Sommerinterview mit Christian Grunwald (CDU)

Rotenburgs Bürgermeister: Corona ist ein Dampfer und „die große Heckwelle kommt noch“

Rotenburgs Bürgermeister Christian Grunwald steht lächelnd und auf sein E-Bike gestützt auf dem Rotenburger Marktplatz. Auf dem Kopf trägt er einen Fahrradhelm.
+
Er hat das Fahrrad mit Elektromotor für sich entdeckt: Rotenburgs Bürgermeister Christian Grunwald fährt jetzt begeistert durch die Wälder und lernt die Heimat noch mal ganz neu kennen. Und er ersetzt aus voller Überzeugung das Auto im Alltag – wann immer es geht – durch das E-Mountainbike.

Corona hat die Welt kräftig durcheinandergewirbelt. Wie hat Rotenburg die schwierige Zeit erlebt? Was sind nun die Herausforderungen? Bürgermeister Christian Grunwald im Interview.

Herr Grunwald, Ihr wütender Ausruf „Bleibt, zur Hölle, zu Hause“, der sich im März bei Ausbruch der Corona-Pandemie vor allem an ältere Menschen gerichtet hatte, ist Legende. Sie waren sauer, weil gerade die besonders Gefährdeten fröhlich durch die Stadt spazierten und sich in Cafés drängelten. Wie hat sich denn das Klima in der Stadt danach entwickelt?
Natürlich bleibt der Spruch in Erinnerung (er lacht). Aber es ging ja dann geordnet weiter. Auch wenn das jetzt vielleicht überheblich klingt: Wenn wir in Rotenburg eins können, dann ist es Herausforderungen anzunehmen und zu gestalten. Das haben wir beim Abzug der Bundeswehr gezeigt, beim Umgang mit dem Schutzschirm und auch in der Flüchtlingskrise. Letztendlich haben die Rotenburger zusammengestanden. Das ist auch auf eine gute Kommunikation zurückzuführen. Und es zeigt, dass der Zusammenhalt eine besondere Bedeutung in der Stadt hat.
War denn überhaupt ein besonderer Zusammenhalt nötig? Wir haben doch hier auf dem Land ohnehin noch einen starken Familienverbund.
Auch in Rotenburg gibt es Senioren, die ganz allein zu Hause sitzen und ihr Leben auch allein organisieren. Wir hatten Anrufer an unserem Hilfstelefon, für die wir der letzte Rettungsanker waren. Wir hatten auf der anderen Seite auch ganz viele, die den Senioren helfen wollten, und konnten dann Helfer und Hilfesuchende koordinieren. Das hat hervorragend funktioniert.
Sie sagen, Rotenburg kann Krise. Wir bleiben in diesem Gespräch mal bei der Corona-Krise, obwohl es mit den Teilschließungsplänen für das Herz- und Kreislaufzentrum zur Krise in der Krise gekommen ist. Für die Verwaltung war Corona eine besondere Herausforderung, weil Vorgaben von Land und Bund oft sehr kurzfristig umgesetzt werden mussten.
Da reihe ich mich mal nicht bei den Kritikern ein. Es war zwar nicht angenehm, immer von jetzt auf gleich reagieren zu müssen, aber das ist unser Job. Es ist Teil der Krisenbewältigung gewesen. Auch Land und Landkreis mussten schnell und flexibel reagieren. Und das ist hervorragend gelaufen, finde ich.
Coronakrise ist auch Finanzkrise. Wie steht denn Rotenburg jetzt da?
Wir haben schon im März die Fachdienste aufgefordert, ihre Bereiche einem Corona-Test zu unterziehen. Im April hat der Magistrat auf Grundlage dieser Ergebnisse Prozesse aktiv gesteuert, also Prioritäten bei der Umsetzung festgelegt. Der Lagebericht für die Stadtverordnetenversammlung mit Stand 1. Mai hat sich fast ausschließlich mit den Corona-Auswirkungen befasst. Wir haben in jedem Bereich geschaut, ob und wenn ja, welche Auswirkungen die Pandemie im jeweiligen Bereich hat. Anstelle des ursprünglich geplanten