Kreiskrankenhaus Rotenburg

Krankenpflegerin über Arbeit auf Corona-Station: Der Applaus für die Helfer ist verhallt

Das Bild zeigt die Krankenpflegerin Livia Ferreira (43) auf der Intensivstation im Kreiskrankenhaus Rotenburg. Sie steht maskiert neben einem Beatmungsgerät.
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Kümmert sich freiwillig um Corona-Patienten: Livia Ferreira (43) vom Kreiskrankenhaus Rotenburg, hier auf der Intensivstation mit einem Beatmungsgerät.

Im März, als die Corona-Pandemie ihren Höhepunkt erreichte, werden Krankenpfleger wie Helden gefeiert. Was ist geblieben von der Wertschätzung? Wir haben mit einer Pflegerin gesprochen.

Rotenburg - Die 43 Jahre alte Krankenschwester Livia Ferreira hat in der Hochphase der Pandemie auf der Covid-Station des Kreiskrankenhauses (KKH) in Rotenburg gearbeitet – und spürt nicht mehr viel von den Lobgesängen, der vor einem halben Jahr um ihren Berufsstand gemacht wurde. „Ehrlich gesagt bin ich ziemlich frustriert“, sagt die gebürtige Portugiesin.

„Als die Menschen für uns applaudierten, hat mich das sehr berührt“, erinnert sie sich. „Ich hatte die Hoffnung, dass das so ein Moment sein könnte, an dem die Politik merkt, wie systemrelevant wir wirklich sind und uns mehr Wertschätzung zuteilwerden lässt.“

Anfangs sah es auch tatsächlich so aus. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kündigte etwa Anfang April Bonuszahlungen für Pflegekräfte an, Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sprach von „Helden und Heldinnen des Alltags“, die „langfristig auch bessere Löhne verdient“ hätten. Was davon bei Livia Ferreira und ihren Kollegen bisher angekommen ist? Nichts.

„Die Corona-Prämie haben nur die Altenpfleger bekommen, wir nicht“, sagt sie. „Wir sind von der Politik enttäuscht. Warum kündigt man etwas an und hält es dann nicht? Das ist für mich wie ein Schlag ins Gesicht.“

Ihrem Arbeitgeber macht sie keinen Vorwurf. „Wir wissen doch alle, dass Krankenhäuser solche Prämien nicht selbst zahlen können.“

Sie hätte sich gewünscht, dass die Regierung einen Fonds auflegt, um all die zu belohnen, die vor allem in der Hochphase der Pandemie das Land am Leben gehalten haben: Krankenpfleger, Polizisten, Feuerwehrleute, Busfahrer und viele andere Berufsgruppen, die ohnehin nicht im Verdacht stehen, mit übermäßig viel Geld für ihre Arbeit entlohnt zu werden. „Andere Branchen, die weitaus weniger systemrelevant sind, haben ja auch Geld bekommen“, sagt Livia Ferreira.

Die 43-Jährige glaubt, wenn im Gesundheitsministerium mehr Menschen an wichtigen Schaltstellen sitzen würden, die aus der Praxis kommen, wie Ärzte und eben Krankenpfleger, dann würden die Chancen für mehr Wertschätzung steigen. „Aber das ist leider nicht so. Wir sind im Ministerium nur eine Nummer.“

So sieht sie ohne Mund-Nase-Schutz aus: Livia Ferreira.

In der Coronakrise hat Livia Ferreira aber auch Erfahrungen gesammelt, die ihr Kraft gegeben haben. Sie hatte sich, wie zwölf weitere Krankenpfleger im Kreiskrankenhaus, freiwillig für die Covid-Station gemeldet, einer Intensivstation, auf der Coronavirus-Patienten behandelt werden. „Ich erinnere mich besonders an eine Frau, gar nicht alt, keine Vorerkrankungen, die es richtig schlimm erwischt hatte.“ Gleich zweimal habe sie künstlich beatmet werden müssen. „Doch nach über einem Monat konnten wir sie entlassen. Dass ich mithelfen durfte, diese Frau zu heilen, macht mich sehr stolz.“

Als die Pandemie sich auch im Landkreis ausbreitete, „lief das bei uns wie am Schnürchen“, erinnert sich Livia Ferreira. In nicht einmal zwei Tagen sei die Intensivstation eingerichtet gewesen. Bis heute hat das Krankenhaus elf Corona-Patienten als geheilt entlassen, eine 95-jährige Frau, bei der zuvor das Virus nachgewiesen worden war, hat nicht überlebt. „Wir gehen davon aus, dass sie mit und nicht an Covid-19 gestorben ist“, sagt KKH-Pflegedirektorin Christina Harthausen.

Anders als von der Politik haben Livia Ferreira und ihre Kollegen aus der Rotenburger Bevölkerung mehrfach Wertschätzung erfahren. Eine Eisdiele habe Eis vorbeigebracht, Anwohner hätten Präsentkörbe geschickt. „Das ist etwas für die Seele“, sagt die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, die seit diesem Jahr in Rotenburg lebt.

Damit sich auch in ihrem Berufsalltag und auf dem Gehaltszettel konkret etwas ändert, nennt die examinierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, die von 2013 bis 2016 im Kreiskrankenhaus ihre Ausbildung absolviert hat, drei zentrale Forderungen: höhere Löhne, einen besseren Personalschlüssel und damit mehr Zeit für die Patienten sowie die Akademisierung der Krankenpflege. „Dann hätte unser Beruf einen besseren Ruf, was auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken würde.“

Trotz aller Kritik an den politisch gewollten Arbeitsbedingungen hat Livia Ferreira, die als Quereinsteigerin aus der Gastronomie kam, ihren Traumberuf gefunden. „Ich möchte nichts anderes mehr machen“, sagt die Gesundheits- und Krankenpflegerin, die derzeit eine Fachweiterbildung zur Anästhesie- und Intensivpflegerin absolviert.

Und wenn tatsächlich die befürchtete „zweite Welle“ kommt, wird auf Livia Ferreira und ihre Kollegen wieder Verlass sein – auch ohne Applaus. (Sebastian Schaffner)

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