Unangenehm aber sehr wichtig

Keine Angst vor der Kamera: Die Darmspiegelung ist wichtig für die Krebsvorsorge

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Kann Krebs verhindern: Die Darmspiegelung ist ein wichtiger Baustein der Vorsorge. Seit eineinhalb Jahren wird im Kreiskrankenhaus in Rotenburg die sogenannte G-Eye-Technik verwendet, mit der gefährliche Polypen noch besser erkannt werden sollen. Die Klinik gehörte zu den ersten Krankenhäusern in Deutschland, bei denen die neue Technik zum Einsatz kam. Unser Foto zeigt Chefarzt Dr. Daniel Gleichmann bei einer Darmspiegelung. 

Rotenburg. Sie verhindert Krebs wie kaum eine andere Untersuchung, gilt aber auch als unangenehm: Die Darmspiegelung. Wir klären wichtige Fragen rund um die Untersuchung.

Ohne die Vorsorge würden in Deutschland pro Jahr etwa 60.000 Menschen an Darmkrebs erkranken, so Dr. Daniel Gleichmann, Chefarzt der Inneren Abteilung des Kreiskrankenhauses in Rotenburg – das sind fast so viele, wie in die Allianz-Arena in München passen. 

Was wird bei der Untersuchung gemacht?

Bei der Darmspiegelung (Koloskopie) wird ein sehr flexibler, etwa 1,3 Zentimeter dicker Schlauch, der unter anderem mit einer Kamera und Xenonlicht ausgestattet ist, über den After in den Dickdarm des Patienten gebracht. Anhand der übertragenen Videobilder untersucht der Arzt den Dickdarm bis in die Mündung des Dünndarms auf krankhafte Veränderungen. Häufig sind sogenannte Polypen – Vorwölbungen der Schleimhaut, die ins Darminnere ragen. 

Sie können entarten und gelten damit als Vorstufe von Dickdarmkrebs. Die meisten Polypen können während der Untersuchung direkt entfernt werden. In der Regel ist der Patient narkotisiert – es gibt aber auch Ausnahmen: Etwa zehn Prozent wollen die Untersuchung miterleben, schätzt Gleichmann: „Einige Patienten schauen währenddessen sogar interessiert auf dem Bildschirm.“

Was sind Hinweise, dass eine Darmspiegelung nötig sein könnte?

Sämtliche Veränderungen beim Stuhlgang, etwa Blutungen, Bauchschmerzen und -Krämpfe, sollten die Alarmglocken schrillen lassen. Auch starker Gewichtsverlust kann ein Alarmzeichen sein. Erster Ansprechpartner ist der Hausarzt, die Untersuchung übernehmen Gastroenterologen und Krankenhäuser.

Gibt es Risiken bei der Untersuchung?

Als Routineuntersuchung seien die Risiken für den Patienten bei einer Darmspiegelung minimal, so Gleichmann. Das größte Potenzial für eine Verletzung bestehe bei der Entfernung der Polypen: „Das hinterlässt eine Wunde, die bluten kann“, sagt der Chefarzt. Im schlimmsten Fall werde die Darmwand verletzt und es entstehe ein Loch – eine sogenannte Perforation, bei der Darminhalt und Bakterien in die Bauchhöhle fließen könnten. Das sei allerdings sehr selten. An besonders gefährdeten Wunden können Verletzungen durch Klemmen verhindert werden. Sie verlassen den Darm nach ein paar Tagen auf natürlichem Wege.

Mit welchen Einschränkungen müssen Patienten rechnen?

Eine Darmspiegelung wird von einer Ernährungsumstellung begleitet: Im Vorfeld der Untersuchung müssen sich Patienten fünf Tage lang ballaststoffarm ernähren – also auf Salat, Rohkost und Körner verzichten. Am Vortag der Spiegelung trinken die Patienten etwa anderthalb Liter Abführflüssigkeit, am Tag der Untersuchung wird frühmorgens ein weiterer halber Liter eingenommen. Zudem müssen die Patienten nüchtern erscheinen: Ab dem frühen Nachmittag am Vortag der Untersuchung darf nicht mehr gegessen werden, stattdessen sollten drei bis vier Liter möglichst transparenter Getränke wie Wasser getrunken werden. Obstsäfte oder Kaffee sind ungeeignet. Der Grund: Der Darm muss entleert werden – sonst ist die Sicht mit der Kamera schlecht.

Wie lange dauert die Untersuchung?

