Neuer Kälterekord in Hersfeld-Rotenburg

„Tristan“ lässt alle bibbern: So wirkt sich die Kälte auf die Arbeit im Freien aus

Schneeräumkommando: Zum Wintereinbruch im Februar 2021 durch Tief Tristan sorgen in Bebra Jan Trieschmann (am Steuer), Jan-Hendrik Baur (links) und Mario Hentschel vom städtischen Bauhof mit ihrem Unimog für freie Straßen.
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Schneeräumkommando: In Bebra sorgen Jan Trieschmann (am Steuer), Jan-Hendrik Baur (links) und Mario Hentschel vom städtischen Bauhof mit ihrem Unimog für freie Straßen.

Tief „Tristan“ hat Hersfeld-Rotenburg in einen Eisschrank verwandelt. Viele müssen aber raus, weil sie an der „frischen Luft“ arbeiten. Wie gehen sie mit den Extrembedingungen um?

Hersfeld-Rotenburg – Schnee ohne Ende, Eisglätte und Temperaturen um minus 20 Grad: Freiwillig geht in diesen Tagen wohl kaum jemand vor die Tür. Viele müssen es für ihre Arbeit trotzdem. Wir haben uns im Kreisgebiet umgehört, wie sie mit den extremen Bedingungen umgehen.

Winterdienst: Überstunden ohne Ende

Auf sie kommt es in diesen Tagen besonders an: die Mitarbeiter der Bauhöfe. Sie sorgen dafür, dass die Straßen vom Schnee befreit werden, dass die Wege begehbar sind, dass man überhaupt noch von A nach B kommt. „Die vergangenen Tage waren schon krass“, sagt Jan Trieschmann vom Bauhof in Bebra. Seine Kollegen und er arbeiten seit dem Wintereinbruch am Wochenende in zwei Schichten von 4 Uhr morgens bis 22 Uhr abends. „Wir sammeln gerade richtig viele Überstunden“, sagt er.

Noch gut gefüllt: Jan Trieschmanns Winterräumfahrzeug hat noch ausreichend Streusalz geladen. So langsam drohen aber Nachschubprobleme.

Im Einsatz ist das Bebraer Bauhofteam mit drei großen Winterräumfahrzeugen und einem kleinen für die Gehwege. Streusalz sei zwar noch vorhanden. „Wir haben aber Nachschubprobleme. Deshalb versuchen wir, wenn irgendwie möglich, derzeit ohne Salz auszukommen“, sagt Trieschmann.

K+S: Mit Schutzkleidung auf die Abraumhalde

Während unter Tage in den Kaligruben des K+S-Werks Werra ganzjährig sommerlich-warme Temperaturen herrschen, sind die Beschäftigten über Tage – beispielsweise in Teilen der Fabrikanlagen und auf den Abraumhalden – derzeit den extremen Minusgraden ausgesetzt. Das Unternehmen reagiere darauf mit angepassten Einsatzzeiten, statte die Beschäftigten mit spezieller Kälteschutzkleidung aus und gebe zum Aufwärmen Heißgetränke aus, erklärt K+S-Sprecher Ulrich Göbel.

Bisheriger Kreis-Kälterekord um 9 Grad unterboten

Minus 24,6 Grad sind am Mittwochmorgen an der Wetterstation in Niedergude gemessen worden. Dort zeichnet die Arbeitsgemeinschaft Land- und Wasserwirtschaft (AGLW) seit 1990 die Temperaturen auf, die für den Landkreis als Durchschnitt repräsentativ sind. Die Station liegt 285 Meter über Normalnull.

Der bisherige Rekord stammt laut AGLW-Chef Philipp Pfister von 2009. Damals wurden im Dezember minus 15,3 Grad gemessen. In den vergangenen fünf Jahren war es fast nie kälter als minus 10 Grad – im Januar 2017 waren es mal 10,5.

Der hessische Allzeit-Kälterekord von minus 28,3 Grad wurde im Januar 1963 in Hofgeismar gemessen. Am Mittwoch war laut Meteorologen des Hessischen Rundfunks Sontra mit minus 25,6 Grad der kälteste Ort Hessens. In Hessen war es seit 34 Jahren nicht mehr so kalt.

Nicht zwingend erforderliche Tätigkeiten im Freien würden verschoben. Schutzgerüste und Absperrungen sollen die Mitarbeiter gegen Eisschlaggefahr abschirmen. Die Minusgrade machen laut Göbel jedoch nicht nur den Mitarbeitern zu schaffen, sondern auch den Fabrikanlagen. Diese müssten mit einer entsprechend „angepassten Fahrweise“ bedient werden. Soweit möglich, würden empfindliche Aggregate mit einer zusätzlichen Isolierung geschützt. „Auch die Werkfeuerwehr steht in besonderer Bereitschaft zur Beseitigung potenzieller Gefährdungen, zum Beispiel der Beseitigung von Eisbildungen an Fassaden, Dächern und Leitungen sowie zum Schutz vor Baumschlag“.

