„Wünsche mir mehr Nähe zur Realität“

Interview mit Martin Ködding, dem Leiter des Impfzentrums, der in den Ruhestand geht

Teamarbeit: Martin Ködding (rechts), mit Michael Gottbehüt im Empfangsbereich der Göbel Hotels Arena
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Teamarbeit: Martin Ködding (rechts), hier mit Michael Gottbehüt im Empfangsbereich der Göbel Hotels Arena, hört als Leiter des Impfzentrums auf. Neben Gottbehüt bleibt auch der ärztliche Leiter Dr. Bardo Kürten bis zur beschlossenen Schließung Ende September an Bord. Nachfolgerin von Ködding wird Maike Henning.

Ende der Woche ist Schluss. Martin Ködding, Leiter des Corona-Impfzentrums in Rotenburg, geht in den Ruhestand.

Rotenburg - Im Interview spricht der 64-Jährige über Herdenimmunität, Lieferengpässe, das politisch gewollte Ende der hessischen Impfzentren und falsche Versprechungen aus Wiesbaden.

Herr Ködding, wie ist gerade die Nachfrage im Impfzentrum?
Sie ist deutlich zurückgegangen. Bundesweit, in Hessen und auch bei uns. Alle, die sich impfen lassen wollten, sind im Prinzip schon dran gewesen oder haben jetzt einen Termin. Die Nachrückerlisten sind jedenfalls abgearbeitet.
Wie drückt sich der Rückgang in Zahlen aus?
In den vergangenen Wochen hatten wir 500 bis 600 Impfungen pro Tag. Jetzt sind es noch 200 bis 400. Dabei werden die Termine für die Zweitimpfungen überwiegend noch wahrgenommen, das liegt ja auch auf der Hand. Aber von den Menschen, die einen Termin für eine Erstimpfung haben, kommt nur noch die Hälfte.
Woran liegt das?
Da nirgends synchronisiert wird, wer wann und wo eine Impfung bekommen hat, können wir nur Vermutungen anstellen. Wir vermuten, dass sich viele Menschen mehrfach um einen Termin bemühen – im Impfzentrum, bei einem niedergelassenen Arzt, bei einem Betriebsarzt – und sich dann kurzfristig für den Termin entscheiden, der für sie am günstigsten liegt. Abgesagt werden die anderen Termine dann leider nicht immer. Deshalb sind wir dazu übergegangen, am Vortag telefonisch versuchen abzuklären, wer tatsächlich kommt, um den tatsächlichen Impfstoffbedarf planen zu können.
Werden Sie den Impfstoff überhaupt noch los?
Ja, das kriegen wir hin. Es ist sogar so, dass wir schon zweimal von Betriebsärzten Impfstoffe übernommen haben, die sie nicht mehr losgeworden sind. Als Impfzentrum haben wir ja trotz allem immer noch einen wesentlich höheren Umsatz. Wenn wir 200 Impfdosen bekommen, sind die an einem Tag weg.
Anfangs war die Nachfrage nach Corona-Impfstoffen riesig, das Angebot aber knapp. Jetzt ist es umgekehrt. Wann hat sich das Blatt gewendet?
Das ist vielleicht drei Wochen her. Abgezeichnet hat sich die Impfsättigung, nachdem die Priorisierungen aufgehoben waren. Die, die sowieso impfmotiviert waren, hatten wir zu diesem Zeitpunkt größtenteils geimpft. Außerdem sind die Hausärzte ab Ostern mit enormen Impfzahlen eingestiegen und dann auch die Betriebsärzte.
Rund 70 000 Menschen sind bislang im Landkreis zumindest erstgeimpft. Klappt das noch mit der Herdenimmunität?
Schwierige Frage, aber ich bin optimistisch, dass wir einen hohen Prozentsatz schaffen. Wir haben im Landkreis rund 120 000 Einwohner. Davon müssen wir, um die impffähige Bevölkerung herauszufiltern, schon mal die Unter-16-Jährigen abziehen, das dürften um die 20 000 sein. Hinzu kommen die Genesenen, das sind knapp 6000. Wir müssten also insgesamt gut 80 000 Menschen impfen. Deshalb sehe ich unseren Landkreis derzeit auf einem guten Weg – zumal wir ab Montag den nächsten Schritt gehen und mobile Impfteams in die Städte und Gemeinden schicken.
Wen wollen Sie mit diesen Angeboten erreichen?
Wir hoffen, damit diejenigen zu überzeugen, denen der Aufwand bislang zu hoch war. Eine Anmeldung oder Registrierung ist nicht nötig. Wir halten den Menschen also die Impfung quasi vor die Nase – sie müssen nur noch zugreifen. Zweifler und Ablehner werden wir selbst mit so niedrigschwelligen Angeboten aber wohl nicht erreichen.
Das Impfzentrum soll nach Willen des Landes, wie alle anderen in Hessen, am 30. September schließen. Die richtige Entscheidung?
Ein Impfzentrum auf Dauer zu betreiben, wäre übertrieben – und auch zu teuer. Es sind allerdings noch viele Fragen ungeklärt, wie wir in den nächsten Monaten mit dem Virus umgehen. Unter anderem wird es vielleicht irgendwann auch ein Impfangebot für alle Kinder und Jugendlichen geben. Wie wird das mit den Auffrischungsimpfungen etwa für Hochbetagte vonstattengehen? Wird durch rechtliche Regelungen die Impfbereitschaft noch mal angeschoben? Schaffen die niedergelassenen Ärzte das alles?
Das heißt?
