Outing vor einem Jahr

Jasmine H. aus Rotenburg ist transsexuell und kämpft für Gesetze

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Lebt seit einem Jahr als Frau: Jasmine H. aus Rotenburg ist glücklich, sich endlich zu ihrem wahren Ich zu bekennen. Das Bild zeigt sie auf dem Christopher Street Day in Kassel.

Vor einem Jahr hat sich Jasmine H. aus Rotenburg als transsexuell geoutet. Seitdem geht sie für ihre Anliegen auf die Straße - und fordert klar definierte Gesetze. 

Manchmal ist es wichtig, aufzustehen und sich für seine Anliegen einzusetzen. Diese Erfahrung hat Jasmine H. aus Rotenburg in der Vergangenheit mehrfach gemacht.

Zuletzt tat sie das beim Christopher-Street-Day in Kassel, wo sie sich kurz entschlossen auf die Rednerliste setzen ließ und von ihren Problemen am Arbeitsplatz bei einem großen Logistik-Unternehmen in Bad Hersfeld berichtete, und davon, dass den Arbeitgebern wegen fehlender, klar definierter Gesetze, die Jasmine H. bei ihrer Rede forderte, die Hände gebunden sind.

Auch dort, im Kollegenkreis, hat sie sich vor gut einem Jahr geoutet, hat Kollegen und Vorgesetzten mitgeteilt, dass sie ihr Geschlecht von Mann zu Frau angleichen will. Seitdem lebt Jasmine H., die vor 49 Jahren als Junge geboren wurde, ganz offen und konsequent als Frau.

Als Kind ein Sonderling

Der Weg dahin war nicht einfach. Schon in der Grundschule merkte Jasmine, die damals noch Jörg hieß, dass sie lieber mit Mädchen spielte als mit Jungs. Sie mochte Hüpfkästchen, Gummitwist, Mädchenbücher oder andere Sachen, die Mädchen machen. „Ich war halt immer der Sonderling“, erzählt Jasmine H., doch bis zur Pubertät habe es keine Probleme gegeben.

Dann jedoch fing sie an, sich auch körperlich für Mädchen zu interessieren, was den Umgang mit ihnen sehr erschwerte, da die Mädchen nun nicht mehr wussten, wie sie mit ihm umgehen sollten.

Themen wie Homosexualität oder Transgender seien in der Schule kein Thema gewesen, bedauert sie. Dass es Menschen gibt, die mit dem für sie falschen Geschlecht geboren werden und Möglichkeiten, das zu ändern, das wusste sie damals einfach nicht.

Die Erkenntnis

Ein Schlüsselerlebnis waren für sie Fernsehsendungen, die sie Anfang der 90er Jahre sah. Dort wurde das Thema Transsexualität thematisiert und Jasmine H. erkannte sich mit ihren Gefühlen wieder.

Langes Schweigen

Nun wusste sie zwar, was mit ihr los war, doch sprechen konnte sie darüber mit niemandem. „Ich habe mich 25 Jahre lang versteckt, was im Endeffekt nichts anderes heißt, als alle Menschen, mit denen ich zu tun habe, auch die, die ich liebe und mich selbst, zu belügen und zu täuschen. Kommt die Wahrheit dann ans Licht, ist das Vertrauen der anderen in dich zerstört und muss komplett neu aufgebaut werden“, sagt Jasmine H.

Viele Jahre hatte sie mit psychischen Problemen zu kämpfen, vernachlässigte sich selbst aus mangelnder Selbstachtung und fehlender Selbstliebe – mit diesem Problem kämpft sie auch heute noch. Zweimal dachte sie auch ganz ernsthaft darüber nach, sich das Leben zu nehmen, um der für sie unerträglichen Situation ein Ende zu setzen. Stattdessen entschied sie sich für Offenheit und offenbarte sich im Jahr 2017 zunächst ihrer Familie und allerengsten Freunden. „Seitdem geht es mir gut“, sagt Jasmine H..

Offen als Frau leben

Seitdem wurde aber auch der Wunsch, offen und vollständig als Frau zu leben, immer dringlicher, sodass sie schließlich den Arbeitskollegen und Vorgesetzten mitteilte, dass sie nun als Frau leben möchte.

