„Es hätte uns ebenso getroffen“

Flutkatastrophe: Auch Hochwasserschutz im Kreis Hersfeld-Rotenburg soll auf den Prüfstand

Thorsten Bloß, Leiter des Fachdienstes Gefahrenabwehr im Landratsamt und Einsatzsachbearbeiter Manuel Koch in der neuen Leitstelle des Landkreises.
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Sorgen für größtmögliche Sicherheit: Thorsten Bloß, Leiter des Fachdienstes Gefahrenabwehr im Landratsamt und Einsatzsachbearbeiter Manuel Koch in der neuen Leitstelle des Landkreises.

Hätten sich die Regenmassen, die in Deutschlands Westen ganze Regionen verwüstet haben, über dem Landkreis Hersfeld-Rotenburg ergossen, dann sähe es jetzt hier genauso aus.

Hersfeld-Rotenburg – Das sagt Heinrich Wacker, Umweltberater der Stadt Rotenburg und renommiertester Hochwasser-Experte im Kreis. Der 64-Jährige weist darauf hin, dass auf Landesebene – zum Beispiel mit dem Landesaktionsplan Hochwasserschutz Hessen – für die Sicherheit der hessischen Bevölkerung bereits seit über einem Dutzend Jahren zwar sehr viel getan worden ist.

„Für die großen Flüsse und Gewässer haben wir hervorragende Vorhersagen und Vorwarn-Instrumente, die sogar jeder online einsehen kann – aber das hätte uns bei diesem Unwetterereignis nicht vor solchen Folgen bewahrt“, sagt Wacker. Regenmengen von über 100 bis 200 Litern pro Quadratmeter binnen 24 Stunden seien eine völlig andere Dimension, als das, was im Landkreis bislang an Hochwasserereignissen aufgetreten sei. „Bei diesen Mengen werden auch unsere kleinen Bäche wie zum Beispiel die Ulfe in Ronshausen und Weiterode, die Geis in Neuenstein und Bad Hersfeld oder die Gude in Alheim zu reißenden Strömen“, sagt Wacker. Hinzu komme deren deutlich höhere Fließgeschwindigkeit aufgrund ihres viel stärkeren Gefälles.

Während die Fulda im Landkreis rund ein Promille Gefälle aufweist, also auf 1000 Meter Länge einen Meter an Höhe verliert, sind es bei den Bächen circa fünfzig bis sechzig. „Dann gibt es dort brutalste Abflüsse und es bauen sich schnell Flutwellen auf, die alles, was im Weg steht, rausreißen – da fliegen auch bei uns die Häuser weg“, sagt Wacker.

Kleine Täler gegen derartige Unwetter zu schützen sei so gut wie nicht möglich. Deshalb sei Prävention beim Bauen umso wichtiger, sagt Wacker. Dafür seien angesichts der Katastrophe auch bei uns neue Modellierungen nötig. Das sieht auch Thorsten Bloß, Leiter des Fachdienstes Gefahrenabwehr im Landkreis, so: „Überall dort, wo Bäche und Flüsse die Wohnbebauung tangieren, müssen wir angesichts solcher Regenmengen nochmal draufschauen“, sagt der 59-Jährige.

„Die Gewalt von Wasser nicht unterschätzen“

Ein Kubikmeter Wasser hat ein Gewicht von einer Tonne. Bei einer Fließgeschwindigkeit von fünf Metern pro Sekunde – dem Mittelwert der Fulda bei Hochwasser – hat ein Kubikmeter Wasser eine Schubkraft von fünf Tonnen. In vielen Bächen im Landkreis liegt sie wegen deren größeren Gefälles noch deutlich höher, rechnet Hochwasser-Experte Heinrich Wacker vor. „Wir müssen wieder lernen, die Gefahr von Wasser richtig einzuschätzen“, sagt der Rotenburger Umweltberater.

Welle wie beim Seepark-Dammbruch

Ein zerstörerisches Ereignis wie die Flutkatastrophe im Westen Deutschlands hat es im Landkreis seit dem zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben. Vergleichbar sind allenfalls die Schäden, die die Flutwelle des Dammbruchs am Kirchheimer Seepark am 22. August 1977 anrichtete.

Als Heinrich Wacker am Montag vor der Unwetterkatastrophe die angekündigten Regenmengen für unsere Region entdeckte, musste ihn seine Frau erst mal beruhigen. Denn der Hochwasserexperte, der sich seit seiner Rotenburger THW-Zeit 1973 mit Flutschäden in allen Facetten auskennt, wusste: Ein großflächiger Starkregen mit über 100 Litern pro Quadratmeter in 24 Stunden hat katastrophale Folgen. Doch dann wanderte das im Regenradar blutrot gefärbte große Cluster ab – und blieb über dem Westen stehen.

Heinrich Wacker

„Bei dieser sogenannten IV-B-Wetterlage folgen auf feuchtwarme subtropische Luft subpolare kühle Luftmassen, die die feuchtwarme Luft nicht verdrängen, sondern großflächig anheben – hierdurch entstehen ergiebige Regenfälle mit Rekordmengen an Niederschlag“, erklärt Wacker. Das könne man nicht verhindern und dem könne man nicht entgehen – „das Ganze war aber absehbar“, sagt der 64-Jährige. „Unser Vorwarnsystem ist gut – man muss es allerdings ernst nehmen, richtig interpretieren und reagieren“, sagt Wacker. Dann hätten die Menschen vorgewarnt sein können – in Zukunft sei man da sicher sensibler und wisse es besser.