Dass wir ein Konzept für die Zeit ab dem 1. Oktober benötigen. Wir selbst haben uns bereits Gedanken gemacht und ein kleines Konzept erarbeitet: Wir brauchen aus unserer Sicht eine Art Standby-Struktur. Niemand weiß, was im Herbst und im Winter sein wird. Wenn in den Altenheimen Auffrischungsimpfungen anstehen, müssen wir mobile Impfteams haben, die, wie ganz zu Beginn der Impfkampagne, wieder einmal quer durch alle Einrichtungen im Landkreis fahren. Sinnvoll könnten auch zentral gelegene Impfstellen etwa in leer stehenden Ladenlokalen in Bad Hersfeld und in Rotenburg sein, in denen beispielsweise zweimal die Woche geimpft wird, um die niedergelassenen Ärzte zu entlasten.
Die Pandemiepolitik wird in Berlin und Wiesbaden entschieden. Was würden Sie sich auch mit Blick auf die Verbreitung der Delta-Mutante von der Politik wünschen?
Dass sie jetzt die notwendigen Entscheidungen trifft. Es ergibt keinen Sinn, erst bei Inzidenzen von 400 oder 800, wie kürzlich von Herrn Spahn prognostiziert, die Tests kostenpflichtig zu machen oder gar eine Impfpflicht einzuführen. Denn dann dauert es ja wieder acht bis zehn Wochen, bis die Maßnahmen wirken. Jetzt müssen Entscheidungen her, um einer bedrohlichen Entwicklung im Herbst vorzubeugen. Ohnehin ist mein Eindruck, dass die Politik recht unvorbereitet in diese Impfaktion gegangen ist, obwohl man fast ein Jahr Zeit hatte und wusste, dass es irgendwann zum Impfen kommen wird. Umso mehr hoffe ich, dass nun aus den gemachten Erfahrungen gelernt wird.
An was denken Sie?
An die Ankündigungen der Politik und daran, was dann tatsächlich darauf gefolgt ist: nämlich viel zu oft viel zu wenig. Wenn man den Menschen mehr Impfstoff verspricht, als man am Ende liefern kann, ist das schwer zu vermitteln. Ich würde mir deshalb bei den politischen Ankündigungen etwas mehr Nähe zur Realität wünschen.
Der Einsatzbefehl des Landes, im Landkreis ein Impfzentrum aufzubauen, kam am 23. November. Wenn Sie das vergangene Dreivierteljahr Revue passieren lassen: Was bleibt besonders in Erinnerung?
Ein einzelnes Erlebnis kann ich Ihnen nicht nennen. Was aber eine Art Highlight war, war im März die Ankündigung von Herrn Spahn und der Landesregierung, dass wir uns in den Impfzentren auf eine Überlast einstellen sollten; wir sollten also so viel Impfstoff bekommen, dass wir über unsere Grenzen gefordert werden würden. Unser Impfzentrum ist für 1000 Impfungen pro Tag ausgelegt. Wir hatten uns also wirklich darauf gefreut...
... und wurden dann enttäuscht. Denn ausgelastet waren Sie nie.
Genau. Leider folgten dieser Ankündigung nur geringe Mengen Impfstoff. Im April wurden wieder größere Liefermengen versprochen und im Mai auch noch einmal. Im Juni hieß es dann, dass es im Juli aber wirklich so richtig losgehen sollte.
Und was würden Sie als Leiter des Impfzentrums rückblickend anders machen?
Das müssten Sie die Menschen fragen, die sich bei uns haben impfen lassen. Ich selbst denke, dass wir es unter den gegebenen Rahmenbedingungen gut gemacht haben. Und mit „wir“ meine ich unser fantastisches Team, das bei allen Herausforderungen die Motivation hoch gehalten hat und so für eine sehr angenehme Arbeitsatmosphäre gesorgt hat. Ich glaube, dass die Nutzer das auch gespürt haben.
Im November waren Sie schon einmal im Ruhestand. Wer hat Sie eigentlich dazu überredet, die Leitung des Impfzentrums zu übernehmen?
Am 26. oder 27. November, also kurz nach dem Einsatzbefehl, rief mich Herr Dr. Hermann an (damals medizinischer Geschäftsführer des Klinikums, d. Red.). Er hatte anfangs wohl noch gedacht, das Impfzentrum könne man so nebenbei machen, hat dann aber die Komplexität dieses Unterfangens erkannt und fragte: „Ködding, wie sieht’s aus?“. Ich habe eine Stunde überlegt, mich mit meiner Frau abgestimmt und dann zugesagt. Bereut habe ich das nicht.

ZUR PERSON

Martin Ködding (64) ist in Frankenau im Kreis Waldeck-Frankenberg geboren. Er ist ausgebildeter Industriekaufmann und hat seine Laufbahn im Gesundheitswesen 1976 in der Reha-Klinik Fürstenhof in Bad Wildungen begonnen. Nach einem berufsbegleitenden Studium der Betriebswirtschaft wechselte er 1986 ans Klinikum Bad Hersfeld, zunächst als Assistent des Verwaltungsdirektors, wurde dann Verwaltungsdirektor und später Geschäftsführer. Nach seiner Verabschiedung im Juni 2020 war er nur kurz im Ruhestand, ehe er Ende des vergangenen Jahres die Leitung des Corona-Impfzentrums des Landkreises in der Rotenburger Göbel Hotels Arena übernahm. Der Familienvater lebt mit seiner Ehefrau Helga in Bad Hersfeld.

Von Sebastian Schaffner

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