Bald hat er seinen Realschulabschluss in der Tasche

Gholam aus Afghanistan erzählt seine Geschichte

Gholam engagiert sich vielen Bereichen: Als Dolmetscher, im Jugendzentrum und bei der Verkehrswacht. Foto:  Schankweiler-Ziermann

Rotenburg. Er war noch 16, als seine Familie ihn allein Richtung Europa schickte. Er sei in Gefahr gewesen, erzählt Gholam. Für die ganze Familie hätte das Geld für die Flucht nicht gereicht.

Schweden sei ein gutes Ziel, hatten ihm damals Landsleute aus Afghanistan geraten. Über den Iran, die Türkei, Griechenland, Oberitalien und mit einer Fahrkarte Paris-Hamburg kam er nach rund einem Jahr schließlich nach Deutschland. Er wurde im Zug aufgegriffen – damit war seine Flucht beendet. „Ich bin einfach hier gelandet“, sagt Gholam.

Jetzt ist er 22 Jahre alt und ihm fehlt die Unbeschwertheit seiner Altersgenossen, wenn er von seinen Plänen erzählt. Obwohl er vor fünf Jahren noch kein Wort Deutsch gesprochen hat, beendet er in wenigen Tagen die Berufsfachschule am Obersberg mit dem Realschulabschluss. „Die Sprache war schwer. Ich habe immer versucht, nicht aufzugeben“, sagt er. Nach einem Jahr Sprachkurs hatte er in weiteren zwei Jahren den Hauptschulabschluss in Bebra geschafft.

Jetzt möchte er sich beim DRK in Bad Hersfeld zum Notfallsanitäter ausbilden lassen. „Ich möchte Menschen helfen“, erzählt Gholam, der sich schon im Schulsanitätsdienst engagiert hat. Wichtig ist für ihn auch, dass er mit diesem Beruf in jedem Land arbeiten kann.

„Man weiß ja nicht, wo man später einmal ist“, sagt der 22-Jährige. Er hat bisher kein Asyl in Deutschland erhalten, nur ein Abschiebeverbot. Andere Flüchtlinge aus seiner Heimat werden in diesen Tagen wieder zurückgeschickt. Gholam aber sagt: „Afghanistan ist nicht sicher. Jeden Tag werden auf der Straße Menschen umgebracht, und keiner fragt: Warum?“, erklärt der junge Afghane. Es werde immer schlimmer.

Aber er hofft. Wenn dort Frieden wäre, würde er zurückgehen. Doch seit 40 Jahren herrscht Krieg in Afghanistan. Gholam möchte deshalb in Deutschland bleiben. „Wenn ich darf“, fügt er hinzu.

In seinem Heimatort im Norden des Landes leben seine Mutter, zwei Schwestern und ein Bruder, von seinem Vater hat er keine Informationen. Die Taliban hätten dort das Sagen, berichtet er. Sein jüngerer Bruder (18) ist der Ernährer der Familie. Seine Mutter und die beiden Schwestern können das Haus wegen der Taliban nicht verlassen und auch kein Geld verdienen.

Mit der Mutter und den Geschwistern telefoniert er ein- bis zweimal im Monat. Man müsse aufpassen, was man sage, deutet Gholam an. Eine Internetverbindung hat seine Familie nicht. Er vermisst sie. Er hat Tränen in den Augen.

Sein Rezept gegen die Sehnsucht ist Beschäftigung. Seit drei Jahren hat er eine eigene kleine Wohnung, wäscht, putzt und kocht selbst. In einer Ecke steht eine blühende rosa Pfingtsrose. Gholam liebt Blumen. In seiner Heimat sei es sehr grün, erzählt er. Dort wachse alles, auch viel Gemüse.

In seiner Freizeit spielt der 22-Jährige Fußball bei der FSG Bebra und geht ins Fitnessstudio. Er ist Mitglied bei der Verkehrswacht, hilft im Verkehrsgarten bei der Schulung der Kinder und auch im Jugendzentrum. Wird ein Übersetzter für Persisch oder Paschtun gebraucht, steht er gerne zur Verfügung. Als Muslim gehört er der schiitischen Glaubensrichtung an, die mit einer Gemeinde in Bad Hersfeld vertreten ist, und die er besucht.

„Was wirklich in Afghanistan passiert, sieht man im Fernsehen nicht. Jeden Tag werden Leute auf der Straße umgebracht, und keiner fragt: Warum?“

„Ich bin froh, dass ich hier bin“, sagt Gholam, der einfach in ein sicheres Land und zur Schule gehen wollte. Er war überrascht von den Gesetzen, die es hier gibt, alles sei geregelt. Und dass man in Deutschland als Mensch akzeptiert werde, egal welche Hautfarbe man habe.

Gholam würde gerne Arzt werden, aber das erzählt er erst, als er danach gefragt wird. Jetzt ist er erstmal sicher – das ist neben der Ausbildung das Wichtigste.

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.