Am Untersuchungstag müssen etwa zwei bis drei Stunden eingeplant werden. Die Darmspiegelung selbst dauert rund 20 Minuten, nach der Darmspiegelung bleiben Patienten in der Regel eine Stunde zur Beobachtung, bevor sie nach Hause entlassen werden. Wie zeitintensiv die Vor- und Nachbereitung genau ist, hängt vom jeweiligen Patienten ab. Wichtig: Wer narkotisiert untersucht wurde, darf ohne Begleitung auch als Fußgänger für zwölf Stunden nicht am Straßenverkehr teilnehmen. Bis vor Kurzem waren es sogar noch 24 Stunden.

Ist die Darmspiegelung wirklich so unangenehm?

Jeder Fünfte, der eine Darmspiegelung ablehnt, begründet das laut einer Studie des Robert Koch-Instituts damit, dass es unangenehm sei. Das liege vor allem an den Begleitumständen der Untersuchung, sagt Daniel Gleichmann. Die Abführmaßnahmen würden zum Stuhlgang zwingen und könnten bei einigen Patienten zu Reizungen am After führen. Zudem sei die Darmspiegelung lange ein Tabuthema gewesen: „Die meisten Menschen empfinden es als Verletzung der Intimsphäre, wenn ihr Darm untersucht wird.“ Wer die Untersuchung schlafend erlebe, merke nach dem Aufwachen kaum etwas davon – höchstens die Darmwinde. Die Luft, die während der Untersuchung in den Darm geblasen wird, muss anschließend entweichen. Das sei meistens nach 20 Minuten vorüber.

Die angeratene Vorsorge beginnt mit dem 50. Lebensjahr: Ist Darmkrebs der Krebs älterer Menschen?

Nein. Auch junge Menschen können an Darmkrebs erkranken, ältere sind in der Regel aber häufiger betroffen. Mit 70 Jahren habe fast jeder zweite Mensch einen Polypen, so Gleichmann. Besonders die familiäre Vorbelastung spielt eine Rolle. Wer ein Familienmitglied hat, bei dem Darmkrebs festgestellt wurde, sei wesentlich höher gefährdet und sollte sich frühzeitig untersuchen lassen. „Wenn der Verwandte im Alter von 50 Jahren erkrankt ist, sollte man sich mit 40 Jahren untersuchen lassen.“

Der Untersuchungsbereich: Die Abbildung zeigt eine Darstellung einer Darmspiegelung. Ärzte schieben dabei einen rund eineinhalb Meter langen und mit einer Videokamera ausgestatteten Schlauch durch den Dickdarm bis in den Eingang des Dünndarms. Mit Luftdruck werden die Darmfalten glatt gestrichen, damit potenzielle Tumore oder andere Veränderungen an der Darmwand besser erkennbar sind. 

Steigt die Akzeptanz für die Untersuchung?

Den Zahlen nach: ja. Zwischen Januar und Dezember 2018 gab es etwa 1965 Darmspiegelungen allein im Rotenburger Kreiskrankenhaus, im Vorjahr waren es in diesem Zeitraum 1528 – ein Anstieg von 28 Prozent. Ein Großteil davon entfällt auf ambulante Untersuchungen: Im Kreiskrankenhaus wurden im Vergleich zum Vorjahr knapp 40 Prozent mehr ambulante Darmspiegelungen gemacht. „Die geburtenstarken Jahrgänge kommen in das entsprechende Untersuchungsalter“, erklärt Gleichmann.

Wer zahlt die Untersuchung mit einer Darmspiegelung?

Die Kosten für eine Darmspiegelung werden von den Krankenkassen übernommen.

Lesen Sie auch: Untersuchungen zur Krebsfrüherkennung im Überblick

Hintergrund: So funktioniert die Vorsorge

Darmkrebs ist das zweithäufigste Krebsleiden in Deutschland. Die Vorsorge steht auf zwei Säulen: Der Stuhlprobe sowie der Darmspiegelung. Ab dem Erreichen des 50. Lebensjahres sollte jährlich eine Stuhlprobe erfolgen, bei Auffälligkeiten eine Darmspiegelung. Zudem hat jeder Versicherte ab 55 Jahren einen Anspruch auf eine vorsorgliche Darmspiegelung, die alle zehn Jahre wiederholt wird. Kaum eine Untersuchung ist dabei so effektiv: Laut Studien sei das Risiko, nach einer Darmspiegelung an Darmkrebs zu erkranken, um 90 Prozent verringert. Das erscheine zwar nach jüngsten Daten etwas zu hoch gegriffen, so Chefarzt Daniel Gleichmann. Dennoch: „Mit der Untersuchung kann Darmkrebs effektiv verhindert werden.

Zur Person

Dr. Daniel Gleichmann (54) ist in Kassel geboren und aufgewachsen. Er studierte Medizin in Göttingen, arbeitete als Oberarzt in Fulda und ist seit 2009 Chefarzt am Kreiskrankenhaus in Rotenburg. Gleichmann ist verheiratet und hat drei Kinder.

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