Gesundheitsamt aktueller als RKI

Fragen und Antworten: Warum sich die Corona-Zahlen für den Kreis Hersfeld-Rotenburg so unterscheiden

Jörg Göbel, Mitarbeiter des Fachdienstes Gefahrenabwehr im Landratsamt vor dem Computer.
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Er hat die Zahlen im Blick: Jörg Göbel, Mitarbeiter des Fachdienstes Gefahrenabwehr im Landratsamt, arbeitet das tägliche Infektionsgeschehen im Landkreis für den Verwaltungsstab in Form von Grafiken und einer Übersicht auf. Die Daten zum aktuellen Fallgeschehen erhält er vom Gesundheitsamt – seit einigen Monaten nicht mehr per Handakte (vorn), sondern mithilfe der Software Sormas (linker Bildschirm).

Gesundheitsamt, hessisches Sozialministerium, Robert-Koch-Institut: Wer sich über die Corona-Zahlen im Kreis Hersfeld-Rotenburg informieren möchte, hat die Qual der Wahl.

Hersfeld-Rotenburg - Viele Leser haben sich in den vergangenen Tagen an unsere Redaktion gewandt und gefragt: Wie kann es eigentlich sein, dass RKI, Sozialministerium und Gesundheitsamt unterschiedliche Corona-Zahlen veröffentlichen? Die täglich auftretenden Differenzen lassen sich in der Tat auf den ersten Blick nur schwer nachvollziehen. Wir haben deshalb im Gesundheitsamt in Bad Hersfeld, im Sozialministerium in Wiesbaden sowie im RKI in Berlin nachgefragt. Die Antworten lassen sich in einem Satz zusammenfassen: Hauptursache für die verschiedenen Werte sind die unterschiedlichen Zeiträume, auf die sich die Zahlen beziehen.

Auf welche Zeiträume beziehen sich die Zahlen?

Das Gesundheitsamt veröffentlicht seine Zahlen täglich mit Stand 12 Uhr. RKI und Sozialministerium beziehen sich zwar auf die Angaben aus den jeweiligen Gesundheitsämtern, allerdings mit Stand von 0 Uhr, hängen also zwölf Stunden zurück.

Wie kommen die Zahlen aus dem Gesundheitsamt ins RKI?

Nach Auskunft von Kreissprecher Pelle Faust übermittelt das Gesundheitsamt seine Zahlen über Survnet, die Meldesoftware des Robert Koch-Instituts, an die zentrale hessische Meldestelle, das Hessische Landesprüfungs- und Untersuchungsamt im Gesundheitswesen (HLPUG). Das Amt, das seinen Sitz in Dillenburg hat, sammelt diese Daten aus allen hessischen Gesundheitsämtern in digitalisierter, anonymisierter Form, wie die Corona-Pressestelle des hessischen Sozialministeriums mitteilt – wohlgemerkt mit Stand 0 Uhr. „Das HLPUG meldet täglich am Abend die Daten an das RKI, die ihm die 24 Gesundheitsämter bis dahin gemeldet haben“, so die Auskunft aus dem Sozialministerium. Übermittelt werden die Daten ans RKI auch über Survnet. Das HLPUG erstellt aus den Zahlen täglich ein Bulletin, welches das Sozialministerium auf seiner Internetseite veröffentlicht. „Das bedeutet, die veröffentlichten Daten im Bulletin sind identisch mit den Daten des RKI“, heißt es aus der Corona-Pressestelle in Wiesbaden.

Und welche Zahlen sind nun die aktuelleren?

Klare Antwort: Die Zahlen des Gesundheitsamts sind die aktuellsten. Das bestätigen übrigens auch RKI und Ministerium. Wenn also heute Abend in den Fernsehnachrichten die Sieben-Tage-Inzidenz oder die Infektionszahlen für Hersfeld-Rotenburg genannt werden, sind das die Zahlen, die das Gesundheitsamt bereits gestern Mittag gemeldet hat.

Die Inzidenz ist ja immer noch eine wichtige Zahl, wenn es um Alltagsbeschränkungen und Lockdown-Lockerungen geht. Welcher Inzidenzwert ist dafür entscheidend: der vom RKI oder der vom Gesundheitsamt?