Da hilft keine staatliche Vorsorge mehr

Allzu viel Zeit bleibe angesichts solch massiver Regenmengen jedoch nicht. Übertragen auf den Kreis schätzt er die Vorwarnzeit auf 15 Minuten bis zu einer Stunde ab dem Beginn der Flutwelle ein. „Wenn etwas in dieser Größenordnung kommt, dann gibt es keine staatliche Vorsorge mehr – da muss jeder sein eigenes Gehirn einschalten und zusehen, dass er Land gewinnt und Leib und Leben in Sicherheit bringt, statt das Auto aus der Tiefgarage zu holen, die gerade vollläuft“, sagt Wacker.

Angesichts einer Unwetterkatastrophe dieser Größenordnung müsse man auch die Notfallpläne für den Landkreis Hersfeld-Rotenburg neu überdenken und mit den gewonnenen Erkenntnissen anpassen und verbessern, sagt der Leiter des Fachdienstes Gefahrenabwehr im Landratsamt, Thorsten Bloß. Da müssten Fachleute wie Heinrich Wacker nochmal ran und neue Modelle errechnen, sagt der 59-Jährige. Die Rohre, durch die beispielsweise der Solzbach durch Bebra geleitet werde, seien sicher nicht für diese Regenmengen gemacht.

Grundsätzlich verfüge der Landkreis aber über ein sehr gut funktionierendes System im Katastrophenfall. „Wenn wir eine Meldung mit Starkregen bekommen wird erst mal die Leitstelle verstärkt – alle werden in Habachtstellung versetzt und die Feuerwehrhäuser werden besetzt“, erklärt Bloß. Wenn dann über das Regenradar sichtbar werde, dass das Unwetter den Landkreis trifft, würden auch die Rotkreuzkräfte voralarmiert. „Stellt sich dann heraus, dass die Schäden so groß sind, löst der Landrat Katastrophenalarm aus“, sagt der Gefahrenabwehr-Leiter. Es sei gut, dass die Einheiten im Landkreis dies vor Ort entscheiden, „von außerhalb ist das schwerer zu beurteilen und bei Großwetterlagen über mehrere Landkreise hinweg auch schwerer zu koordinieren“, sagt Bloß.

Warnungen vermutlich nicht erst genommen

Auch er vermutet, die Warnungen, die es ja gegeben habe, seien nicht ernst genug genommen worden: „Keiner dort konnte sich wohl vorstellen, welches Ausmaß das annehmen kann – jetzt ist man wachgerüttelt. Bei der nächsten Ankündigung von Starkregen oder anderer Wetterextreme haben die Menschen nun alle diese schrecklichen Bilder im Kopf.“

An die Decke gedrückt: Dieses Auto, das in einer Garage der Kirchheimer Eichmühle stand, wurde von den Wassermassen erwischt.

Diese erinnerten ihn an die Flutkatastrophe, die der Dammbruch im Kirchheimer Seepark am 22. August 1977 angerichtet hat. Damals brach der Staudamm – rund 500 000 Kubikmeter Hochwasser-Stauinhalt ergossen sich in einer bis zu vier Metern hohen Flutwelle insbesondere durch Reimboldshausen, Gershausen, Kirchheim, Kleba, Hattenbach und Niederaula.

Der Dammbruch am Kirchheim Seepark 1977

Eine mit den aktuellen Ereignissen annähernd vergleichbare Katastrophe im Landkreis Hersfeld-Rotenburg ereignete sich am Montag, 22. August, 1977 in Kirchheim. Um 15.25 Uhr brach dort der Damm des Ibrastausees. Der Hochwasser-Stauinhalt des Seeparks Kirchheim von 500 000 Kubikmetern Wasser – das maximale Fassungsvermögen war zu diesem Zeitpunkt um 100 000 Kubikmeter überschritten – ergoss sich in einer bis zu vier Meter hohen Flutwelle im Tal von Ibra und Aula in Richtung der Fulda. „Die Sintflut wälzte sich so schnell in Richtung Kirchheim, dass die Menschen kaum noch Zeit hatten, ihr auf den Weiden grasendes Vieh in Sicherheit zu bringen“, schrieb unsere Zeitung damals. Viele Tiere ertranken – Menschen kamen glücklicherweise aber nicht ums Leben. Der Sachschaden belief sich auf insgesamt 30 Millionen Mark. Mehrere Feuerwehren, das Technische Hilfswerk und andere Hilfsorganisationen waren im Einsatz. Straßen und Keller mussten von Schlamm gereinigt werden. Der Damm wurde 1979 wieder aufgebaut. (pgo)

Komplett leer gelaufen: 500 000 Kubikmeter Wasser ergossen sich am Montag, 22. August, 1977 aus dem Stausee im Kirchheimer Seepark, als dessen Damm – Bildmitte hinten – um 15.25 Uhr barst. Der Inhalt des mit Hochwasser gefluteten Bauwerks wälzte sich als bis zu vier Meter hohe Flutwelle bis nach Niederaula in die Fulda, die dadurch ebenfalls erheblich anstieg.

Wir können auf solche Extrem-Ereignisse nur präventiv reagieren, um vor die Lage zu kommen“, sagt Bloß. Daher gebe es bereits viele Projekte wie zum Beispiel eine dezentrale Energieversorgung durch erneuerbare Energie im Katastrophenfall und die Nutzung von Dorfgemeinschaftshäusern für die Versorgung der betroffenen Bevölkerung mit Essen und Getränken.

Auch die Alarmierung der Bevölkerung über Sirenen solle es wieder flächendeckend geben. „Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde alles, was Katastrophenschutz heißt, zurückgefahren – nun sieht man, dass Vieles wie zum Beispiel Sirenen auch in den kleinen Orten wieder gebraucht werden“, sagt Bloß.

Von Peter Gottbehüt

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