Eltern sind gefordert

Drogenkonsum Thema im Rotenburger Präventionsrat: Eltern sollen genau hinsehen

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Marihuana und ein Joint: Das Cannabis-Rauchen, umgangssprachlich „Kiffen“, ist für manche Jugendliche schon Alltag.

Konsumenten und Dealer von Cannabis und Amphetaminen werden auch im Raum Rotenburg immer jünger.

Das ist jedenfalls eine Beobachtung der Drogenhilfe Nordhessen, die in der jüngsten Sitzung des Präventionsrats der Stadt bekannt wurde.

Der Präventionsrat, in dem Vertreter von Schulen, Kitas, kirchlicher und städtischer Jugendarbeit, Polizei, Diakonie und Drogenhilfe regelmäßig zusammenkommen, befasst sich derzeit schwerpunktmäßig mit dem Thema Drogen. Andere Themen in der Vergangenheit waren zum Beispiel Gewalt, Missbrauch und Armut.

Vorkommnisse von und mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen gibt es im Zusammenhang mit Drogen im Bahnhofsbereich, am Storchensee, am Gelände der Förderstufe der Jakob-Grimm-Schule (JGS) sowie am Spielplatz in Lispenhausen. Allerdings könne man nicht von alarmierenden Straftaten sprechen, auch nicht was die Zahl der Delikte angeht, heißt es bei der Polizei. Eine offene Szene, wie etwa in Großstädten, gibt es in Rotenburg und den Stadtteilen nicht.

Allerdings gebe es Hauspartys, also Treffen in privaten Räumen, in denen geschützt illegale Drogen konsumiert werden. Und das macht die Arbeit nicht leichter für diejenigen, die präventiv, also vorbeugend mit Kindern und Jugendlichen arbeiten wollen. „Wir bekommen das Problem erst mit, wenn die Beteiligten auffällig werden“, sagt Diana Voigt-Hohoff von der Drogenhilfe Nordhessen. Sie arbeitet im aufsuchenden Dienst. Das heißt, sie geht zu Drogenabhängigen oder -gefährdeten nach Hause, in die Familien. Der Stützpunkt der Drogenhilfe an der Breitenstraße kann aber auch anonym aufgesucht werden.

Doch die Zukunft dieser sozialraumorientierten Suchthilfe ist ungewiss: Die finanzielle Unterstützung des Landes ist ausgelaufen, nach einer Anschlussfinanzierung wird gesucht. Auch der Landkreis könnte hier in die Bresche springen – unterstützt die Drogenhilfe doch kreisweit Menschen dabei, von ihrer Sucht loszukommen.

Die Grundüberlegung für Vorbeugungsarbeit ist: Wie kann man Kinder stark machen? Stark gegen Drogen, aber auch stark gegen den Druck innerhalb von Gruppen, in denen mit Drogen experimentiert wird, sagt Stadtjugendpfleger Markus Paul. Bianca Schäfer, bei der Stadt zuständig für die Gemeinwesenarbeit, berichtet, dass es bereits – auch dank des Netzwerks im Kinder- und Jugendbereich – schon eine Reihe von Projekten gibt. Jetzt werde überlegt, die Drogenhilfe in die Arbeit der Schulen einzubinden, das Thema auch ins Ferienprogramm mitaufzunehmen sowie in jüngeren Klassen zu bearbeiten.

„Die Jakob-Grimm-Schule war mutig“, sagt Markus Paul. Dort hat man einen Handlungsleitfaden entwickelt, der einen klaren Umgang mit drogengefährdeten Jugendlichen formuliert.

André Köthe, kommissarischer Jugendbeauftragter der Polizei.

Bürgermeister Christian Grunwald erinnert ebenso wie der kommissarische Jugendbeauftragte der Polizei, André Köthe, an Grundlegendes: „Präventionsarbeit beginnt in der Familie.“ Eltern dürften die Erziehung nicht aus der Hand geben, sondern sollten ohne Scheu vor Auseinandersetzungen ihren Kindern auch klare Ansagen machen und gegebenenfalls auch Sanktionen aussprechen. „Laissez faire darf es nicht geben.“ Übrigens auch nicht bei der legalen und viel missbrauchten Droge Alkohol. 

"Erwachsene müssen genau hinsehen"

Drogenkonsum, auch der von legalen Drogen, ist kein spezielles Rotenburger Problem, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Dass es thematisiert und angegangen wird, ist für Rotenburgs Bürgermeister Christian Grunwald das besondere Verdienst des Präventionsrats. 

Objektiv gibt es auch nach Erkenntnissen der Polizei keine besonders auffällige Entwicklung im Bereich Drogenkonsum und -handel. Kopfzerbrechen bereitet den mit Jugendlichen befassten Fachleuten vielmehr der lockere Umgang mit Alkohol. Stadtjugendpfleger Markus Paul wünscht sich da ein genaueres Hinsehen aller Erwachsenen: Das geht beim Gastronomen los, der auch schon 14-jährigen Mädchen Alkohol serviert, und führt zum Handel, wo sich eine Kassiererin etwa mit dem Handyfoto eines Personalausweises austricksen lässt, das per Fotoshop manipuliert wurde. 

Und auch das kommt vor: Jugendlichen Sportlern wird gern mal eine Kiste Bier in die Kabine gestellt, auf Geburtstagsfeiern wird von Eltern Schnaps nicht nur erlaubt, sondern sogar mitgetrunken. 

Diana Voigt-Hohoff von der Drogenhilfe Nordhessen sagt dazu klar: „Jugendliche haben weder die Reife noch den Überblick, gezielt mit Drogen und Alkohol umzugehen. Die denken beim Konsum nicht an Abhängigkeit.“ Deshalb seien die Erwachsenen umso mehr gefordert. 

André Köthe, seit Kurzem kommissarischer Jugendbeauftragter der Polizei in Rotenburg, wünscht sich ein größeres Interesse von Eltern am Thema Drogen: Sein Vortrag in der Schule wurde nur von ganz wenigen Eltern angehört. Dabei seien informierte und engagierte Eltern unabdingbar, um Drogenkonsum vorzubeugen. „Erziehungsarbeit liegt immer noch bei ihnen“, sagt der 46-jährige Beamte.

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