Ehemaliger Labour-Fraktionsvizesprecher Peter Bradley

Britischer Politiker spürt in Rotenburg seinen jüdischen Vorfahren nach

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Der ehemalige Labour-Fraktionsvize Peter Bradley ist in Rotenburg auf den Spuren seiner jüdischen Vorfahren: Familie Brandes. Die hatte einst ein Geschäft in dem Gebäude, wo heute das Neustadt-Eckchen ist – unweit der alten Fuldabrücke.

Peter Bradley sprach für die Labour-Partei, jetzt ist er in Rotenburg auf den Spuren seiner jüdischen Vorfahren. Im Falle des Brexits will er wohl Deutscher werden. 

Das Jüdische Museum in der ehemaligen Mikwe ist ein Anziehungspunkt für die Nachfahren von Rotenburger Juden. Nun hat es mit Peter Bradley sogar einen ehemaligen britischen Politiker in die Fuldastadt verschlagen. Der 65-Jährige war Vize-Fraktionssprecher der sozialdemokratischen Labour-Partei und ist Nachfahre der Rotenburger Familie Brandes. Über die schreibt er gerade ein Buch.

Mit den Nachforschungen über seine Familiengeschichte begann der Brite 2005. Eine Schilderung aus einem Brief seines Vaters hat sich geradezu eingebrannt, er beschreibt den Abschied von Bradleys Großeltern: „Er fährt mit einem Zug in die Freiheit – und sie fahren in die andere Richtung. Ins Konzentrationslager.“ Bradleys Vater Fred Brandes war 1939 im KZ Buchenwald interniert und durfte nach Großbritannien ausreisen. Bis heute weiß der 65-Jährige nicht, wer seinem Vater das Visum besorgt hat.

Peter Bradley bei einem Besuch auf dem jüdischen Friedhof von Rotenburg in den 1960er-Jahren.

Seine Großeltern mussten zwei Jahre später einen Zug in Richtung Osten besteigen. Die Fahrt führte von Bamberg, wohin Bradleys Großvater Sally Brandes Anfang des 20. Jahrhunderts gezogen war, über mehrere Wochen bis nach Riga in Lettland, wo sie in einem KZ starben. Peter Bradley hat für sein Buch recherchiert, welche Route der Zug genau nahm – kleine Details sind für die Geschichte entscheidend, findet er.

Vor der Flucht versteckte die Familie das Silberbesteck im Ofen

Kleine Details wie etwa der Silberlöffel, der in der Mikwe ausgestellt ist. „Während der sogenannten Reichskristallnacht wurde das Haus der Familie Brandes zerstört und geplündert. Die Familie floh und versteckte vorher ihr Silberbesteck im Ofen“, erzählt Heimathistoriker Heinrich Nuhn.

Liefert dem britischen Besucher wichtige Details: Heimathistoriker Heinrich Nuhn.

Einige Wochen später musste die Familie noch einmal nach Rotenburg zurückkehren, weil sie – ebenso wie Juden im ganzen Land – laut der Propaganda der Nazis die Verwüstungen „selbst verursacht“ habe und sie nun auch selbst bereinigen müsse. Alle Wertgegenstände waren weg. Nur das Silberbesteck im Ofen war noch da.

Auf diese Geschichte wurde Bradley erst durch Nuhn aufmerksam, der durch seine Forschungen mehr über dessen Vorfahren weiß, als der Brite selbst. Über die von dem Rotenburger betriebene Internetseite www.hassia-judaica.de wurde Bradley auf Nuhn aufmerksam und kontaktierte ihn.

"Er ist mehr Rotenburger als viele heutige Rotenburger"

„Herr Bradley ist mehr Rotenburger als viele heutige Rotenburger. Seine Familie hat mindestens seit dem 18. Jahrhundert, vermutlich aber schon seit etwa 1650 in Rotenburg gelebt“, sagt Nuhn. Bradleys Großvater Sally war der Bruder von Moses „Max“ Brandes, dem letzten Vorsteher der Rotenburger Synagogen-Gemeinde, der in der Bevölkerung hoch angesehen war und respektvoll „Juden-Bürgermeister“ genannt wurde. 