Plus’ in Höhe von 268 000 Euro rechnen wir mit einem Minus von einer Million. Ich bin dennoch nicht sehr pessimistisch, weil das Land ja eine Gewerbesteuerausfallhilfe angekündigt hat. Außerdem zeigt sich jetzt, dass die Stadtverordnetenversammlung richtig entschieden hat, was zum Beispiel Straßenausbaubeiträge oder die Hebesätze für die Grundsteuer angeht. Dadurch ist uns eine feste und solide Grundlage in der Not geblieben, die uns auch investitionsfähig hält. Die Gewerbesteuer dagegen ist vielen Schwankungen unterlegen. Etliche Betriebe haben Antrag auf Stundung gestellt.
Das klingt zumindest erst mal nicht nach Total-Katastrophe.
In diesem Jahr nicht. Spannend wird es ab 2021. Im Moment sehen wir nur den großen Dampfer Pandemie. Die riesige Heckwelle, die er hinter sich mitbringt, wird uns erst später erwischen. Fest steht schon, dass die Kommunen die Krise nicht allein bewältigen können.
Lähmen diese Aussichten nicht?
Natürlich nicht! Wir halten an unseren Plänen und Investitionen fest. Sei es der Ausbau der Kinderbetreuung oder der Stadtumbau. Zum Beispiel wird gerade die ehemalige Kita Egerländer Straße zur Krippe umgebaut. Die Awo, die in der Nachbarschaft schon die Krippe „Kleine Strandpiraten“ betreibt, wird auch noch diese neue Krippe betreuen.
Die Krise hat auch die Arbeitswelt durcheinandergewirbelt. Auch im Rathaus? Oder ging es dort seinen gewohnten Gang?
Wir waren schon vor der Krise beim Digitalisierungsprozess und der Förderung der Heimarbeit sehr weit gekommen. Das hat sich jetzt ausgezahlt. Viele Rathausmitarbeiter haben im Homeoffice engagiert gearbeitet und konnten mögliche Vorbehalte abbauen. Diesen Prozess wollen wir weitertreiben. Ziel ist es, möglichst viele Verwaltungsdienstleistungen, wie das Beantragen eines Ausweises, digital möglich zu machen – und zwar ganz unkompliziert für die Bürger – auch vom Sofa aus.
Die Krise hat bei den reiselustigen Deutschen zu einem veränderten Urlaubsverhalten geführt: Man entdeckt die Schönheiten Deutschlands. Hat sich das auch in Rotenburg gezeigt, das wirtschaftlich stark auf Tourismus setzt?
Der Camping- und der Wohnmobilplatz sind voll. Die Nachfrage bei den Hotels entwickelt sich eher noch verhalten. Der Fahrradtourismus boomt wie nie zuvor, auch durch die Entwicklung der Pedelecs, die auch älteren Menschen längere Touren erleichtern. Rotenburg lässt sich da bestens vermarkten. Sowohl durch den Radweg R1 im Fuldatal, der weitgehend ohne Anstrengung von allen zu bewältigen ist, als auch durch unsere wunderbaren Waldgebiete, die man sich ganz toll mit dem E-Bike erschließen kann. Ich habe mir jetzt selbst so ein Rad gekauft und bin begeistert, welche Touren-Möglichkeiten man bei uns hat. Man muss also gar nicht erst ins Auto steigen, um unsere Region zu entdecken. Das gilt im Übrigen auch für Einheimische: Die Leute sollen raus aus dem Auto und rauf aufs Rad – auch in der Stadt. Wir brauchen die Mobilitätswende. Es gibt sogar seit Kurzem Fördermittel des Landes für den Kauf von Lastenrädern. Da bleibt kaum noch ein Argument dafür, mit dem Auto zum Supermarkt fahren zu müssen. Auch größere Einkäufe passen in die Behälter dieser Räder. Insgesamt geht es also ums Klima. Und es geht darum, herauszufinden, wie man die Infrastruktur für Radfahrer verbessern kann. Daran werden wir in Rotenburg verstärkt arbeiten. (Von Silke Schäfer-Marg)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.