Hobby-Stadthistoriker hat recherchiert

Ehre durch Irrtum: Der Komponist Coberg ist wohl kein Sohn Rotenburgs

Enthüllung 2013: Bildhauer Ewald Rumpf, links, enthüllte vor dem Rotenburger Schloss die Bronzefigur, die dem Komponisten Johann Anton Coberg gewidmet war. Das Archivbild zeigt von links neben Rumpf Stifterin Marlies Ebeling, Kerstin Schulz (Tourist-Information), Gordon Manthey (Hessisches Immobilienmanagement), Wolfgang Moog (Bauhof der Stadt Rotenburg) und Bürgermeister Christian Grunwald.
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Enthüllung 2013: Bildhauer Ewald Rumpf, links, enthüllte vor dem Rotenburger Schloss die Bronzefigur, die dem Komponisten Johann Anton Coberg gewidmet war. Das Archivbild zeigt von links neben Rumpf Stifterin Marlies Ebeling, Kerstin Schulz (Tourist-Information), Gordon Manthey (Hessisches Immobilienmanagement), Wolfgang Moog (Bauhof der Stadt Rotenburg) und Bürgermeister Christian Grunwald.

Woher stammt der 1650 geborene Organist und Komponist Johann Anton Coberg?

In Rotenburg an der Fulda wurde ihm als Sohn der Stadt 2013 eine Skulptur gewidmet, aber – mal ehrlich – im Grunde kennt ihn niemand und nur wenige wissen, wo das Denkmal überhaupt steht. Jetzt sollte der Musiker Basis für einen „kulturhistorischen Diskurs“ werden. Das klappt nicht.

In Rodenberg im niedersächsischen Kreis Schaumburg ist Hobby-Stadthistoriker Rudolf Zerries sicher, dass der Musiker, der an Fürstenhöfen hoch angesehen war, aus seiner Heimatstadt stammt. Mit seinen Forschungsergebnissen ist Zerries bei der Stadt Rotenburg und beim Vorstand des Kultur- und Tourismusverein vorstellig geworden und hat eben den „kulturhistorischen Diskurs angeboten“.

Zerries Argumente sind dabei so plausibel und nachvollziehbar, dass man in Rotenburg die Ansprüche ohne Widerstand aufgibt. Zumal auch Recherchen und Überprüfungen von Martin Ludwig vom Geschichtsverein Altkreis Rotenburg den 66-jährigen Rudolf Zerries bestätigen. Statt Diskurs also Einvernehmen. Aber worum geht es?

Der Komponist

Googelt man den Namen Johann Anton Coberg, bekommt man unweigerlich auf verschiedenen Internetseiten die Auskunft, dass der Organist, Komponist und Cembalist 1650 in Rotenburg an der Fulda geboren wurde und 1708 in Berlin starb. Im musikhistorischen Nachschlagewerk MGG heißt es laut Zerries, Coberg sei als Kind an die Lateinschule in Hannover gekommen und soll seinen ersten musikalischen Unterricht vermutlich bei Stadtkantor Johann Georg Gumbrecht erhalten haben und später von weiteren Musikern der herzoglichen Hofkapelle unterrichtet worden sein. Seine Karriere am Hof in Hannover fiel in die Herrschaftszeit von Herzog Ernst August (ab 1692 Kurfürst). Coberg spielte in der Hofkapelle und wurde später Hoforganist. Als Musiker und Pädagoge unterrichtete er Prinzessin Sophie Charlotte, die spätere preußische Königin. Er soll an einem Schlaganfall gestorben sein.

Der Zweifel

Rudolf Zerries und seine drei Mitstreiter haben eine einzige historische Quelle entdeckt, die Coberg in Rotenburg verortet. Musikpublizist Johann Mattheson schrieb demnach 1740: „Johann Anton Coberg ist An. 1650 im Städtlein Rotenburg an der Fulda zur Grafschaft Schauenburg, niederhessischen Antheils, gehörig, auf diese Welt gebohren. Sein Vater ist desselben Ortes Bürgermeister gewesen.“

Bei allen, die sich geschichtlich interessieren, klingelte es. Sowohl bei Rudolf Zerries als auch bei Martin Ludwig. In Rotenburg gab es den Namen Coberg nicht, ergaben beider Recherchen. In Rodenberg war Coberg allerdings vielfach belegt: 1648 wurde der erste „Rottmeister Henricus Koberg“ erwähnt, im Sterbeeintrag der Kirchenbücher wurde „Bürgermeister Henricus Coberg“ genannt, der 1678 gestorben war. Er soll der Vater des Komponisten sein.

Die Skulptur

Die inzwischen verstorbene Marlies Ebeling hat der Stadt eine Reihe von Bronzeskulpturen gespendet. Marlies Ebeling war durch Unterlagen ihres Mannes auf den vermeintlichen Sohn der Stadt, Johann Anton Coberg, aufmerksam geworden. Horst Ebeling war Kammermusiker des niedersächsischen Staatsorchesters in Hannover. In dessen Vorläufer, der Hofkapelle, hatte Coberg im 17. Jahrhundert musiziert. So entschied sich Marlies Ebeling zur Spende der Bronzeskulptur.

Tafel soll geändert werden

Die Bronzeskulptur von Johann Anton Coberg war 2013 auf dem Vorplatz des Rotenburger Schlosses errichtet worden. Schon etwa ein Jahr später wurde die Figur auf den Kirchplatz in der Neustadt umgesetzt. Der Schlossvorplatz, der als Parkplatz genutzt wird, sollte umgestaltet werden.

Noch erinnert eine Tafel neben der Bronzeskulptur an den Komponisten und seine vermeintliche Verbindung zur Stadt Rotenburg. Doch im Rathaus hat man jetzt auf die Debatte reagiert: Dass Johann Anton Coberg ein Sohn der Stadt sei, wird in allen Publikationen, die die Stadt zu verantworten hat, geändert, erklärte Erste Stadträtin Ursula Ender.

Die Skulptur zeigt ohnehin nicht den Ausnahmemusiker aus Rodenberg in Niedersachsen. Von dem gab es offenbar kein historisches Bildnis als Vorlage, wurde schon 2013 bei der Enthüllung der Figur bekannt. Bildhauer Ewald Rumpf hatte den Musiker sitzend mit einer Viola dargestellt.

Künftig soll die Figur auf dem Kirchplatz nur noch als „Kirchenmusiker“ tituliert werden, sagte die Erste Stadträtin.

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