Wie ein Flohmarkt mit festem Standort

Charlotte Deymann ist Geschäftsfrau in Rotenburg - ihren Laden betreibt sie auch mit 82 Jahren noch

Charlotte Deymann (82) mit der Puppe, die ihr Vater ihr geschenkt hat. Sie war erst sechs Jahre alt, als sie den Vater in der Dresdner Bombennacht verlor.
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Die Puppe hatte ihr der Vater geschenkt: Charlotte Deymann (82) war erst sechs Jahre alt, als sie den Vater in der Dresdner Bombennacht verlor.

Rotenburg – Man könnte stundenlang stöbern im Laden „Altes und Neues“ von Charlotte Deymann. Die 82-jährige Geschäftsfrau aus Rotenburg hat vor knapp zehn Jahren noch einmal ein Geschäft in ihrem Wohnhaus an der Breitenstraße eröffnet.

Nach einer mehrjährigen Pause verkauft sie dort Trödel, Handwerkskunst, auch Kitsch und alte Bücher - so wie auf einem Flohmarkt mit festem Standort.

Heute allerdings klingeln die Kunden nur noch selten bei ihr. Und weil ihr das Treppensteigen von der Wohnung ins Erdgeschoss zum Geschäft zunehmend schwerfällt, betreibt sie ihr Geschäft eher zurückhaltend. Das darf sie sich gönnen, war sie doch ihr Leben lang berufstätig.

Mit ihrem Mann Hans hatte sie 19 Jahre lang einen Zeitschriften-, Buch- und Schreibwaren-Laden in Rotenburg geführt, den er wiederum von seinen Eltern übernommen hatte. Hans Deymann starb bereits 1981 überraschend. Da war Charlotte 42 Jahre alt, ihre gemeinsame Tochter Violetta war 17 – und das Leben musste weitergehen.

Die Bombennacht

Wieder einmal musste es weitergehen. Leicht war es auch vorher nicht. Als Charlotte sechs Jahre alt ist, erlebt sie die Bombennacht in Dresden. An der Hand ihrer Mutter flieht sie durch die Stadt, vorbei an brennenden Kindern, vorbei an panischen Tieren, die aus dem Zoo frei gelassen worden waren, um nicht wehrlos zu verbrennen. „Diese Anblicke vergisst man nie“, sagt sie heute noch. Ihren Vater verliert die kleine Charlotte in dieser Nacht. Er wollte beim Alarm noch schnell nach seinen Garagen sehen, kehrte aber nie zurück.

Mutter und Tochter überleben, weil sie sich wie viele andere auf einen Berg am Stadtrand retten können. Von dort werden die obdachlosen Flüchtlinge auf verschiedene Orte verteilt. Charlotte und ihre Mutter kommen zunächst ins Erzgebirge. Die Hauseigentümer sind unfreundlich und weisen Mutter und Tochter nur eine eiskalte Dachkammer mit einem Bett zu. Die Mutter bekommt eine Lungenentzündung und muss ins Krankenhaus. Eine Schwester der Mutter holt die kleine Charlotte zu sich nach Weißwasser in der sächsischen Oberlausitz. Es folgen Umzüge, die Mutter stirbt früh an Leukämie. Charlotte wird von der Tante in Weißwasser aufgezogen wie eine Tochter.

Weg nach Rotenburg

Sie beginnt 1953 eine Ausbildung an der Deutschen Notenbank in Weißwasser. Privat engagiert sich Charlotte in der Jungen Gemeinde. Und das führt sie schließlich nach Rotenburg. Denn der Pfarrer ist befreundet mit dem damaligen Landrat Seraphin. Und der hatte zur Einweihung des Kreisjugendhofs vier Mitglieder der Jungen Gemeinde eingeladen. Der Pfarrer wählte auch Charlotte aus.

