist, entspricht das einer Auslastung von 54 Prozent, also etwa der Hälfte.

Wie viele Impfdosen werden geliefert?

Etwas weniger als Termine vereinbart sind, aber es sei auch noch Impfstoff auf Lager, so Ködding. Für diese Woche sollen von Biontech/Pfizer 2300 Impfdosen geliefert werden, von Astrazeneca 400 und von Moderna 500.

Das Impfzentrum wird seine Öffnungszeiten also auf absehbare Zeit nicht ausweiten müssen?

Nein. Die Öffnungszeiten bleiben vorerst unverändert. Die Göbel Hotels Arena hat sieben Tage die Woche, also auch an Feiertagen, von 9 bis 17 Uhr geöffnet. „Aufgrund der aktuell weiterhin niedrigen Impfstoff-Lieferungen ist zunächst keine Erweiterung der Öffnungszeiten erforderlich“, so Ködding. Nach seinem Kenntnisstand habe die Gesundheitsministerkonferenz beschlossen, die Impfzentren bundesweit auf 2,4 Millionen Impfdosen pro Woche zurückzufahren und die darüber hinaus zur Verfügung stehenden Impfdosen an die niedergelassenen Ärzte weiterzugeben.

Ausgelegt ist das Impfzentrum für 1000 Termine pro Tag. Diese Werte sind bislang nicht mal im Ansatz erreicht worden. Wie optimistisch ist man im Impfzentrum, dass es überhaupt noch einmal vollausgelastet sein wird?

Der Optimismus hält sich, gelinde gesagt, in Grenzen. Derzeit spritze sein Team 500 bis 600 Impfdosen täglich, sagt Ködding. „Dass die Impfzentren in Hessen auch aktuell bei Weitem nicht ausgelastet sind, hat nur einen einzigen Grund: Es fehlt an Impfstoffen.“ Und Besserung sei nicht in Sicht – im Gegenteil: „Vor einigen Tagen wurde bekannt gegeben, dass in den ersten beiden Juniwochen keine Impfstofflieferungen für weitere Erstimpfungen eintreffen werden. Das heißt, dass in diesem Zeitraum nur die bereits heute geplanten Impfungen durchgeführt werden können und es keine neuen Buchungen für diese Wochen geben wird“, sagt Ködding, der betont, dass „die Erwartung an einen Impfturbo zum aktuellen Zeitpunkt nicht der Realität entspricht.“ Der seit Wochen angekündigte Impfstoffzufluss „ist zumindest im Impfzentrum unseres Landkreises nicht zu erkennen“, sagt Ködding.

Die Chefs der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, Frank Dastych und Eckhard Starke, haben kürzlich die Impfzentren als „überflüssig“ bezeichnet und sich über eine angeblich ungleiche Verteilung des Biontech-Impfstoffs zugunsten der Impfzentren beklagt. Auch aus der Bundes-CDU werden Stimmen laut, dass es sinnvoll wäre, das Impfen mittelfristig den Ärzten zu überlassen. Was sagt die Leitung des Impfzentrums zu solchen Aussagen?

„Es hat sicherlich Vorteile, wenn die Bürgerinnen und Bürger von ihrem Haus- oder Facharzt geimpft werden. Auch die Impfungen in den Betrieben durch die Arbeitsmediziner sind zu begrüßen“, sagt Ködding. Deshalb sei es der falsche Weg, eine ideologische Debatte anzustoßen. Ködding meint, dass man davon ausgehen könne, dass ab einem gewissen Punkt die Haus-, Fach- und Betriebsärzte die Impfungen abdecken können. „Ab diesem Zeitpunkt sollten ein stabiler Zustand und eine hohe Impfquote erreicht sein, sodass Impfzentren entbehrlich werden. Dies ist jedoch nur so lange der Fall, bis eine klare wissenschaftlich fundierte Aussage zu möglichen Auffrischungsimpfungen vorliegt“, betont der Leiter. (Sebastian Schaffner)

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