Entspannt aus Tradition

Rotenburger Gaststätte „Hessenschänke“ wird 100 Jahre alt

Am Tresen der Rotenburger Traditionsgaststätte Hessenschänke stehen Willi Weidner (links), Chef des Familienunternehmens, und Heike Weidner. Zwischen ihnen ist ein Porträt von Gründerin Anna Weidner aufgestellt.
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Familienbild mit Anna: Heute zapfen die Geschwister Willi und Heike Weidner die acht Biersorten vom Fass. Das Porträt von Gründerin Anna hat einen Stammplatz im Bierbrunnen Zur Hessenschänke.

Am 7. Juli feiert die Gaststätte, die von vielen Rotenburgern nach ihrer Gründerin liebevoll „Anna“ genannt wird, runden Geburtstag.

Der Zeitgeist ist ein schwer greifbarer Zeitgenosse, was ihn doch schwer bevorteilt bei seinen Scharmützeln mit der Tradition. Im Bierbrunnen „Zur Hessenschänke“ in Rotenburg hat die Tradition Oberhand behalten. Ganz entspannt und unaufgeregt, ohne Werbekampagnen und Wehklagen – anders als manche Kneipen-Kollegen beschweren sich die Wirtsleute Willi und Heike Weidner nicht über die neuen Zeiten. Sie nehmen sich die Freiheit, so zu bleiben, wie sie sind und waren. Mit kaum veränderter kleiner Speisekarte, konstanten Preisen und mit sage und schreibe acht Biersorten vom Fass. So viel Souveränität wird belohnt und das nun schon 100 Jahre.

Am 7. Juli feiert die Gaststätte, die von vielen Gästen auch nach ihrer Gründerin liebevoll „Anna“ genannt wird, ihren runden Geburtstag. Willi Weidner, Chef des Familienunternehmens, hatte auch vor Corona nicht geplant, am Strandfest-Dienstag ein rauschendes Fest zu feiern. Klar, am darauffolgenden Wochenende hätte es eine kleine Party mit Livemusik gegeben. Jetzt wird daraus auch nichts. Heike und Willi Weidner sind nicht nur in dieser Hinsicht tiefenentspannt.

Genau wie die Gründerin Anna Weidner, geborene Erbe, aus Licherode es war, als sie mit Ehemann Alfred am 7. Juli 1920 die Türen zur Hessenschänke öffnete. Beim Kauf hieß sie noch „Restauration Gambrinushalle“.

Als solide, sparsam und resolut beschreibt Hobbyhistoriker Albert Deist die Wirtin der ersten Stunde. Während Alfred Weidner sich der Landwirtschaft widmete, stand sie – oft in Hausschuhen – hinterm Tresen im Steinweg 6. „Sie hatte den Laden im Griff“, weiß Deist, „und sie war munter bis zum Schluss“.

Keine Auszeit nach dem Krieg

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg gönnte sie sich keine Auszeit, sondern schloss bereits 1945 erneut die Türen zur Hessenschänke auf. Wegbegleiter erzählen heute gerne, dass Anna Weidner immer ihre Einnahmen in der Kittelschürze zur Sparkasse gebracht hat. Während sie das Geld in der Familie zusammenhielt, hat sie auch oft Gästen, die in finanzielle Schieflage geraten waren, aus der Not geholfen.

Zum 50. Geburtstag der Hessenschänke gratulierte der damalige Bürgermeister Adam Stephan mit einer Urkunde. 1966 wurde Anna Weidner auch vom Hotel- und Gaststättenverband geehrt. Das Bier kam von der Malsfelder Brauerei, Anna Weidner war Genossenschaftsmitglied.

Ein Jahr nach dem Tod von Anna hängt Willi Weidner 1981 sein BWL-Studium in Fulda an den Nagel und übernimmt die Gaststätte. Es wird in großem Stil renoviert, sodass ein Wechsel auch äußerlich sichtbar wird. „Man braucht einen langen Atem für diesen Job“, sagt Willi Weidner mit Blick auf vergangene Zeiten mit Euro-Einführung, Rauchverbot oder Mehrwertsteuer-Erhöhung.

Weidners sind sich und ihren Gästen treu geblieben. Jetzt bedienen Willi und Heike Weidner auch die Kinder ihrer Stammkunden von einst. Überhaupt gibt es eine gut durchmischte Altersstruktur. Es treffen sich hier die jungen Handballspieler und die alteingesessenen Rotenburger. Die Kneipen-Szene habe sich verändert, bedauern die Geschwister. Früher habe man sich „einfach mal so zum Bier getroffen“. Heute müsse alles einen Event-Charakter haben und mit einem besonderen Ereignis verbunden sein. Stammtische, es gibt sie noch bei Weidners. Aber auch die seien heute eher selten geworden, berichten die Geschwister. Die Stühle im Steinweg sind verschwunden. Vor neun Jahren wurde stattdessen hinter dem Haus ein lauschiger Biergarten errichtet. Im August wird die Fassade des eingetragenen Kulturdenkmals Hessenschänke erneuert. Sie braucht einen neuen Anstrich. Balken müssen ausgetauscht werden.

Legendäre Torten

Längst kein Geheimtipp mehr sind die fast schon legendären Torten, Nuss-Ecken und Kuchen, die Heike Weidner manchmal nachts noch zubereitet. Auch der Kartoffelsalat ist sehr beliebt. Den sollte man am besten vorbestellen, denn der geht so rasch vom Tresen wie die viel gepriesenen warmen Semmeln.

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