Von nun an verbringt sie drei Jahre lang ihren Sommerurlaub auf dem Jugendhof. Sie arbeitet dort gegen Kost und Logis. Postkarten für die Tante in Weißwasser kauft Charlotte bei Deymanns in der Breitenstraße. Die Familie war nach dem Bombenangriff auf Kassel nach Rotenburg gekommen und hatte sich den Laden aufgebaut. So lernt Charlotte Hans Deymann kennen und verliebt sich. Doch es dauert noch, bis Charlotte die DDR endgültig verlässt. 1958 „macht sie rüber“. Weil sie bei ihrer Bank in der Abteilung Außenhandel zuständig ist, kann sie sich für einen Lehrgang in Berlin anmelden. Sie packt ihren Koffer, legt ihre FDJ-Bluse obenauf. Bei einer Kontrolle will sie erzählen, dass sie sich vor dem Lehrgang noch Potsdam und Schloss Sanssouci ansehen möchte.

Fluchtziel Jugendhof

Am Bahnhof Friedrichstraße wird sie, gemeinsam mit einer ebenfalls flüchtenden Freundin, aus dem Zug geholt. Doch weil Charlottes Geschichte und das Gepäck unverdächtig sind, können die beiden ihre Fahrt, die durch den Westteil der Stadt führt, fortsetzen. Am nächsten Westbahnhof springen sie aus dem Zug und landen schließlich im Flüchtlingslager Marienfelde. Von dort geht es per Flugzeug nach Gießen in ein weiteres Lager. Das darf Charlotte nur verlassen, weil sie eine Zieladresse angeben kann. Und das ist wieder der Jugendhof in Rotenburg, wo sie zunächst bei der Hausmeisterfamilie lebt und mitarbeitet.

Bewerbungen in ihrem alten Beruf, bei Sparkasse und Volksbank, bleiben in Rotenburg erfolglos. Doch Charlotte findet in Frankfurt einen neuen Arbeitsplatz bei einer Bank, wechselt später noch zu einer Privatbank. „Da habe ich gutes Geld verdient“, sagt sie. 1962 heiratet sie ihren Hans. Die kirchliche Trauung folgte ein Jahr später in Braach. Tochter Violetta wird 1964 geboren.

Ich war Geschäftsfrau mit Leib und Seele.

Charlotte Deymann

Hans Deymann stirbt 1981 an Leukämie, Charlotte führt das Geschäft allein weiter und beschäftigt eine Mitarbeiterin. 1983 kauft sie das Haus an der Breitenstraße, in dem sie noch heute lebt und in dem sich auch noch ihr Lädchen befindet. „Ich war Geschäftsfrau mit Leib und Seele“, sagt sie. Zu ihren Kunden zählen damals Schüler ebenso wie der bekannte Heimatmaler Zirbes.

Flohmarktstück: Charlotte Deymanns Geschäft ist eine bunte Fundgrube.

Im Jahr 2000 schließt Charlotte Deymann ihr Schreibwarengeschäft – als der Euro kommt, als Computer auf dem Vormarsch sind mit elektronischen Warenbestellungen. „Ich habe auf meine innere Stimme gehört. Und die hat mir geraten, aufzuhören mit dem Laden.“ Die Räume werden vorübergehend vermietet.

„Ich bin ein gläubiger Mensch“, sagt Charlotte Deymann. „Ich denke, man wird geleitet.“ Bestätigt sieht sie sich, weil ihr eine Wahrsagerin nach dem Tod ihres Mannes vorhergesagt hatte, dass sie noch einmal in einer Partnerschaft glücklich werden würde. Charlotte lernte auf einer Reise in Indonesien einen neuen Lebensgefährten kennen. 31 Jahre lang verbrachte das Paar gemeinsam glücklich, bis Ernst Schmitt im vergangenen Jahr starb.

Seither hat sie wieder verstärkt gesundheitliche Probleme. Die Folgen einer 2007 erlittenen Hirnblutung, die sie mithilfe der traditionellen chinesischen Medizin ganz gut im Griff hatte, haben sich nun wieder verstärkt. Aber Charlotte Deymann gibt nicht auf. Noch immer hat sie Freunde und telefoniert täglich mit ihrer Tochter. Violetta lebt seit 30 Jahren mit ihrer Familie in den USA. Sie hat zwei erwachsene Kinder und inzwischen drei Enkel. (Von Silke Schäfer-Marg)

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