Bezirkskantor Zierenberg leitete Konzert

Gedenken an Dreißigjährigen Krieg: Konzert in Rotenburger Jakobikirche

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Klangvolle Hoffnungszeichen im Angesicht von Tod und Zerstörung: In der Rotenburger Jakobikirche präsentierten Kammerchor und Kammerensemble ein Konzert mit „Musik in Zeiten des Krieges“. 

Musik aus Zeiten des Dreißigjährigen Krieges wurde kürzlich in der Rotenburger Jakobikirche aufgeführt. Der Beginn des Krieges jährt sich zum 400. Mal.

Rotenburg. Trost, Hoffnung und Zuversicht – was sonst bringt Menschen dazu, sich selbst und die Welt nicht auf- und verloren zu geben, sondern immer wieder Neuanfänge zu wagen, auch nach nahezu apokalyptisch anmutenden Ereignissen? Eine kleine Ahnung dessen, was angesichts großer Katastrophen tragen kann, schien im Konzert „Musik in Zeiten des Krieges“ auf.

400 Jahre nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges standen in der Rotenburger Jakobikirche Kompositionen von Heinrich Schütz (1585-1672), Johann Hermann Schein (1586-1630) und Matthias Weckman (1619-1674) auf dem Programm, die alle drei den Krieg er- und überlebt haben und die auch persönlich miteinander verbunden waren. Die 15 Sängerinnen und Sänger des Kammerchores im Kirchenkreis Rotenburg und ein sechsköpfiges Kammerensemble zogen unter der Leitung von Bezirkskantor Christian Zierenberg die Zuhörenden in ihren Bann. Dem Ensemble verliehen vor allem die Gamben seine charakteristische Klangfarbe. Außerdem wussten auch die Solisten Anna Palupski (Sopran) und Jochen Faulhammer (Bass) zu überzeugen.

Mit viel Feingefühl für die sehr unterschiedlichen Affekte, die von tiefster Trauer und Verzweiflung bis hin zu Lebensfreude, überbordender Hoffnung und tiefster Friedenssehnsucht reichten, interpretierten die Musiker in dem von Zierenberg sehr klug aufgebauten Programm die Werke der drei Komponisten. Den Rahmen bildeten vier zum Teil sehr tänzerisch angelegte Sätze aus Johann Hermann Scheins „Banchetto musicale“ aus dem Jahr 1617, das seine Ursprünge in der Musik der Renaissance nicht verleugnet, aber auch den Übergang in die Zeit des Frühbarock bereits in sich trägt.

In den vokalen Werken aus Scheins Sammlung „Fontana d’Israel“ und aus Heinrich Schütz’ „Geistlicher Chormusik“ stand vor allem der fünfstimmige Chor im Mittelpunkt, der die komplexen und intonatorisch heiklen Werke ausgesprochen transparent und lebendig interpretierte. Lediglich leicht gestützt durch Rainer Volgmann an der Truhenorgel und Martin Fliege am Cello, brachten die Sängerinnen und Sänger die sehr eindrücklichen und musikalisch innovativen Werke zum Leuchten und zeigten dabei eine beeindruckende Ensembleleistung.

Ergänzt wurde die Musik durch den Vortrag des Marburger Historikers und Orgelsachverständigen Prof. Dr. Gerhard Aumüller, der die Komponisten und die Werke auch in Beziehung zueinander und zur Region setzte: Die Auswirkungen des Krieges waren in Nordhessen deutlich zu spüren, die Kämpfe zentrierten sich in der Mitte Deutschlands, es kam zur Besetzung durch schwedische und kroatische Truppen, die jeweils eine Spur der Verwüstung hinterließen, von der auch Rotenburg nicht verschont blieb.

Mit beklemmender Intensität entwickelte die Musik ihre überzeitliche Bedeutung. Nicht nur die Zeit des Dreißigjährigen Krieges schien auf. In ihrer tiefen Emotionalität, die ganz ohne aufgesetzte Sentimentalitäten auskam, machten die Kompositionen die ganz universellen Aspekte menschlicher Auseinandersetzung mit Krieg, Tod, Friedenssehnsucht und Trauer deutlich, die auch angesichts zweier Weltkriege im 20. Jahrhundert und der Bilder von Gewalt und Zerstörung in unserer Gegenwart ihre Aktualität nicht eingebüßt haben. Die Interpretation der Schütz-Motette „Verleih uns Frieden“, die Zierenberg ganz an den Schluss gestellt hatte, gewann damit besondere Eindringlichkeit.

Von Ute Janßen

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