Sein Urgroßvater Hirsch Brandes eröffnete im 19. Jahrhundert ein Spezialgeschäft für Samt und Seide, das jahrzehntelang im Gebäude des heutigen Neustadt-Eckchens angesiedelt war – bis zu den Novemberpogromen im Jahr 1938.

Das von Hirsch Brandes gegründete Geschäft prägte über Jahrzehnte hinweg das Stadtbild. Hier ist es bei einem Hochwasser in den 1920er-Jahren zu sehen. Links daneben stand damals ein Turm, in dem die Feuerwehr ihre Schläuche trocknete.

Bradleys Vater Fred wurde nach seiner Ankunft in Großbritannien zunächst weitergereicht, in ein Kriegsgefangenenlager in der damaligen britischen Kolonie Kanada. Deutsche Juden wurden von den Briten in drei Gefahrenkategorien eingestuft, Fred Brandes landete in der mittleren: potenzieller Gefährder. Auch um seine deutsche Herkunft zu verschleiern, nahm er schließlich den Namen Bradley an. „Wir Briten sind immer stolz auf unsere Errungenschaften im Zweiten Weltkrieg – dabei haben wir vieles gemacht, was dafür keinen Anlass bietet“, sagt sein Sohn.

So rühme sich das Land häufig für die im Rahmen der Kindertransporte aufgenommenen Flüchtlinge. Dabei sei das nur genehmigt worden, weil Hilfsorganisationen versprachen, die jüdischen Kinder zu versorgen. „Insgesamt wurden viel zu wenig Flüchtlinge aufgenommen“, sagt Bradley. 

„Übrigens hat England bereits 1290 alle Juden des Landes verwiesen und das 360 Jahre lang durchgesetzt. Das weiß aber in Großbritannien kaum jemand.“ Auch das hat ihn motiviert, sein Buch zu schreiben. Er möchte erklären, wie „eigentlich gute Menschen“ in Deutschland zu Judenhassern wurden. „Ihnen wurde damals eine einfache Antwort auf komplexe Probleme gegeben. Das Gleiche ist bei uns nun mit dem Brexit passiert“, sagt Bradley.

Bradley im Interview: "Der Respekt vor uns Briten hat abgenommen"

Die Brexit-Verhandlungen nehmen kein Ende. Wir haben Peter Bradley, ehemaliger Vize-Fraktionssprecher von Labour, gefragt, was seine Partei falsch gemacht hat und was er von einem zweiten Referendum hält. 

Herr Bradley, in Deutschland hätten vor der Volksbefragung die Wenigsten erwartet, dass die Briten sich wirklich gegen die EU entscheiden. Wie ist es dazu gekommen? 

Die letzten vier konservativen Premierminister – angefangen bei Margaret Thatcher – haben ihren Job letztendlich alle wegen der Beziehungen Großbritanniens zur EU verloren. Man könnte sagen, sie waren Geiseln von Flügeln ihrer eigenen Partei, die geradezu besessen anti-EU sind.

Dabei haben wir Briten ja zum Beispiel die Schaffung des Binnenmarktes wesentlich mit angetrieben und damit die EU entscheidend mitgeprägt. Dass Cameron überhaupt das Brexit-Votum eingeleitet hat, obwohl er gar nicht austreten wollte, war sein Versuch, die nationalistische UKIP-Partei und den rechten Flügel der Konservativen zum Schweigen zu bringen. 

Wieso haben die Brexit-Gegner die Wahl verloren? 

Die Brexit-Gegner haben es nicht geschafft, ein positives Bild einer weitergeführten EU-Mitgliedschaft zu vermitteln und haben es den Befürwortern einfach gemacht, das Votum zu einer Protest-Wahl zu machen. Die Befürworter haben Versprechungen gemacht, die niemals eingehalten werden können und offensichtliche Lügen verbreitet. Zum Beispiel: Die Türkei steht kurz vor dem EU-Beitritt, und dann kommen tausende Türken und wandern bei uns ein. Oder: Durch den EU-Austritt können wöchentlich 350 Millionen Pfund mehr ins Gesundheitssystem fließen. 

Anscheinend wurde diesen Lügen zu wenig entgegengesetzt.  Ihre Partei war mehrheitlich für einen EU-Verbleib. Hat sich Labour etwas vorzuwerfen? 

