Nachkommen britischer Häftlinge zu Gast

Spurensuche: Schule in Rotenburg wurde zum Kriegsgefangenenlager

Besuchten auch die Jakob-Grimm-Schule: David Conder und seine Schwester Sarah Rhodes, Kinder des in der Schule ehemals inhaftierten Peter Conder. Fotos/Repros: Meyer

Rotenburg. Zu Eröffnung der Ausstellung "Hochschule hinter Stacheldraht" im Rotenburger Kreisheimatmuseum sind auch Nachfahren der ehemals in der Jakob-Grimm-Schule Inhaftierten aus England angereist.

Die Jahre der Kriegsgefangenschaft haben den englischen Offizier Peter Conder geprägt, und zwar in einer Hinsicht auf positive Weise. Das ist der Grund, warum seine Tochter Sarah Rhodes und sein Sohn David heute mit einem guten Gefühl den Ort besuchen können, an dem er fast zwei Jahre gefangen war: die Rotenburger Jakob-Grimm-Schule. Sie waren Gäste bei der Ausstellungseröffnung „Hochschule hinter Stacheldraht“ im Kreisheimatmuseum in Rotenburg.

Gefangener Peter Conder

Conder geriet schon 1940 in Gefangenschaft. In wechselnden Lagern begann er in den folgenden Jahren, sich für Vögel zu interessieren, ihr Verhalten akribisch zu studieren. Als Conder am 1. Juli 1943 in die zum Gefangenenlager umfunktionierte Schule in Rotenburg kam, hatte er bereits hefteweise Aufzeichnungen gemacht.

Hier, in Rotenburg, beschäftigten sich die Gefangenen mit Kunst, Theater, Sprachen Malerei. Wohlgesonnene Bewacher gaben Conder Papier. Er traf auf Mitgefangene, die ihm halfen, seine Aufzeichnungen zu überarbeiten und in eine wissenschaftliche Form zu bringen. „Dieser Ort gab ihm die Zeit dafür“, sagt Sarah Rhodes bei ihrem Besuch in der Schule. Vom Fenster des heutigen Lehrerzimmers aus sieht sie die kaum veränderte Waldlandschaft jenseits der Fulda, die ihr Vater in ein Notizbüchlein gemalt hat. Sarah hat es aus England mitgebracht.

Trotzdem sei die Zeit auch beängstigend gewesen, sagt Peters Sohn David. Der psychische Druck müsse groß gewesen sein. Vor Kriegsende wurden die Gefangenen auf einen Fußmarsch zur Evakuierung geschickt. Seine Aufzeichnungen, 22 Hefte mit dicht beschriebenen Seiten, nahm Conder mit - auch, als er sich hinter Schwarzenhasel in den Wald absetzte und so entkam.

Aquarell: Peter Conder malte die Berge jenseits der Fulda in ein Notizbuch, das seine Tochter jetzt mit nach Rotenburg brachte.

In England machte sich Peter Conder einen Namen als Vogelkundler, wurde zum Chef der königlichen Gesellschaft für Vogelschutz. Sarah und David wissen, dass ihr Vater damit glücklich war. Er hätte eigentlich den väterlichen Betrieb für Werbung weiterführen sollen. Er habe dieses Geschäft gehasst, sagt Sarah.

In Rotenburg gingen David und Sarah auch auf Erkundung ins Vogelwäldchen nahe der Schule, den Ort, den ihr Vater für die Beobachtung der Vogelwelt nutzten durfte. Und sie streiften durch Rotenburg. „Mein Vater hat nie geschrieben, wie schön die Stadt ist“, sagt Sarah - wahrscheinlich, weil er sie nicht gesehen hat.

Von Achim Meyer

 

Mehr über den Besuch und die Ausstellung lesen Sie in der gedruckten Montagsausgabe.

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