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Hausärzte protestieren auch in Hersfeld-Rotenburg gegen Leistungskürzungen

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Von: Daniel Göbel

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Stethoskop hängt um den Hals einer Person, die einen weißen Arztkittel trägt
Auch die Hausärzte im Landkreis beteiligen sich am morgigen Mittwoch an einer Protestaktion und lassen ihre Praxen geschlossen. © Symbolfoto: Rolf Vennenbernd/dpa

Die Hausärzte im Landkreis Hersfeld-Rotenburg lassen am morgigen Mittwoch im Zuge einer bundesweiten Protestwelle ihre Praxen geschlossen. Zwei Hausärzte sprechen über die Hintergründe.

Hersfeld-Rotenburg – Mit den geschlossenen Praxen wollen die Allgemeinmediziner gegen die aus ihrer Sicht herrschende mangelnde Unterstützung von Politik und gesetzlichen Krankenkassen protestieren, erklärten Dr. Martin Ebel, Sprecher der Hausärzte im Landkreis, und der Bad Hersfelder Hausarzt und Obmann der Kassenärztlichen Vereinigung, Dr. Sebastian Auel.

An der Aktion seien 80 Prozent der Hausärzte im Landkreis beteiligt sowie die Praxis für Radiologie in Rotenburg. Dazu aufgerufen, sich an der bundesweiten Streikwelle zu beteiligen, hatte die Kassenärztliche Vereinigung.

Um die gesundheitliche Versorgung auch am Streiktag zu gewährleisten, sei eine Vertretung eingerichtet, die Patienten per Band mitgeteilt werde, wenn sie am Mittwoch versuchten, ihre Praxis telefonisch zu erreichen. „Wir wollen damit verdeutlichen, wie es aussieht, wenn es eine ambulante medizinische Versorgung nicht mehr flächendeckend gibt“, sagt Ebel.

Der Grund für den Unmut der niedergelassenen Ärzte liege zum einen in der geplanten Streichung der Neupatientenregelung, erklärt Auel. Diese war vor drei Jahren mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz eingeführt worden, damit neue Patienten schneller einen Termin bekommen.

Es wurde festgelegt, dass die Leistungen für die Behandlung dieser Patienten in voller Höhe vergütet werden. Zum anderen stören sich die Allgemeinmediziner an der Forderung des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenkassen nach Nullrunden für die beiden kommenden Jahre, wie Ebel verdeutlicht.

Die Hausärzte fordern von der Bundesregierung eine „gesetzlich festgeschriebene Steigerungsmöglichkeit bei Leistungsabrechnungen, den Abbau bürokatischer Prozesse sowie die Einstellung unnötiger Kontroll-Komissionen“, erklärt Ebel. „Wir brauchen mehr Unterstützung und keine zusätzlichen Bestrafungen.“.

Der Protest am morgigen Mittwoch sei zwar ein stiller, sollte aber nicht unterschätzt werden: „Es ist nicht geplant, dass wir Ärzte mit Plakaten durch die Stadt ziehen. Wir wollen aber so lange weitermachen, bis ernsthafte Gespräche mit der Politik zustande kommen“, verdeutlicht Auel. Deshalb liefen bereits Planungen für eine weitere Protestaktion am 30. November.

Ende der Protestwelle noch offen

„Wir befinden uns am Beginn einer Protestwelle, deren Ende offen ist“, sagt der Bad Hersfelder Allgemeinmediziner Sebastian Auel. Auch die Hausärzte im Kreis Hersfeld-Rotenburg beteiligen sich am Protest, der sich vor allem gegen die Abschaffung der Neupatientenregelung richtet.

Nach der neuen gesetzlichen Regelung sollen Hausärzte für Patienten, die über die Terminservicestellen vermittelt werden, abhängig von der Schnelligkeit der Vermittlung Zuschläge von 100, 80 beziehungsweise 40 Prozent zur Versicherten- und Grundpauschale erhalten.