Ja. Ganz klar: Wir haben die Debatte im Stich gelassen. Unsere Kampagne war im Grunde unsichtbar. Das liegt auch daran, dass der Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn – wie viele in unserer Partei, mich eingeschlossen – in den 70er-Jahren Gegner der EU war, weil wir Nachteile für die Arbeiter befürchteten. Aber die Rahmenbedingungen sind heute ganz andere als damals. Nur: Corbyn hat seine Politik nicht wirklich daran angepasst. 

Was halten Sie von der Idee eines zweiten Referendums? 

Es ist unbedingt notwendig. Und dafür setze ich mich als Labour-Vorsitzender meines Ortsverbandes auch ein. 2016 ging es um die Frage: Drinbleiben, ja oder nein? Aber während man ja wusste, was ein Verbleib bedeutet, wusste damals niemand, was ein EU-Austritt bedeutet. Und das weiß ja bis heute niemand. Wenn es tatsächlich irgendwann ein Austrittsabkommen gibt, dass im Parlament eine Mehrheit findet, sollte die Bevölkerung das Recht haben, darüber abzustimmen. 

May geht nun auf Labour-Chef Corbyn zu. 

Davon hatte sie bisher ihre Sturheit abgehalten. Jetzt hatte sie keine andere Möglichkeit mehr. Leider hat sich Corbyn nie zu einem zweiten Referendum bekannt, obwohl das seit unserem Parteitag offizielles Ziel von Labour ist. Vorausgesetzt, die EU genehmigt (in der heutigen Abstimmung, Anm. d. Red.) die Verzögerung des EU-Austritts: Wenn sich unsere Partei mit den Konservativen auf ein Austrittsabkommen einigen kann, dem zuerst das britische Parlament und dann die EU zustimmen, und wir dann eine faire Debatte führen und ein Referendum abhalten, bei dem es auch die Option EU-Verbleib gibt – dann wäre das ein positives Ergebnis. Das sind viele „Wenns“. Aber nur so kommen wir aus dem Chaos heraus, in das wir uns und unsere EU-Partner gebracht haben. 

Behandeln Deutschland und die EU Ihr Land bei den Verhandlungen fair? 

Ja. Mit viel mehr Geduld, als wir verdient hätten. 

Wie hat das Brexit-Votum das Verhältnis zwischen Briten und dem Rest Europas verändert?

Ich hatte das Gefühl, besonders in Deutschland war man absolut schockiert. Das Ergebnis wurde als Schlag ins Gesicht wahrgenommen. „Warum wollt ihr uns verlassen?“, haben mich viele gefragt. Mittlerweile sind die Leute in anderen EU-Ländern einfach nur noch genervt. Der Respekt vor uns Briten hat abgenommen – was gänzlich unsere eigene Schuld ist. 

Was würde ein Brexit für Sie persönlich bedeuten? 

Ich würde überlegen, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Ich bin gerne Brite und Europäer. Aber es ist mir wichtiger, Europäer zu sein. Ich stehe hinter der Idee der EU, auch wenn sie immer noch viele Fehler hat. Sie hat uns 75 Jahre Frieden und Zusammenarbeit beschert – das gab es in Europa noch nie. 

Wie gefällt es Ihnen denn in Deutschland?

Sehr, sehr gut. Mein Vater war häufig in Deutschland und hat mich oft mitgenommen. Ich fühle mich hier zu Hause. Ich liebe die Sprache, die deutsche Philosophie und die Musik, das Bier, das Essen. Und wenn ich so durch Rotenburg laufe, muss ich sagen: Ihr Deutschen seid viel besser darin, das Schöne, Alte zu erhalten als wir Briten. Wahrscheinlich auch deswegen, weil vieles davon nach dem Krieg leider zerstört war.

Zur Person

Peter Bradley wuchs in einer Kleinstadt bei Oxford auf. Er arbeitete unter anderem für Beratungsunternehmen, bis er von 1997 bis 2005 für Labour im Parlament saß. Er war stellvertretender Fraktionssprecher. Danach gründete er eine Stiftung, die sich dafür einsetzt, dass sich Bürger aktiv an Demokratie beteiligen. Er ist in seinem Wohnort, der Großstadt Telford, Labour-Vorsitzender.

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