Kindertagesstätte

Streit um Kinderlärm in Lispenhausen: Nachbarn fühlen sich beeinträchtigt

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Enge Nachbarn: Links das Kita-Gelände, rechts das Grundstück der Familie Rottler. Die Stadt versucht, durch eine Heckenanpflanzung Distanz und Lärmschutz zu schaffen.

Lispenhausen. In Lispenhausen spitzt sich derzeit ein bereits mehrere Jahre andauernder Streit zwischen unmittelbaren Anwohnern der Kindertagesstätte und der Stadt zu.

Im Mai findet ein Beweissicherungsverfahren statt, das von der Familie Rottler beim Landgericht Fulda angestrengt wurde. Es wird also bereits im Vorfeld einer möglichen Klage ein gerichtsfestes Gutachten über die Lärmbelastung durch die Kita erstellt.

„Wir wollen nicht, dass die Kita verschwindet“, stellt Ute Rottler klar. „Es geht uns nur um ein bisschen Lebensqualität.“ Sie wohnt mit ihrem Mann seit 2009 in unmittelbarer Nachbarschaft der Einrichtung, in ihrem Elternhaus. Vorher hatte das Paar lange Zeit im Ausland gelebt. Auf ihrem kleinen Grundstück hatten sich die Rottlers eine gemütliche Sitzecke eingerichtet. Doch die Fläche können sie nicht nutzen, weil der Lärm der Kinder zu groß geworden sei, meint Ute Rottler.

Die Spielfläche der Kita war geschrumpft, weil 2013 eine Krippe auf dem Gelände neu errichtet worden war. Allerdings bekam die Kita auf einem gegenüberliegenden Grundstück einen neuen großen Spielplatz hinzu, der auch genutzt wird. In Kita und Krippe gibt es etwa 110 Kinder.

Es gab viele Gespräche, der Bürgermeister habe ihr zugesagt, eine Lösung zu finden, erzählt Ute Rottler. Doch eine Lösung sieht für die Beteiligten ganz unterschiedlich aus: Rathauschef Christian Grunwald und die Verwaltung dachten an einen grünen Kompromiss, also eine Hecke. Familie Rottler fordert dagegen eine Kalksandsteinmauer, hatte auch angeboten, sich an den Kosten zu beteiligen.

Bei der Stadt geht man von mindestens 15.000 Euro Kosten für eine solche Mauer aus, das Ehepaar Rottler hatte einen Kostenvoranschlag in Auftrag gegeben, der bei etwa 7000 Euro lag. Rottlers wollen durch die Mauer auch verhindern, dass Sand, Steine oder Spielgegenstände auf ihrem Grundstück landen, wie es in der Vergangenheit passiert sei.

Weil lange Funkstille zwischen den Kontrahenten herrschte, haben die Rottlers nun über einen Fachanwalt den Gerichtsweg beschritten und das Beweissicherungsverfahren initiiert. Im Zuge dessen ist die Lage noch einmal eskaliert: Ute Rottler hatte mit ihrem Handy Filmaufnahmen der spielenden Kinder gemacht – um die Lärmbelastung zusätzlich zu dokumentieren, wie sie sagt. Weiter habe sie sich nichts dabei gedacht. Für Bürgermeister Christian Grunwald war damit „eine rote Linie überschritten“. Er sah die Persönlichkeitsrechte der Kinder missachtet und hat eine Unterlassungsverfügung veranlasst. Das Handyvideo musste gelöscht werden.

Der Elternbeirat der Kita ist „verwundert“ über das Vorgehen der Nachbarn, hofft aber dennoch auf eine gütliche Einigung im Sinne der Kinder, erklärte Vorsitzende Elisa Schwarz. Auch der Elternbeirat bietet den Rottlers „konstruktive Gespräche“ an.

Eine friedliche Lösung wünscht sich im Grunde auch das Ehepaar Rottler. Aber eine Mauer wird das nicht sein, wenn es nach dem Bürgermeister geht.

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Kinder nicht einmauern

Mal ehrlich: Tobende, kreischende Kinder können nerven, wenn man gemütlich Zeitung lesen oder Gespräche mit Freunden führen will. Und dieses Empfinden steigt, je weiter man sich mit zunehmendem Alter vom Alltag mit Kindern entfernt. Aber eine Mauer zum Schutz vor Kinderlärm? Das hätte eine ganz besondere Qualität, aber keine gute.

Eine Mauer steht in der Regel zwischen Menschen und Einrichtungen, die einander fürchten. Es gibt Gefängnismauern, die Straftäter einkesseln und die Gesellschaft vor ihnen schützen soll. Es gibt (und gab) Mauern, die Völker und Weltanschauungen trennen. Soll nun eine Mauer Schutz vor Kindern bieten? Was lernen sie, wenn sie beim Spielen auf eine Steinwand schauen? Was sagt es über eine Gesellschaft, die zulässt, dass man spielende Kinder vom Rest der Bevölkerung durch eine Mauer trennt?

Es bedeutet auf jeden Fall, dass Kinder nicht als lebendiger, erwünschter und zukunftssichernder Teil des Gemeinwesens angesehen werden. Eine Mauer als Kita-Begrenzung geht gar nicht – bei allem Verständnis für den Ruhebedarf einzelner Menschen. Im Lispenhäuser Kita-Streit ist es höchste Zeit, dass sich alle Betroffenen noch einmal gemeinsam an den Tisch setzen und einen angemessenen Kompromiss suchen – so schwierig das auch wird.

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