Doch damit begannen neue Probleme, zum Beispiel bei so etwas Banalem wie der Toilettenbenutzung. Bis zu ihrem Outing hat Jasmine H. immer das Männerklo aufgesucht. Doch seit sie auch äußerlich als Frau lebt, wollte sie lieber die Damentoilette nutzen. Damit haben einige ihrer Kolleginnen Probleme. Sie fühlen sich gestört von der Vorstellung, dass jemand, der körperlich noch ein Mann ist, ihre Toilette nutzt. Es ist übrigens auch nicht einfach, wenn sie in Frauenkleidern in Gaststätten die Männertoilette betritt.

Auch ein Schichtleiter weigerte sich, Jasmines weibliche Identität zu akzeptieren. Das will er erst tun, wenn die Personentandsänderung auch offiziell ist.

Das wird in wenigen Wochen der Fall sein, freut sich Jasmine H.. Den vorläufigen positiven Bescheid des Familiengerichts Kassel hat sie bereits. Dann erhält sie einen neuen Personalausweis, eine neue Geburtsurkunde und auch alle anderen Papiere mit ihrem Frauennamen. Und dann ist auch das Gesetz auf ihrer Seite. Bis dahin spricht der Schichtleiter sie mit ihrem Männernamen an.

Die Gesetzeslage

Der Umgang mit Personen mit nicht eindeutig definiertem Geschlecht ist bisher gesetzlich nicht geregelt. Es gibt ein Transsexuellengesetz aus dem Jahr 1981, das die Änderung des Vornamens und die Feststellung der Geschlechtszugehörigkeit regelt, das aber als dringend reformbedürftig gilt. Eine Reform des Gesetzes, die im Frühjahr 2019 auf den Weg gebracht wurde, scheiterte an zahlreichen Kritikpunkten.

Für das alltägliche Leben und dafür, wie Arbeitgeber und Behörden mit Trans-Menschen umgehen sollten, gibt es bestenfalls Empfehlungen. Die sind aber eben kein Gesetz und können jederzeit Gegenstand von Klagen sein.

Das Fehlen von gesetzlichen Regelungen kritisiert Jasmine H. scharf. Damit würden nicht nur transgeschlechtliche Menschen alleine gelassen, sondern auch deren Arbeitgeber. Ohne eine klare gesetzliche Regelung zum Umgang mit trans-geschlechtlichen Menschen seien dem Arbeitgeber die Hände gebunden, zum Beispiel bei der Toilettenregelung, erläutert Jasmine H.. Dann müsse firmenintern entschieden werden, wessen Persönlichkeitsrechte Vorrang hätten und das sei eigentlich nicht möglich.

Wie es weitergeht

Auch körperlich ist Jasmine H. auf dem Weg zur Frau. Seit April nimmt sie Hormone und freut sich über die nun langsam sichtbaren körperlichen Veränderungen. Wenn dann ihre Personenstandsänderung amtlich ist, sie also auch offiziell eine Frau ist, will sie sich mit geschlechtsangleichenden Operationen auseinandersetzen und sie bei der Krankenkasse beantragen, falls sie sich dazu entschließt. Auch eine Bart-Epilation und ein Stimmtraining hat sie geplant. „Ansonsten will ich einfach leben und glücklich sein“, sagt Jasmine H. „Mein Leben hat jetzt erst angefangen. Vorher ging es nur ums Durchhalten.“

Anderen Mut machen

Jasmine H. ist sich bewusst, dass man ihr immer ansehen wird, „dass ich mal ein Kerl war.“ Und sie mag den Gedanken nicht, dass sie einen Defekt hat. „Ich sage immer: Gott und Mutter Natur waren sich nicht einig, und so bin ich eben mit einer Mädchenseele in einem Jungenkörper auf die Welt gekommen.“

Mit ihrem Schritt an die Öffentlichkeit will Jasmine H. vor allem anderen Menschen in vergleichbarer Situation Mut machen. Alleine in ihrer Firma gibt es drei transgeschlechtliche Personen, die sich geoutet haben. „Wir werden mehr“, ist sie überzeugt. Auch bei ihrem Engagement für gesetzliche Regelungen und die Toilettenbenutzung geht es ihr nicht in erster Linie um sich selbst – ihren eigenen Kampf hat sie erfolgreich geführt – sondern um alle, „die nach mir kommen.“ Irgendjemand müsse ja anfangen, betont sie.

Mut machen will sie anderen auch über einen Video-Blog bei You-Tube.

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