Was macht eine Beauftragte für Asylverfahren?

Handeln statt mitleiden: Denise Entian betreut Asylbewerber in Rotenburg

Ansprechpartnerin: Denise Entian arbeitet als Asylverfahrensbeauftragte beim Zweckverband der Diakonie und ist zuständig für die Flüchtlinge in der Erstaufnahmeeinrichtung in Rotenburg. Foto: Schäfer-Marg

Rotenburg. „Die Schicksale, die mir begegnen, sind oft sehr heftig“, sagt Denise Entian. Die 31-Jährige begleitet die Flüchtlinge in der Rotenburger Erstaufnahmeeinrichtung durch den Bürokratie-Dschungel.

Seit vergangenem Herbst ist sie Asylverfahrensbeauftragte im Zweckverband der Diakonie. Zu den Aufgaben von Denise Entian gehört es, mit den Asylbewerbern die Bescheide des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zu besprechen. „Das ist nötig, weil die Betroffenen diese Bescheide oft nicht verstehen - sowohl sprachlich als auch inhaltlich“, erklärt sie. Vor allem müssen die Konsequenzen mit den Flüchtlingen besprochen werden.

Zugang zum Rechtssystem: Misshandlungen aufdecken

Dazu gehört immer auch, den Asylbewerbern den Zugang zum deutschen Rechtssystem zu ermöglichen, sie gegebenenfalls auf ihr Widerspruchsrecht hinzuweisen und sie an Fachanwälte weiterzuleiten. Gemeinsam mit den Flüchtlingen erarbeitet Denise Entian auch Berichte und Dokumentationen über deren Verfolgung im Heimatland, auch zum Beispiel über Folterer sowie über die Flucht.

„Es geht darum, Details festzustellen: Was ist passiert? Wann ist es passiert? Gibt es Namen der Täter?“, berichtet die junge Frau weiter. Manchmal gebe es Handyfotos von Misshandlungen, manchmal auch Fotos im Internet, auf denen man erkennt, dass sich die Geflohenen oppositionell engagiert hatten.

Protokolle der persönlichen Schicksale versucht sie auch mit Flüchtlingen zu erarbeiten, die ganz neu in Deutschland sind, also noch keinen Antrag auf Asyl gestellt haben. „Das ist ein ganz schwieriger Bereich", weiß Denise Entian. „Man muss aufpassen, dass es kein Flashback gibt“, also Flüchtlinge die grauenvollen Situationen emotional erneut erleben. Damit dies nicht passiert, wurde Denise Entian im Traumazentrum Kassel geschult. Dennoch hat sie schon erlebt, dass eine Frau unter der Last der Erinnerungen zusammenbrach.

Es gelang Denise Entian am Ende doch, die Frau auf das Interview vorzubereiten, das BAMF-Mitarbeiter mit den Asylbewerbern führen, um dann über deren Aufenthaltsstatus zu entscheiden. Auch auf die rechtlichen Möglichkeiten während dieses Gesprächs weist die Beraterin Asylbewerber hin.

Abschiebungen zu pauschal - vielen droht erneute Verfolgung

Entscheidungen über die Schicksale empfindet Denise Entian oft als zu pauschal. Man schicke manchmal Menschen in vermeintlich sichere Herkunftsländer zurück, ohne dass deren persönliche Situation berücksichtigt werde. Ihnen drohe durchaus erneut Verfolgung, wenn sie nicht dem „richtigen“ Clan oder der herrschenden Ethnie angehöre.

Ihre bisherigen Erfahrungen als Asylverfahrensberaterin beschreibt sie durchweg positiv. Das führt sie auch auf ihre fachlich-professionelle Arbeitsweise zurück. „Die Schicksale der Menschen berühren mich. Aber ich versuche Handlungs- und Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen und die Betroffenen zum selbstständigen Handeln zu ermutigen. Es bringt nichts, wenn ich vor Mitleid zerfließe und Versprechungen mache, die ich nicht einhalten kann.“

Unterstützung bekommt Denise Entian im Flüchtlingsteam des Zweckverbands der Diakonie. Wöchentlich treffen sich alle Mitarbeiter, tauschen sich aus und sprechen sich ab. Über ihre Arbeit sagt die Rotenburgerin: „Das ist genau mein Ding.“

Zur Person

Denise Entian wurde 1985 in Rotenburg geboren und wuchs in der Fuldastadt auf. Nach dem Abitur studierte sie Internationales Politikmanagement in Bremen und arbeitete anschließend in Berlin. 2012 kehrte sie zurück in ihre Heimatstadt und betrieb dort mit ihrem Lebensgefährten die Gaststätte Galerie. Seit Oktober 2016 arbeitet sie beim Zweckverband der Diakonie. In ihrer Freizeit spielt Denise Entian Badminton und praktiziert Yoga.

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