Das Problem dabei: Die Zuschläge würden die neue Finanzierungslücke nicht ausgleichen, die mit dem Wegfall der Neupatientenregelung entstehe. Die Kassenärztliche Vereinigung wertet dies als „Ausdruck fehlender Wertschätzung für die Arbeit der niedergelassenen Ärzte“.

„Die Bundesregierung fordert damit von uns Hausärzten, Patienten schnell an Fachärzte zu vermitteln. Stattdessen bräuchten wir diese Zeit aber für die Versorgung unserer Patienten“, erläutert Auel. Auch für Martin Ebel, Sprecher der Hausärzte im Kreis Hersfeld-Rotenburg, sei eine schnelle Terminvermittlung nicht zielführend. „80 Prozent aller Probleme, mit denen Patienten ihren Hausarzt aufsuchen, sind in den allgemeinen Praxen lösbar. Das ist eine enorm hohe Quote, die jedoch nicht gesehen wird“, erklärt Ebel.

Martin Ebel
Dr. Martin Ebel, Sprecher der Hausärzte im Landkreis Hersfeld-Rotenburg © Laura Hellwig

Mit dem Protest wollen die Hausärzte nun verdeutlichen, dass das Maß voll sei. „Wir stecken leider in einer Gesetzesfalle. Wir sind zur Versorgung verpflichtet, aber ein Streikrecht gibt es nicht“, so Ebel.

Die beiden Allgemeinmediziner rechnen damit, dass die aktuellen gesetzlichen Bestimmungen durchaus Auswirkungen auf die künftige medizinische Versorgung im ambulanten Bereich haben werden. „Junge Kollegen sehen das und fragen sich mit recht, warum sie sich das antun sollten.“

„Es muss doch möglich sein, auch in anderen medizinischen Bereichen Kosten einzusparen“

Daher plädieren die beiden Hausärzte für einen Ausbau der Förderung zur Ansiedlung junger Nachwuchsmediziner. „Die Krankenkassen planen in Geschäftsjahren, haben aber keine Strategie und Perspektivdenken“, so Ebel. „Es muss doch möglich sein, auch in anderen medizinischen Bereichen Kosten einzusparen. Über die Verwaltungskosten der gesetzlichen Krankenkassen spricht zum Beispiel niemand.“ Dabei machten die am Gesamtvolumen der Gesundheitsfinanzierung einen Anteil von gut 25 Prozent aus.

Dr. Sebastian Auel
Dr. Sebastian Auel, Hausarzt und Obmann der Kassenärztlichen Vereinigung © Laura Hellwig

„Die Einsparungen im Verwaltungsbereich der Krankenkassen könnten dazu genutzt werden, um sowohl die Versorgung im hausärztlichen Bereich als auch in Krankenhäusern zu verbessern. Denn eine gute gesundheitliche Versorgung ist nur dann möglich, wenn alle Bereiche ausreichend finanziert sind“, so Auel.

Ebenso übel stößt den Allgemeinmedizinern im Landkreis auf, dass der Gesetzgeber während der Coronakrise mit der Impfverlegung in Apotheken Zwietracht zwischen der Ärzteschaft und Apothekern schüre. „Für uns bedeutet das wieder zusätzliche Arbeit. Wir müssen uns mit den Plänen der Apotheken auseinandersetzen. Das ist eine völlig verschwenderische Doppel- und Dreifachversorgung, aber wenig sinnvoll“, sagt kritisiert Ebel. (Daniel Göbel)

Bundesweite Protestaktion

Im Zuge bundesweiter Protestaktionen der Ärzteschaft wird es in ganz Hessen am morgigen Mittwoch zu landesweiten Praxisschließungen kommen. Dies werde in zahlreichen Haus- wie auch Facharztpraxen der Fall sein, teilte die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) mit. Der Grund für den Unmut ist die geplante Streichung der Neupatientenregelung sowie die Forderung des Spitzenverbands der gesetzlichen Krankenkassen nach Nullrunden für die Jahre 2023 und 2024. (dag) 

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