Baufirmen: Keine Chance bei kaltem Boden

Beim Bad Hersfelder Bauunternehmen Räuber liegen, mit wenigen Ausnahmen, vorerst bis Ende der Woche fast alle Baustellen brach, wie Prokuristin Eva Räuber mitteilt. Das gelte für Hoch- und Tiefbau. Zwar sind gerade Bauarbeiter Hitze ebenso wie Kälte durchaus gewöhnt. Aber: „Das sind nun Temperaturen, bei denen kaum Arbeiten möglich sind“, sagt Eva Räuber mit Blick auf die gefrorenen Böden.

Überall Schnee: Mit der Baggerschaufel rücken Bauarbeiter der Firma Archinal in Bad Hersfeld gegen die weißen Massen vor. Ein Haus soll abgerissen werden – aber vorher muss Platz für die Baufahrzeuge her.

Es sei das erste Mal seit einigen Jahren, dass fast alle Arbeiten wetterbedingt ruhen – fast alle, denn Notfalleinsätze, zum Beispiel bei Rohrbrüchen, finden nach wie vor statt. Zudem leisten einige Mitarbeiter alternativ nun Winterdienst, etwa bei großen Logistikfirmen, wo die Schneemassen nicht einfach mit Schippen und Besen weggeräumt werden können, sondern Radlader nötig sind.

Auch auf der Lehrbaustelle der Firma Strabag in Bebra wirkt sich das extreme Wetter aus. „Wir haben komplett auf Theorieunterricht umgestellt“, sagt Ausbildungsmeister Firas Ajouri. Normalerweise wären jetzt die Straßenbauer und Baugeräteführer draußen auf dem Übungsfeld. „Aber bei minus 18 Grad und 40 Zentimeter Schnee ergibt das keinen Sinn“, so Ajouri.

Fahrschulen: Keine Sonderbehandlung für die Schüler

„Wir fahren bei jedem Wetter. Die Fahrschüler müssen später auch bei jedem Wetter fahren“, sagt der Heinebacher Aribert Kirch, der auch Vorsitzender der Fahrlehrervereinigung Hessen ist. Dabei müsse man – wie jeder andere Verkehrsteilnehmer auch – darauf achten, nicht in Straßen hineinzufahren, wo der Schnee zu hoch liegt. Auch am Montag, als vielerorts noch nicht geräumt war, waren Kirchs Fahrlehrer unterwegs und legten wie üblich 100 bis 150 Kilometer zurück. In den Fahrschulen des Heinebachers habe es auch keine Schüler gegeben, die aus Angst ihre Fahrstunden abgesagt hätten.

Unterricht bei geöffneter Motorhaube: Fahrlehrer Werner Heuckeroth von der Fahrschule Kirch (Alheim) zeigt Schülerin Helin Atalan, wie man Frostschutzmittel für die Scheibenwischanlage einfüllt. Auch das ist übrigens prüfungsrelevant.

ADAC: Stresstest für die Pannenhilfe

Die Pannenhilfe des ADAC Hessen/Thüringen hat derzeit deutlich mehr zu tun als sonst. Die Mitarbeiter und Partner des Auto-Clubs rückten nicht nur wegen 164 im Schnee stecken gebliebenen Fahrzeugen aus, sondern zum Beispiel auch wegen leeren Batterien, eingefrorenen Türschlössern und festgefrorenen Handbremsen, sagt Sprecher Oliver Reidegeld. Der Landkreis wird von den Pannenhilfebezirken „Kassel und Umland“ sowie „Eisenach/Fulda“ angefahren. Insgesamt wurden in diesen Bezirken am Montag 345 Einsätze gezählt. Zum Vergleich: Am Montag der Vorwoche waren es mit 175 nur halb so viele.

Imbissstände: Hände wärmen am Dönerspieß

Noch weniger Kunden als ohnehin schon wegen Corona bedient Hoa Nguyen derzeit in ihrem Imbiss in Bad Hersfeld. „Viele bleiben lieber zu Hause“, sagt sie und zeigt auf den Schnee auf der Straße und auf dem Gehweg. Auch der Platz vor ihrem Imbiss musste am Montag erst mal freigeschaufelt werden. „Das war sehr anstrengend“, berichtet ihr Mann, der immer noch mit Schaufel und Streugut hantiert.

In ihrem Wagen wärmt die Imbissbetreiberin eine kleine Heizung, außerdem ziehe sie sich warm an. Komplett zumachen möchte sie trotz der Umstände nicht. „Es muss immer irgendwie weitergehen“, im Winter sei sowie immer weniger los als im Sommer. Außerdem friere die Klappe komplett zu, wenn sie nicht zwischendurch geöffnet werde.

Aufwärmen am Dönerspieß: Tapfer hält Ahmed Habash von der Döner-Grillstation Mars in Lispenhausen die Stellung – er hat allerdings auch zwischendurch einen warmen Rückzugsort im Haus nebenan.

Tapfer hält auch Ahmed Habash von der Döner-Grillstation Mars in Lispenhausen bei eisigen Temperaturen die Stellung. Damit er nicht völlig festfriert, bedient er allerdings nur im Grillwagen, wenn nach ihm geklingelt wird. Ansonsten hält er sich im zur Grillstation gehörenden Haus, der ehemaligen Gaststätte Dietz, auf. „Im Wagen ist es zu kalt“, sagt er. (ses/jce/czi/nm/sis)

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