Entscheidungsrelevant für das Land Hessen sind laut Sozialministerium die täglichen Meldezahlen des HLPUG beziehungsweise des RKI. Aber: „Die Verantwortung für die Durchführung von regionalen Maßnahmen liegt bei den Gebietskörperschaften (also beim Landkreis, d. Red.) selbst, die über ihre Situation, unabhängig von den Meldezahlen, am besten Bescheid wissen und Zahlendiskrepanzen dokumentieren und erklären können“, so das Ministerium.

Wie groß sind denn die Unterschiede?

Das kommt drauf an. Mal unterscheiden sich die Zahlen nur marginal, mal erheblich. Nehmen wir ein Beispiel aus der vergangenen Woche, als die Diskrepanz besonders verwirrend war. Für den 12. April (12 Uhr) meldete das Gesundheitsamt Hersfeld-Rotenburg:

.  Neuinfektionen: 59

.Todesfälle: 2

.  7-Tage-Inzidenz: 236,6

.  Fälle insgesamt: 4707

.  Todesfälle insgesamt: 143

Sozialministerium und RKI veröffentlichten diese Zahlen (12. April, Stand: 0 Uhr):

.  Neuinfektionen: 71

.  Todesfälle: 0

.   7-Tage-Inzidenz: 248,5

.   Fälle insgesamt: 4709

.   Todesfälle insgesamt: 136

Auffällig ist, dass das RKI an diesem Tag unter anderem mehr Neuinfizierte und eine höhere Gesamtfallzahl als das Gesundheitsamt hatte, obwohl das RKI bei den Zahlen zwangsläufig hinterherhinkt. Dafür fehlten in den RKI-Zahlen sieben Corona-Tote. Logisch ist das alles nicht. Auch lassen sich diese Angaben nicht durch die Zahlen des Gesundheitsamtes vom Vortag erklären.

Abgesehen von den unterschiedlichen Meldezeiten: Sind weitere Gründe denkbar, die dazu führen könnten, dass die Zahlen nicht identisch sind?

Ja. Das Sozialministerium weist etwa darauf hin, dass es auch zu „Übermittlungsproblemen, zum Beispiel aufgrund technischer Schwierigkeiten kommen“ könne. Das führe dazu, dass die positiven Tests im Gesundheitsamt schon erfasst, aber noch nicht an das HLPUG gemeldet würden. HLPUG und RKI weisen deshalb auch regelmäßig darauf hin, wenn Zahlen wegen Übermittlungsproblemen unter Umständen nicht den aktuellen lokalen Stand des Infektionsgeschehens widerspiegeln.

Für die Berechnung der Sieben-Tage-Inzidenz spielt die Einwohnerzahl eine wichtige Rolle. Gibt es auch da verschiedene Herangehensweisen?

In der Tat, ja. Das RKI verwendet laut Sprecherin Susanne Glasmacher „die aktuellsten Zahlen, die das Statistische Bundesamt für alle Kreise anbietet“. Diese Zahlen stammen allerdings von Ende 2019. Damals lebten im Kreis Hersfeld-Rotenburg 120 719 Menschen. Glasmacher: „Es ist natürlich sinnvoll, dass diese Angaben auch vom Kreis verwendet werden.“ Dem ist aber nicht so. „Bei der Berechnung des tagesaktuellen Inzidenzwerts beziehen wir uns auf die vom Statistischen Landesamt kommunizierten Daten des jeweils am kürzesten zurückliegenden Zeitpunkts“, so Kreissprecher Pelle Faust. Die Statistiker in Wiesbaden aktualisieren quartalsweise die Einwohnerzahlen auf Kreisebene. Die neuesten stammen von 30. September 2020. Demnach sind im Kreis inzwischen 523 Einwohner weniger gemeldet, nämlich nur noch 120 196 – diese Zahl legt auch der Landkreis für die Inzidenz zugrunde. Allein aufgrund der unterschiedlichen Einwohnerzahlen ergibt sich also schon eine andere Inzidenz. Ein Beispiel: Der Landkreis meldete am gestrigen Mittwoch eine Inzidenz von 271,2. Das RKI würde mit den veralteten Einwohnerzahlen auf 270 kommen.

Fließen die Schnelltests für zuhause eigentlich auch in die Statistik ein?

Nein. Laut RKI werden nur positive Tests als Neuinfektionen berücksichtigt, bei denen ein labordiagnostischer Nachweis vorliegt, etwa per PCR-Test: „Werden im Laufe der Infektion mehrere Laboruntersuchungen durchgeführt, werden diese an das Gesundheitsamt gemeldet und dort zu einem Covid-19-Fall zusammengefasst.“ (Sebastian Schaffner)

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