Kaum Platz für neue Patienten

Frau mit Krebsverdacht abgewiesen: Ärzte in Hersfeld-Rotenburg ausgebucht

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Für einen Termin beim Facharzt müssen Patienten in Hersfeld-Rotenburg bis zu acht Wochen warten - oder werden ganz abgelehnt. So auch eine Frau aus Oberaula mit Krebsverdacht.  

Einige Ärzte nehmen inzwischen gar keine neuen Patienten mehr an. Andere akzeptieren nur Neuzugänge aus dem Landkreis Hersfeld-Rotenburg. Letzteres ist einer Patientin aus Oberaula passiert. 

Sie erhielt kurz vor Weihnachten eine unklare Diagnose mit Krebsverdacht und eine Überweisung zum Urologen. Im Schwalm-Eder-Kreis hatten die entsprechenden Praxen über die Feiertage geschlossen, geöffnet hatte lediglich die urologische Praxis in Bad Hersfeld. Dort wurde sie jedoch mit dem Hinweis, das Oberaula nicht im Kreis Hersfeld-Rotenburg liege, abgewiesen.

Praxis ist an der Grenze der Auslastung angekommen

Dr. Thomas Schindler bestätigt, dass es in seiner Praxis eine solche Regelung gibt, räumt aber auch ein, dass das eine sehr ungünstige Situation sei. Die Praxis sei an der Grenze ihrer Auslastung angekommen, erklärt Schindler. Es fehle vor allem an Assistenzpersonal. „Wir müssen uns aufs Nötigste konzentrieren“, stellt Schindler klar.

Die Lage sei ganz allgemein schwierig, betont Dr. Martin Ebel, der Sprecher der Hausärzte im Landkreis Hersfeld-Rotenburg. Es gebe immer weniger Ärzte und immer mehr Betreuungsbedarf der älter werdenden Patienten. Er spricht von Wartezeiten auf einen Termin von mehreren Wochen bis zu Monaten. 

Sinnvoll wäre deshalb nach Ebels Meinung ein Primärarztsystem beziehungsweise eine hausarztzentrierte Versorgung, bei der der Hausarzt zum Facharzt überweist, damit dort auch nur die Patienten ankommen, bei denen es nötig ist, und nicht all diejenigen, die sich selbst überweisen.

Dr. Martin Ebel bestätigt, dass es ein Problem sei, qualifiziertes Praxispersonal zu finden und auch zu behalten. „Wir haben es mit hochqualifizierten Leuten zu tun, die sollte man gut behandeln“, sagt er.

Bedarfsplanung für Ärzte stammt aus den 1970/80er Jahren

Die urologische Praxis der Ärzte Hans-Joachim Schilling, Thomas Schindler und Kerstin Bringezu-Schröder in Bad Hersfeld ist nicht die einzige Facharztpraxis, die an ihren Kapazitätsgrenzen angelangt ist. Andere Praxen nehmen schon gar keine neuen Patienten mehr auf. 

Ein Problem erkennt Dr. Schindler darin, dass die Bedarfsplanung für die ärztliche Versorgung aus den 1970/80er Jahren stamme. Heute gebe es einfach zu wenige Fachärzte für die Zahl der Patienten. Durch die Gründung von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ), die ans Klinikum Hersfeld-Rotenburg, das Kreiskrankenhaus Rotenburg oder den Asklepios-Konzern angegliedert sind, wird schon seit Jahren versucht, dem Ärztemangel zu begegnen. 

Doch wer in Eigenregie in der eigenen Praxis arbeite, der habe eine andere Schlagzahl, als angestellte Ärzte, hat Dr. Martin Ebel beobachtet. Er selbst versucht deshalb, junge Ärzte für die Region zu gewinnen. Projekte, wie die Hausarztakademie, wo Landkreis, Kliniken und niedergelassene Ärzte zusammenarbeiten, sollen ebenfalls die Ansiedlung von jungen Ärzten fördern.

Abhilfe könnte der Hausarzt als Patienten-Schleuse schaffen

Ein wenig Entspannung bei den Terminen könnten zudem nach Dr. Ebels Überzeugung eine hausarztzentrierte Versorgung bringen. Das bedeutet, dass die Patienten zunächst zu ihrem Hausarzt gehen, der sie und ihre gesundheitlichen Probleme kennt. Der Hausarzt überweist dann bei Bedarf an den zuständigen Facharzt. 

Schwierig sei es jedoch mit Patienten, die sogenanntes „Doktor-Hopping“ betreiben, also von Arzt zu Arzt ziehen, wenn sie mit einer Diagnose nicht zufrieden seien. Da könne sich kein gewachsenes Vertrauensverhältnis entwickeln und jeder Arzt sei aufs Neue gefordert, eine Diagnose zu erstellen. 

Eine wichtige Aufgabe falle laut Dr. Ebel zudem dem Praxispersonal zu, das den ersten Kontakt mit den Patienten habe und erfragen beziehungsweise erspüren und dann sortieren müsse, ob die Behandlung der Beschwerden des Patienten aufschiebbar, notwendig oder gar lebenswichtig sei. „Das ist eine hohe Leistung von den Mitarbeitern“, sagt Ebel, der auf einen wertschätzenden, kooperativen Führungsstil setzt, um seine guten Leute auch zu behalten.

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