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Großes Chorsterben ist im Kreis Hersfeld-Rotenburg trotz Corona ausgeblieben

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Von: Clemens Herwig

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Unser Archivbild zeigt den Obersberg-Chor unter der Leitung von Ulli Meiß in der Bad Hersfelder Stadtkirche.
Foto aus unbeschwerten Tagen: Unser Archivbild zeigt den Obersberg-Chor unter der Leitung von Ulli Meiß in der Bad Hersfelder Stadtkirche. © Thomas Landsiedel

Das befürchtete Chorsterben ist in den beiden Sängerkreisen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg trotz Corona-Zwangspausen ausgeblieben. Sechs Chöre haben ihre Mitgliedschaft beendet.

Hersfeld-Rotenburg – Wenn die Chöre und Gesangvereine des Landkreises am Wochenende in Bebra beim Bundessängertag zusammenkommen, ist es für viele das erste große Stelldichein seit zwei Jahren. Gerade zu Beginn der Corona-Pandemie galt Singen als „gefährliches Hobby“. Befürchtet wurde, dass viele Aktive nur zögerlich oder überhaupt nicht aus den Zwangspausen zurückkehren, die Sängergruppen härter trafen als andere Vereine.

Nun geben die Sängerkreise in Hersfeld-Rotenburg ein Stück weit Entwarnung.

„Es war hart, aber wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“, sagt Vorsitzender Marco Gerke vom Sängerkreis Alheimer. Seit Pandemiebeginn hätten drei Chöre ihre Mitgliedschaft beendet – das Aus habe sich wegen Überalterung, mit der viele Sängergruppen zu kämpfen haben, allerdings bereits abgezeichnet. Corona sei daher nur der Tropfen gewesen, „der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“. Derzeit verzeichnet der Sängerkreis noch 933 Aktive in 33 Chören – zu Beginn der Pandemie waren es 1028 Sängerinnen und Sänger.

„Es war eine furchtbare Zeit“, sagt Ulrich Meiß über die zurückliegenden zwei Jahre. Weil der Probenbetrieb größtenteils brach lag, spricht der Kreischorleiter des Sängerkreises Hersfeld von einem „Einschnitt, den es in diesem Ausmaß noch nicht gegeben hat“. Nach der langen Durststrecke befürchtet Meiß, dass auch die musikalische Qualität gelitten hat. Seit 2020 hat der Sängerkreis Hersfeld mit derzeit 1357 Aktiven zwei Chöre verloren, was nicht allein Corona geschuldet sei. Zu Beginn der Pandemie sangen noch 1454 Aktive in 54 Chören.

Sorge bereitet den Sängern nicht nur der Erhalt des Status quo, sondern der dringend benötigte Nachwuchs: „Wir haben zwei Jahre verschenkt“, bedauert Marco Gerke. Ulrich Meiß sagt: „Nachwuchs kann ich nur gewinnen, wenn ich mit meinem Produkt auch werben kann.“ Dennoch herrsche endlich wieder Aufbruchstimmung bei den Chören im Landkreis. An den Herbst will Meiß noch nicht denken: „Dann könnte ich mich nicht am Frühjahr erfreuen.“

Großes Stelldichein der Sänger in Bebra

Der Bundessängertag ist die große Zusammenkunft des Mitteldeutschen Sängerbundes (MSB) mit Vereinen aus 19 Sängerkreisen in Nordhessen und Südniedersachsen. Er findet – coronabedingt im dritten Anlauf – in Bebra statt. Am Samstag dürfen sich Besucher ab 19.30 Uhr auf den „Bunten Abend mit Sängerball“ im Lokschuppen freuen. Der Eintritt ist frei. Der MSB hat 23 245 Mitglieder (2020: 26 236) und bietet ein Dach für 465 Chöre – vor Beginn der Pandemie waren es 509. (cig)

In den Chören in Hersfeld-Rotenburg herrscht Aufbruchstimmung

Wenn Ulrich Meiß am kommenden Montag mit den Sängerinnen und Sängern der Bad Hersfelder Obersbergschule mit dem Proben beginnt, gehört er damit zu den Ersten im Sängerkreis Hersfeld. „Die meisten Chöre sind noch nicht am Start“, sagt der Kreischorleiter. Mit Blick auf die Inzidenzen seien viele vorsichtig und verharrten in einer Schockstarre. Aber: „Corona hat die Chöre nicht zerstört“, betont Meiß. Langsam mache sich eine gewisse Aufbruchstimmung breit.

Vor allem das zweite Corona-Jahr sei für viele Sänger eine Herausforderung gewesen: Während 2020 damit gefüllt war, sich mit der Situation zu arrangieren und Alternativangebote zu entwickeln, habe sich im vergangenen Jahr eine „tiefe Resignation“ breitgemacht.

Dass diese nicht in einem Chöresterben gegipfelt sei, liege auch an einer Trotzreaktion: „Viele haben sich gesagt: Jetzt erst recht“, so der Kreischorleiter.

Einen wichtigen Teil der Sängerfreude – die Geselligkeit – hätten sich viele Vereine bei Treffen im Freien und ohne Singen erhalten. Wie tief der Stachel sitzt, dass Chorgesang in Corona-Zeiten mitunter kritisch beäugt wird, müsse sich noch zeigen. Sängergruppen hatte es bei coronabedingten Beschränkungen meist härter getroffen als andere Vereine.

Ulrich Meiß hofft darauf, dass die Chöre motiviert aus der Zwangspause zurückkommen, „weil das Singen so gefehlt hat“.

Der erste Kreissängertag im Sängerkreis Hersfeld seit Pandemiebeginn soll im Juni stattfinden.

Der Sängerkreis Alheimer, in dem Vereine aus den Landkreisen Hersfeld-Rotenburg und Werra-Meißner vertreten sind, hat sich bereits Mitte März getroffen – die ersten Chöre hatten die Lockerungen im Frühjahr genutzt, um wieder mit dem Proben zu beginnen. Auch Vorsitzender Marco Gerke betont, dass besonders das zweite Corona-Jahr den Sängern zugesetzt hat: „Irgendwann schwindet die Zuversicht“.

Den Zusammenhalt habe die Pandemie allerdings nicht einbrechen lassen – ebenso wenig wie die Zahl der Aktiven. „Wir haben jedes Jahr einen gewissen Mitgliederschwund, das ist einfach so. Im Vergleich mit anderen Sängerkreisen sind wir noch gut weggekommen“, sagt Gerke, der auch Beisitzer im Mitteldeutschen Sängerbund (MSB) ist.

Wie bereits 2021 will der Sängerkreis auch in diesem Jahr seinen Mitgliedern die Beiträge erlassen. „Wir müssen das Fördergeld an die Vereine weitergeben“, sagt Gerke. Die fehlenden 7500 Euro – zusammen mit den Ausgaben für den Bundessängertag – werde der Sängerkreis allerdings spüren.

Auch bei den Vorbereitungen für das Stelldichein in Bebra macht sich Corona weiterhin bemerkbar: Von den ursprünglich sechs Chören, die beim Sängerball im Lokschuppen unterhalten sollten, mussten zwei wegen zu kurzer Vorbereitungszeit absagen. Zwei weitere passen wegen coronabedingten Ausfällen.

Der Sängerkreis-Vorsitzende wirbt dennoch: „Kommt und unterstützt uns, auch wenn eure Chöre nicht auftreten.“ Es gehe darum, ein Lebenszeichen zu senden. (Clemens Herwig)

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