Waldschutz durch Wildschuss?

Frühes Schonzeit-Ende verärgert Jäger in Hersfeld-Rotenburg

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Vor dem Abschuss sicher sind Rehe im April seit einer neuen Jagdverordnung nicht mehr.

Eine verstärkte Jagd auf Reh- und Rotwild soll Hessens Wälder wieder wachsen lassen. Eine entsprechende Verordnung bringt Jäger in Hersfeld-Rotenburg auf die Barrikaden. 

Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) hat eine neue Jagdverordnung unterzeichnet, die vergangene Woche in Kraft getreten ist. Künftig dürfen Rot- und Rehwild bereits ab April (vorher ab Mai) in Hessen gejagt werden. Zum Schutz junger Bäume, die von diesen Tieren gern gefressen werden, soll das Wild intensiver bejagt werden. Was Förster an der Verordnung befürworten, bringt Jäger auf die Barrikaden.

Dürre, Stürme und Borkenkäfer haben Hessens Wälder stark geschädigt. Dass sich vermehrt um den Wald gekümmert werden muss, ist sowohl Jägern als auch Förstern bewusst.

Dennoch warnt der Landesjagdverband, dass Jagd nicht das Allheilmittel für einen aufkommenden Wald sei. „Ausschließlich auf wirtschaftliche Interessen ausgerichtet, soll eine verfehlte Forstpolitik auf dem Rücken des Wildes ausgetragen werden“, sagt Alexander Michel, Geschäftsführer des Landesjagdverbands Hessen (LJV).

Der LJV hätte bereits im vergangenen Jahr ein Vier-Punkte-Papier vorgelegt, nachdem die Bejagung schwerpunktmäßig dort erfolgen soll, wo Schäden im Wald festgestellt wurden und an Neuanpflanzungen. Im Gegenzug sollten in weniger gefährdeten Waldbereichen Wildruhezonen mit Grünlandflächen zur Äsung eingerichtet werden.

Rehe bringen im Mai ihre Kitze zur Welt

Auch Dr. Dietrich Karpa, Jäger und Alheimer Hegeringleiter, kritisiert die Verordnung. Die erweiterte Jagdzeit erhöhe den Stress, auch bei allen anderen Tieren. Gerade jetzt bräuchten die hochträchtigen Rehe, die im Mai Kitze zur Welt bringen, besonders viel Ruhe. Dazu erhöhe die Verordnung das Risiko, statt eines Schmalrehs (einjähriges weibliches Reh) eine trächtige Ricke, die ein fast vollständig entwickeltes Kitz in sich trägt, zu erlegen.

„Ein erhöhter Jagddruck wird sich negativ und nicht positiv auf die Schäden im Wald auswirken“, glaubt Karpa. Denn werde das Wild vermehrt beunruhigt, ziehe es nicht mehr auf seine gewohnten Wiesen zum Fressen und bliebe verängstigt im Wald. Dann fingen Rehe und Rotwild an, Futter im Wald zu suchen, wie Baumrinde oder Knospen junger Bäume – es passiere das, was mit die neuen Verordnung eigentlich verhindert werden soll. Deshalb schlägt Karpa vor: „Es müssen Ruhezonen für das Wild geschaffen werden, dann senken sich auch die Schäden von Reh- und Rotwild im Wald.“

"Das Wild wird unnötig unter Stress gesetzt"

Auch Wilfried Marchewka, Vorsitzender des Kreisjagdvereins Hersfeld, sieht keine Sinnhaftigkeit in der Verordnung: Jäger und Förster würden durch die Verordnung nicht mehr Reh- und Rotwild schießen dürfen, sondern es verlängere sich nur der Zeitraum zum Bejagen der Tiere. „Wir haben die vorgegebene Anzahl an Tieren vorschriftsgemäß erlegt in den letzten Jahren. Deshalb wird nichts an der Anzahl der Tiere geändert, die geschossen werden darf. Das Wild wird nur unnötig unter Stress gesetzt.“

Für Wilfried Marchewka gehören Wald und Wild zusammen. Die neue Verordnung zeige jedoch, dass der Wald für manche Politiker über dem Wild stehe. „Der Wald wächst nicht davon, dass wir Jäger schießen!“

Beide Jäger, Wilfried Marchewka und Dr. Dietrich Karpa, sind sich einig: Kein Jäger muss im April anfangen zu jagen. Jeder könne selber entscheiden, wie er sich den Tieren gegenüber verhält.

Förster begrüßen die Verordnung

Die meisten Förster hingegen begrüßen die Verordnung der schwarz-grünen Landesregierung. „Nach Jahren der Dürre, schweren Stürmen und Borkenkäferbefall herrscht eine gigantische Katastrophe in unseren Wäldern“, sagt Kersten Eidam, Förster des Forstamtes Bad Hersfeld. 

Die freien Flächen, auf denen einmal Bäume standen, versuche man jetzt wieder zu bepflanzen. Nur durch eine gezielte Bejagung von Reh- und Rotwild bekämen die Pflanzen eine Chance zu wachsen, erklärt der Förster. Die Waldbewohner würden zwar stärker beunruhigt werden, dafür habe das Forstamt zweimal im Jahr eine Jagdruhezeit eingeführt, in der das Wild nicht geschossen wird. „Die Wälder haben sich stark verändert in den letzten Jahren, jetzt müssen wir das Wild an diese Situation anpassen.“ Wer sich nicht sicher sei, ob ein weibliches Stück Reh- oder Rotwild trächtig ist, solle im Zweifelsfall niemals schießen. 

Auch dem Forstamtsleiter in Rotenburg, Dr. Hans-Werner Führer, kommt die neue Verordnung zugute: „Im Februar und März wurden die ersten Bäume in den Rotenburger Revierförstereien gepflanzt. Wir müssen das Wild jetzt versuchen von diesen Flächen fernzuhalten, sonst war die ganze Arbeit umsonst.“ Deshalb hätten die Förster im Forstamt Rotenburg bereits in der zweiten Aprilwoche mit der Jagd auf Rehe und Rotwild begonnen, sagt Dr. Führer.

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